Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Wassermannzeit

X. Riten der Wassermannzeit

Die zwölf Tage

Zwischen den zwölf Monaten des Sonnenjahres und den zwölf Monden, Mondmonaten, besteht eine Differenz von elfeinhalb Tagen, die bereits in den vorchristlichen Kulturen in besonderer Weise begangen wurde. So entzog sich der Kaiser von China einmal jährlich im August den Staatsgeschäften, um sich dem eigenen Wesen zuzuwenden, sich zu runden, seine ganze Kraft zu versammeln und durch die Läuterung seiner Person das Reich zu heilen. In Tirol pflegen die Bauern in der Periode der zwölf heiligen Nächte zwischen Weihnachten und dem Fest der drei Könige den Anbauplan für das kommende Jahr zurechtzulegen. Den Germanen galt diese Zeitspanne als Wotans wilde Jagd, in der der einzelne das Jenseits befragen konnte.

Für uns sind die zwölf Tage auch eine Einkehr; ein persönlicher Ritus, der unsere Einstellung zur Welt spiegelt im bewußten Durchschreiten des Häuserkreises.
Über die Themen des Häuserkreises im Tierkreis können wir die eigene Anlage und die Einstellung zur Welt erkennen und letztere korrigieren, während wir im Jahreskreis über die Monatsgespräche den Tierkreis, den Großen Menschen erkennen und die Einwirkung der Zeit — der Welt — auf unser Leben erfahren. In den Monatsgesprächen ist das Urbild des Menschen aller Zeiten, der Tierkreis der objektive Raster, auf dessen Grund wir unseren subjektiven Stand erkennen. In den zwölf Tagen hingegen sind die Themen des Häuserkreises der gegebene Raster, mit denen wir uns polarisieren, auf daß das persönliche Geschehen des Tages zur Information in Bezug auf unsere zwölffältige Ganzheit werde.

Wir haben zwölf Tage in diesem Sinne oft allein durchlebt und damit unsere Unterscheidungsfähigkeit und Wachheit gefördert. Ist doch jedes Horoskop, jeder Mensch gewissermaßen einseitig, und unser Augenmerk tendiert, sich immer wieder auf Gehabtes und Bekanntes zu beschränken. Oft scheint ein Tag dem anderen gleich, weil wir den Wandel nicht bemerken. So ist es eine Vertiefung, das Geschehen des Tages und die Träume der Nacht von jeweils verschiedenem Aspekt aus zu betrachten.
Eine besondere Bereicherung ist, die zwölf Tage gemeinsam zu vollziehen. An Tagen, in denen sich nichts Bemerkenswertes zu ereignen schien, wird das Thema über die Erzählung der Gefährten Gestalt annehmen, wenn wir im Zuhören, das Gesagte wie das Nichterwähnte durchdringen, das Eigentliche entdecken.

Die Beschreibung der zwölf Tage entnehme ich dem Buch Im Jahr des Uranus — der Weg des philosophischen Handwerks das der Bruno Martin Verlag 1986 veröffentlichte, das unsere Arbeit im Intensivseminar der Maieutik 1985 schildert.

  1. Am Abend vor dem ersten Tag besinnen wir uns auf das erste Haus, Seele-wollen, Persönlichkeit. Wir achten am nächsten Tag darauf, was uns in Bezug auf diese Thematik Durchsetzungsvermögen, persönliche Kränkung, Verständnis anderer Persönlichkeiten, die uns vielleicht über den Bildschirm begegnen — zur Information wird.
  2. Am Abend vor dem zweiten Tag stellen wir uns darauf ein, Zeugen unserer Beziehung zur Welt der Dinge, Körper-empfinden, im Umgang mit den Gegenständen, sei es gestaltend, besitzend, bewundernd oder gar über die Bananenschale stolpernd zu sein.
  3. Der dritte Tag, Geist-denken, mag uns zeigen, wo wir für Informationen offen sind; wie wir sie weitergeben, welche Schwierigkeiten und Möglichkeiten im gemeinsamen Zusammenwirken auftauchen, wo sich unser Fortschritt ergibt.
  4. Vielleicht bringt der vierte Tag eine Weisung über den Traum. Die zwölf Tage schließen ja die zwölf Nächte ein; mögen sie doch zu heiligen, zu heilenden Nächten werden! Vielleicht ergibt sich im Seele-fühlen eine Klärung unserer Familienverhältnisse: Einblick in Ursachen von Spannung und Harmonie im Heim, ein tieferes Verständnis der eigenen Bedürfnisse aller Beteiligten.

Freilich mögen wir achtgeben, uns in den zwölf Tagen nicht zu programmieren. Wir müssen nicht am vierten Tag die gesamte Verwandtschaft anrufen, sondern eher auf das Zukommende achten. Wir tun, was anfällt und versuchen in doppelter Aufmerksamkeit uns einerseits dem Täglichen zuzuwenden, andererseits zu bemerken, was eigentlich geschieht. Indem sich zwölf Kapitel unserer Geschichte im Kreis zusammenfügen, erhalten die einzelnen Fährnisse ihren Platz im Ganzen; die persönliche Anlage wird zum Kraftfeld.

  1. Was wird uns wohl der fünfte Tag des Körper-wollens, der Entfaltung und Meisterung bringen? Was bedeutet uns die Sexualität, wie erleben wir unsere Kinder? Wo wird Übung zur Meisterschaft, und wie unterscheiden wir unser Können vom Bemühen?
  2. Der sechste Tag steht unter dem Zeichen von Geist-empfinden. Wo liegt unser eigentliches Arbeitsfeld, da Anstrengung zu einem Ergebnis führt? Vielleicht ist es nicht im Tätigkeitsbereich, den man mit Arbeit bezeichnet. Vielleicht wissen wir gar nicht, wo wir wirklich etwas leisten, und entdecken unser Wirken.
  3. Am siebten Tag, Seele-denken, wird uns manches über unsere Beziehung zum Mitmenschen und Partner, über die Kunst der Kommunikationsweisen, Lebensformen und Sitten klar.
    Wenn wir die zwölf Tage gemeinsam mit anderen begehen, dann gibt es an diesem Abend, sobald alle ihre Erlebnisse berichtet haben, ein festliches Essen. Wir versuchen es so erfreulich wie möglich zu gestalten und uns entsprechend zu kleiden.
  4. Zwölf Tage sind eine lange Zeit, am achten, Körper-fühlen, begegnet uns vielleicht eine Erneuerung der Initiative, eine unerwartete Gelegenheit. Manche helfen nach, hier ihre Kräfte zu mobilisieren, indem sie dem Gewohnten anders begegnen; vielleicht fasten, oder einen großen Morgenspaziergang machen; mag sein, daß es auch etwas zu entrümpeln, zu bereinigen gibt.
  5. Der neunte Tag, Geist-wollen, mag die Richtung und den Weg klären. Manchmal haben wir eine Vision oder es begegnet uns etwas, was wir als Botschaft des Jenseits spüren. Doch vielleicht wird uns an diesem Tag auch unsere eigene Religion verständlicher. Auch eine Reise praktischer oder geistiger Natur kann sich anbahnen.
  6. Am zehnten Tag, Seele-empfinden, hat man wohl mit öffentlichen Ämtern zu tun und lernt, worauf es im Verkehr mit diesen ankommt; oder es geht um die eigene Stellung im Beruf, je nach der Planetenbesetzung. Meine Teilnahme am öffentlichen Leben besteht darin, daß ich im Gespräch mit meinem Mann für jene Themen offen bin, die er im nächsten Vortrag darstellen möchte; indem ich ihn durch mein interessiertes Schweigen unterstütze und seine Hosen für diesen Auftritt bügle.
  7. Im elften Haus, Körper-denken, mag einer verstehen, wie er an der Zivilisation, dem Werk der Menschheit, teilnimmt: als Konzertierender, Zuhörer, Schreibender oder Lesender. Beides ist gleich förderlich. Er wird sehen, an wessen Werk er anknüpfen kann; es mag ein praktisches, seelisches oder geistiges Handwerk sein, worin jemand Vollendung erreicht hat und woran der Nachkomme anschließen kann. Das elfte Haus zeigt auch, wie man seine Freunde fördert und wo man Förderung empfängt.
  8. Der letzte Tag, Geist-fühlen, hat als Thema die Verinnerlichung und Regeneration. Bei uns schließt dieser Tag mit dem Südfest, so daß Verinnerlichung, Heiligung und Wiedergeburt zu einer Einheit zusammenschmelzen. Es ist der Tag der Wintersonnenwende, des wiederkehrenden Lichts.

Wir merkten in den zwölf Tagen bald, daß auf diese Weise Geschehnisse wirklich zur Erfahrung werden, indem sich der Kreis der Häuser vollendet zur erkennenden Kraft im Tun. Inzwischen sind die zwölf Tage, die wir vor der Wintersonnenwende gemeinsam durchleben, zu einem der wesentlichen Riten geworden. Wir treffen uns allabendlich, um die relevanten Geschehnisse des Tages zu erzählen im Schein der Kerzen, die das Lagerfeuer ersetzen, um das Leben und seine Fährnisse zum Abenteuer zu erheben.

Wilhelmine Keyserling
Wassermannzeit · 1988
Visionen der Hoffnung
© 1998- Schule des Rades
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