Schule des Rades

Arnold Keyserling

Wassermannzeit

I. Kosmogonie

Selbstorganisation

Raum und Zeit werden in der Information vereint, der beharrenden Struktur der Systemik, die uns nach Element, Beziehung und Zusammenhang durch die Sprache, die Logik zugänglich wird. Das menschliche Gewahrsein ist sprachlich; wir sind gestaltetes Wort. So kann man die mythische Vorstellung der Schöpfung dahingehend logisch präzisieren, daß der Mensch als Bewußtsein ein Wort, ein Name ist, das über die Kommunikation mit anderen Wortwesen als geprägten Seinssubjekten in Beziehung treten kann und ärmer oder reicher ist. Allem Anschein nach ist in unserem Universum die Vergrößerung des Reichtums der Evolution das einzig erkennbare Ziel und damit auch der Sinn des menschlichen Daseins.

Der Urknall wird zur Materie und verläuft im Abstieg vom Quanta, Photon, Elektron und Atom bis zum Molekül der Wirklichkeit. Diese Welt bezeichnen wir als Mikrokosmos. Sie steht in Entsprechung zur makrokosmischen Welt der Vermehrung der Abhängigkeit, die vom Universum in seiner pulsierenden Ausdehnung und Zusammenziehung über die Galaxien, die Sonnen, die Planeten wie die Erde zum Mond als letzten makrokosmischen Körper führt. Beide Bewegungen sind Emanationen. Ihnen entgegen steht die Evolution, der Aufstieg, der Weg zurück zur Ganzheit. Er vollzieht sich über die Stufen des Kosmos, die symmetrisch zu Makrokosmos und Mikrokosmos sind:

K o s m o s

Die Evolution beginnt mit dem genetischen Code, den DNS. Sie können das Mineral als Kristall in zwei Richtungen über die Nukleotiden zusammenschließen, aus denen später der Arterhaltungstrieb und Selbsterhaltungstrieb entstehen: Speicher- und Botschafternukleotiden. Sie bilden das spiralische Genom in seiner Stufenleiter, woraus alle Lebewesen entstehen. Hierbei ist das Molekül der mikrokosmische Aspekt, der Mond als Verursacher des Wasserhaushalts der makrokosmische, weil er das Achtergesetz der gesättigten Verbindungen bestimmt.
Das Genom ist als Information unsterblich: hier hat es an jenem teil, was später Bewußtsein wird, an der Einstrahlung des göttlichen Lichtes.
Die zweite Stufe ist die Pflanze, in ihrer Achse auf die Erde bezogen. Sie verwendet die Energie der Sonne, um die Kohlenwasserstoffe zu integrieren. Die Pflanze ist auf den Wechsel von Tag und Nacht geeicht. Ihr Atem wechselt zwischen Kohlensäure und Sauerstoff. Ferner alterniert sie zwischen Same und Gestalt. Sie ist vollständig von der Umwelt abhängig. Die dritte Stufe ist das Tier. Das Mineral ist in allen Richtungen symmetrisch. Die Pflanze ist oben und unten verschieden und an den Boden verhaftet. Das Tier ist frei beweglich, zur Achse oben · unten tritt die Achse hinten · vorn. Es lebt im Zyklus von fressen und gefressen werden im kosmischen Stoffwechsel.
Das Tier wird aus den vier Urtrieben Nahrung, Sicherung, Reproduktion und Aggression gesteuert, die ohne Dazwischentreten eines Ichs seine Einstimmung in das Gleichgewicht der Natur aufrechterhalten, solange die Gattung in der natürlichen Selektion dem Zeitgeist entspricht.
Das Tier lebt im Jahreszyklus der Sonne. Manche wandern wie die Zugvögel und Rentiere zwischen Norden und Süden, andere wie die Krähen zwischen Westen und Osten.

Der Mensch ist ein Tier, aber bei ihm tritt eine neue Achse hinzu. Er kann links und rechts unterscheiden, sein Großhirn ist lateralisiert. Ihm ist der Traum so zugänglich wie das Wachen, die Vision wie die Erfahrung. Er lebt zwischen den Daten der Sinne im Empfinden und den Visionen des Geistes. Arterhaltung und Selbsterhaltung wirken nicht mehr nahtlos zusammen, sondern es entsteht das Problem, wie sie im Werk ins Gleichgewicht kommen. Ferner ist für eine längere Epoche in seinem Leben die Sphäre des Geistes verschlossen. Sie öffnet sich erst als Bekehrung, sobald er Zutrauen zu seiner Vision, seinem Glauben findet.

Arnold Keyserling
Wassermannzeit · 1988
Visionen der Hoffnung
© 1998- Schule des Rades
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