Schule des Rades

Arnold Keyserling

Wassermannzeit

VIII. Glaube

Mohammed

Die heutige christliche Theologie ist in einem solchen Maße von der Aufklärung und dem historischen Positivismus beeinflußt, daß sie nicht mehr im lebendigen Glauben, sondern in Schriftquellen oder Zeitströmungen ihre Kriterien sucht. Mohammed wuchs sicherlich mit mangelhaften Kenntnissen der christlichen und jüdischen Überlieferung auf. Er war zuerst erschrocken, als ihm der Erzengel Gabriel in einer Vision mitteilte, er müsse den einzigen Gott Allah verkünden welcher dem Menschen mit dem Schreibrohr lehrte was er nicht wußte.
Soll man jetzt die religiöse Wahrheit an der Existenzmitteilung oder an der Plausibilität prüfen? Tatsächlich haben Mohammeds eigene Äußerungen über Moses und Jesus eine stärkere historische Wirkung gehabt — auch da, wo sie nicht den Tatsachen entsprachen — als wohlmeinende historisch richtige Interpretationen.

Ein menschliches Leben ist eines unter vielen möglichen, seine Interpretation ebenfalls. Aber es ist nicht gleichgültig, ob ein Mensch imstande ist, Visionen zu erdenken oder von Allah direkt zu empfangen. Der Islam verkündet, daß es überhaupt nichts gibt, was nicht ursprünglich dem Göttlichen entstammt.
Der Prophet hielt sich für einen ganz gewöhnlichen Menschen; er vollbrachte keine Totenerweckungen und Heilungen wie Christus. Sicher sind auch manche der Suren des Koran aus politischer Notwendigkeit verändert worden, also nicht reine Botschaften. Aber das hat kein Gewicht gegenüber der Tatsache, daß jeder Moslem mittels der einfachen fünf Säulen des Glaubens auf Allah eingestimmt bleibt: dem Glaubensbekenntnis — es gibt nur einen Gott und Mohammed ist sein Botschafter; dem fünfmal täglich vollzogenen Gebet mit dem Gesicht nach Mekka; die Wallfahrt dorthin als Hadsch, die den Menschen verwandelt, weil sie ihn an den Ostpunkt des Tierkreises führt; die Almosen für Witwen und Waisen und die Befreiung von Gefangenen; schließlich das Fasten im Monat Ramadan zur Erinnerung an Mohammeds Flucht von Mekka nach Medina, der den Zeitraum zwischen Sonnenjahr und Mondjahr überbrückt.

Durch den Propheten wurde die Philosophie im Vergleich zum Glauben gegenstandslos. Während für die Christen die Aufstellung von Dogmen wesentlich ist, weil diese die Worte Christi im Sinne der Kirche interpretieren, sucht der Islam gar nicht nach Einstimmigkeit. Ein Wort des Propheten lautet: Die Unstimmigkeit unter den Gläubigen ist ein Zeichen der Gnade Allahs.
Eine philosophische Begründung des Korans war ausgeschlossen, da die Dichtung von Gott selbst ist. Aber der Prophet hatte nichts über die Zahlen gesagt und so gingen islamische Gelehrte daran, alles Wissen nach den neun Ziffern zu klassifizieren. Der erste Ansatz hierzu waren die Lauteren Brüder von Basra um 800, die auch das Enneagramm als Urbild der Grammatik entdeckten.
Diese gleichsam lexikalische Wissensentfaltung ließ keine Schlüsse auf den Glauben zu. Das intellektuelle Leben wie auch die Gesellschaft kannte nur Gesetzesfrömmigkeit oder mystische Verzückung wie bei den Derwischen. So entwickelte sich der Islam als Theokratie und kam seit dem 13. Jahrhundert in eine Erstarrung, aus der er erst in der Gegenwart mancherorts aufzuwachen beginnt. Die geistige Entwicklung kehrte mit Beginn der Scholastik nach Europa zurück und führte über die Germanen zu einer neuen Hochblüte des Glaubens.

Arnold Keyserling
Wassermannzeit · 1988
Visionen der Hoffnung
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD