Schule des Rades

Arnold Keyserling

Wassermannzeit

VIII. Glaube

Der Weg Europas

Die Religion der Germanen war mythisch. Doch im Unterschied zu Griechen und Römern setzten sie ähnlich wie Persien am Kampf zwischen Gut und Böse als Grunddrama des All an. Die Götterdämmerung am Ende des vierten Zeitalters war ihnen bekannt. Doch suchten sie nicht aus dem Wissen den Weg zum Himmel — Loki der Schlaue galt als der Teufel — sondern dem Glauben. Der Herzog hatte die Aufgabe, im Kampf für Gott zu fallen; der Graf, ihn davor zu beschützen. Der Tod war also von Anfang an das Ziel im Sinne der Fische, das künftige Heil selbstverständliche Erwartung. Für die skeptische mediterrane Einstellung der Griechen und Römer war kein Platz. Oberstes Gebot war die Treue gegenüber dem Kaiser und König, die Vertreter des Himmels auf Erden sind, der Kaiser und die Könige galten als der weltliche Arm Christi, der Papst als der geistige. So war für die Germanen das Christentum ähnlich wie für die Ägypter die natürliche Antwort auf ihre Erwartung; dort als fleischgewordener und auferstandener Horus, im germanischen Bereich als jener, der im Kampf auf der Seite Gottes gesiegt hat und dadurch das Ende der alten Götter besiegelt. Daher trat der sächsische Herzog Widukind, nachdem er von Karl dem Großen besiegt worden war, mit allen Sachsen zum Christentum über.
Der Kampf gegen das Böse und die Selbstsucht war die Voraussetzung der Auferstehung. In den Kreuzzügen trafen die Ritter bei Arabern und Persern auf die gleiche Einstellung. In dieser Auseinandersetzung entwickelte sich die Ethik des Rittertums, die im Helden als Nachfolger des Märtyrers den religiösen Weg von Treu und Glauben verwirklichte. Der siegreiche Krieger wurde zum Heiligen, und alle Könige und Fürsten mußten bei den Franken ihre charismatische Heilkraft erweisen.

Nicht mehr der Gerechte, sondern der Heilige ist in der Fischezeit das Vorbild. Der Name eines bestimmten Heiligen, der den Weg zur Neuen Erde geschafft hat, wird Leitbild in der Taufe; man feiert den Namenstag und nicht den Geburtstag.

Mit der Eroberung des römischen Reiches traten die Germanen in Auseinandersetzung mit der lateinischen Bildung, die fortan in der Hand der Klosterschulen war. Diese pflegten die sieben artes liberales, die freien Künste: das Trivium Rhetorik, Dialektik und Grammatik, und das Quadrivium Arithmetik, Geometrie, Musik und Astrologie. Sie hießen frei, weil sie nicht einem praktischen Nutzen oder Handwerk, sondern der Menschwerdung dienten. Aus den freien Künsten entstand die Ars Magna, die der spanische Philosoph Ramon Lull als große Kunst im Rad zusammenfaßte mit dem Ziel, alle Bildung dem Glauben einzuverleiben.

Das Zentrum der Schulen war Paris. Hier begann man das ganze Wissen als Weg zu Gott, zum Heil zu verstehen; Universitas heißt dem Einen zugewandt, nicht der Vielfalt des Wissens wie die heutige Universität. Da Skepsis und Eklektizismus außerhalb des Glaubens waren, versuchte man aus der Bibel die mögliche Bedeutung der Sprache zu ermitteln; es kam zu den zwei gegensätzlichen Positionen der Realisten und Nominalisten. Sie nahmen verschiedene Bibelstellen zum Ausgangspunkt:
Für die Realisten ist das Johannesevangelium maßgebend: Im Anfang war das Wort, das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Demnach wäre also die Kunst des Wortes, die Logik der Weg zum Heil. Wenn der Mensch aus seinem Geist alle Vorstellungen verbannen könnte, die nicht allgemeingültig und immer wahr sind, dann müßte er damit über das Denken die Wahrheit und das Heil, die Teilhabe am Geist Gottes erreichen.

Die Nominalisten gingen vom alten Testament aus: Gott führte vor Adam alle Wesen, Pflanzen und Tiere, damit er sie benenne. Die Sprache ist also nicht das Wesen der Gattung im Sinne ewiger platonischer Ideen, sondern sie schafft Namen ohne Eigenbedeutung, welche der Mensch den Dingen verliehen hat. Die Wahrheit ist daher nicht jenseitig, sondern sie liegt in den Menschen, die sie vertreten.

Die Auseinandersetzung beider Standpunkte wurde in den großen Summen vollzogen, die als Kriterium die Bibel, die Tradition der Kirche, die Logik der Vernunft, den gesunden Menschenverstand, die Erfahrung und die Argumente gegen die Heiden zu einem System zusammenfaßten. Hieraus bildete sich der Universalienstreit, der bis in die Gegenwart das abendländische Denken prägt, heute vertreten vom pragmatischen Amerika als Nachfolger des empirischen Nominalismus und vom kommunistischen Rußland als Nachfolger des Realismus.
Durch die Vermittlung von Moses Maimonides wurde im Hochmittelalter die arabische Philosophie und damit auch Aristoteles bekannt. Der Reichtum seines Wissens vor allem in der Metaphysik wurde durch Albertus Magnus und Thomas von Aquin zur endgültigen Grundlage der katholischen Theologie, die ihren bildhaften Ausdruck in der Gotik fand, welche die Grundzüge der germanischen Religion mit dem antiken Erbe zu einem gewaltigen Weg des Wissens verband, was aber nicht in den Händen der Priester und Ritter, sondern der Handwerksmeister der Bauhütten überliefert wurde.
Die Wandlung vom Mittelalter zur Neuzeit wurde theologisch von Meister Eckhart vollzogen, der nicht mehr Gottesschau und Theorie, sondern die Kreativität des Menschen selbst zum Ansatz seiner Lehre machte. Einerseits ist der Mensch kontemplativ im Sinne des Aristoteles; aber wenn er den Wesensgrund in sich entdeckt, das Fünklein jenseits der Dreieinigkeit als namenlose Gottheit und daraus Werke vollbringt, wird er dem Schöpfungsvermögen der Dreifaltigkeit gleich.

Mit der Umkehr von der objektiven Einordnung zur subjektiven Kreativität trat Europa aus der allgemeinen Weltgeschichte heraus und begann seinen eigenen Weg. Das kosmologische Denken, das seinen letzten Ausdruck in der Gotik und in Dantes Divina Commedia erfuhr, wurde in der Renaissance durch den humanistischen Denkstil abgelöst, der alle Philosophie verwarf und in der Sprache selbst den Schlüssel zum Verständnis des menschlichen Weges vermutete, ohne aber den Glauben zu verlassen.

Mit dem Ende der christlichen Macht, der Herrschaft von Kirche und Adel, mit dem Aufstieg des Bürgertums in Renaissance, Aufklärung und Nationalismus kam einerseits die wissenschaftliche Methode in den Vordergrund, andererseits wurden die Nationen und Volkssouveränitäten als metaphysische Substanzen betrachtet. Dies führte überspitzt zum Glauben an letzte Endlichkeiten wie Rasse, Volkstum und Blut; ein scheinbar biologischer Grund, der die Religion ersetzen sollte. Der deutsche Nationalsozialismus war das letzte Aufbäumen der Fischezeit: Heroismus um seiner selbst willen, der ewige Wert des deutschen Volkes, eine nationale und sozialistische Ethik, das Führerprinzip, der Mißbrauch und die Unterdrückung von sogenannten Untermenschen berief sich auf einen pseudowissenschaftlichen Ethos; denn wenn Menschen tatsächlich einen verschiedenen Wert hätten, dann müßte man die wertvollen genau wie bei der Tierzucht fördern und schlechte Elemente ausmerzen.
Die Germanen unterschieden zwischen Lichtwaltung und Dunkelwaltung. Der germanische Mythos war von Bonifatius im Unterschied zu der slawischen, römischen und griechischen Missionierung nicht integriert worden, sondern in der Götterdämmerung überwunden. Christus hatte sich als Sieger, als auferstandener Baldur erwiesen.
Der Nationalsozialismus war antigeistig, also tatsächlich böse im Sinn der Religion. Der amerikanische Pragmatismus und Behaviorismus und der russische dialektische Materialismus dagegen machen keine Wesensaussagen über die Religion, sondern sie hatten und haben das gemeinsame Ziel der Befreiung des Menschen zu seiner biologischen Selbstbestimmung. Beide sind sie auf bestmögliches Überleben gerichtet, das sie vom evolutionär-uranischen (Amerika) oder revolutionär-neptunischen (Rußland) Gesichtspunkt angehen. Doch die Lösung der menschheitlichen Problematik kann nur durch Ergreifen des größten plutonischen Zusammenhangs erfolgen. In der Wassermannzeit ist die Erde selbst unsere Umwelt; die älteste Religion der Menschheit tritt als Weg des Wissens heute aus der Esoterik in die Kommunikation.

Arnold Keyserling
Wassermannzeit · 1988
Visionen der Hoffnung
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD