Schule des Rades

Arnold Keyserling

Wassermannzeit

VIII. Glaube

Christliche Botschaft

Die historische Bedeutung der christlichen Botschaft kam durch den Apostel Paulus, der sein persönliches Erlebnis der Erscheinung Christi in Damaskus zum Ausgangspunkt seiner Lehre machte: Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Der Mensch ist insofern göttlich, als er erkennt, daß sein kleines Ich nur als Teil des Großen Menschen Bestand hat.

Da es für die gesetzesfrommen Juden unmöglich war, einen Messias anzuerkennen, der den Sünder höher stellte als den Gesetzestreuen und den Glauben an die Auferstehung für wichtiger hielt als alle intellektuelle Klärung der Tora, konnte nur das griechische, ägyptische und römische Denken die religiöse Kontinuität wahren. Die Juden hatten nach der Vertreibung den rituellen Tempel in ein Lehrhaus, die Synagoge verwandelt, und bildeten während der ganzen Fischezeit den dialektischen Gegenpol zur christlichen Glaubensgewißheit. Mit dem Konzil von Nicäa wurde die Dreieinigkeit — drei Personen, eine Substanz Gottes — als Dogma anerkannt. Philosophie galt fortan als Magd der Theologie wie seit der Aufklärung als Magd der Wissenschaft.

Die pharaonische Vorstellung der Göttlichkeit des Kaisers wurde anachronistisch; die Grausamkeiten der Christenverfolgungen erwiesen die staatsmännische Unsinnigkeit dieser Auffassung. Da die Juden Christus als Messias nicht anerkannten, kehrten die ersten Christen zur Symbolik des Weltenjahres zurück; die Apostel waren Fischer, sie hielten sich für die Vertreter des neuen Aions. Die vier anerkannten Evangelien über die Worte und Taten Christi wurden nach den vier astralen Urzeichen interpretiert: Matthäus das Lehrevangelium des Wassermann; Markus, die Gotteskindschaft des Löwen; Lukas, die Wunderheilungen im Stier, und schließlich Johannes im Adler (Skorpion) die mystische Botschaft: Wer nicht wiedergeboren wird aus Wasser und Geist, kann nie das Himmelreich erreichen.

Die Taufe nahm das Wasser als heiliges Element, das bereits im Mysterium des Asklepios zum existentiellen Träger der Reinigung verwendet wurde. Das Abendmahl ist zum Symbol der Wandlung erklärt worden; durch das Essen des Gottes, fühlen, Eucharistie, wurde man mit Christus nach vorhergehendem Reuebekenntnis vereinigt. Der Glaube allein macht selig, die Vernunft kann nur bis in seinen Vorhof führen; bis zur Aufklärung bildete dieser Gedanke die Grundlage der abendländischen Theologie. Das Bekenntnis wurde entscheidend. Die drei christlichen Religionen: Orthodoxie, Katholizismus und evangelische Kirche unterscheiden sich durch ihre Interpretation der Dreieinigkeit: Für die Orthodoxen kommt die Gnade nur durch den Vater und die Kraft; für den Katholiken durch Vater und Sohn, und für den Protestanten durch die Heilige Schrift, die als Wort Gottes bezeichnet wird.

Anstelle des Gegensatzes zwischen diesseits und jenseits trat im gesellschaftlichen Rahmen die Lehre Augustins von den zwei Reichen. Das eine Reich des Weltenjahres ist zyklisch; einmal war Babylon die Welthauptstadt, danach Rom und Byzanz. Doch die lineare Heilsgeschichte, die civitas dei im Unterschied zur civitas terrena vollendet sich über fünf Stufen, die den aristotelischen Kategorien des Dramas entnommen waren:

  1. 1.ExpositionParadies
  2. 2.OppositionSündenfall
  3. 3.KriseGeburt und Tod des Erlösers
  4. 4.PeripatetikJüngstes Gericht
  5. 5.KatastropheNeues Jerusalem, wiedergewonnenes Paradies.

Von Anfang an stand das Christentum in der Erwartung der Endzeit des wiederkehrenden Christus. Die Parusie wurde von den Aposteln für ihre Generation erwartet, später für das Jahrtausend. Im Bekenntnis wurde der Sohn Christus dem Vater JHWH gleichgesetzt und die dritte Person der Dreieinigkeit, der Heilige Geist, wurde als Inspiration verstanden.

Die Ägypter hielten als Kopten monophysitisch an der Einnatur Jesu fest. Die dogmatischen Haarspaltereien der Griechen und Römer, bei denen Dogmen durch parlamentarische Auseinandersetzung festgelegt wurden, konnten der Heilserwartung nicht gerecht werden. Der persische Prophet Mani behauptete, er sei die erwartete Inkarnation; doch war er politisch erfolglos und endete im Gefängnis. Die tatsächlich dritte Person wurde dem Propheten Mohammed zugeschrieben, dessen Reich sich binnen kurzem als Glaubens­gemeinschaft vom Atlantik bis zu den Philippinen erstreckte.

Arnold Keyserling
Wassermannzeit · 1988
Visionen der Hoffnung
© 1998- Schule des Rades
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