Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Wassermannzeit

X. Riten der Wassermannzeit

Monatsgespräche im Tierkreis

Während die Zwölf Tage die Wanderung durch den eigenen Themenkreis darstellen, ist das bewußte Durchleben der Zeitqualitäten des Jahres tatsächlich Teilhabe am Ganzen, an der Zeit als Maß des Großen Menschen, des Menschen im All, der alles Menschenmögliche seit eh und je und für alle Zeiten in sich birgt.
Die Themen des Häuserkreises zu unterscheiden ist nicht all zu schwierig; man kann sich bald etwas darunter vorstellen, was der Erfahrung entspricht und entspringt.

Als ich vor Jahren mit Arnold den Menschen im All fragte, was ist der Tierkreis, erhielt ich zur Antwort: Der Tierkreis ist mein Bild; und weiter fragte: wie kann man den Tierkreis beschreiben? Nicht beschreiben sondern erleben. Wie kann man ihn erleben? Durch gemeinsame Bemühung wo nie eine Antwort vorgegeben ist weil sie ewig neu bleiben muß. Birgt der Tierkreis auch zwölf Qualitäten? Ja, keine Fächer, sondern Bestandteile meiner Fülle. Sind sie für uns Umwelt? Nein, ihr wachst hinein. Sind sie Bestandteile des All? Nein, Bestandteile meiner Wesensfülle.

Wie kann man die zwölf Tierkreiszeichen benennen und verstehen?

WidderFührung der Ungehorsamen
StierBesitz im Dunklen
ZwillingeLachende Anteilnahme
KrebsWunsch zum erkennenden Leben
LöweHalten wahrer Kraftreserven
und Bestimmen gütiger Triebe
JungfrauArbeit am Weltfeld
WaageGemeinde der Liebenden
SkorpionDunkler Born der Fülle
SchützeHarren auf Botschaft
SteinbockStreben im Selbstlosen
WassermannWandeln als Urwort und Urdrang
FischeLiebe im Sehen

Auch das sind letztlich Stichworte. Den Tierkreis begreifen, würde bedeuten das Leben zu verstehen. Jedes Zeichen und Begriffspaar steht für ein Zwölftel des Lebens. Trotzdem versuchen wir zu beschreiben, was notwendig aus einem bestimmten Gesichtspunkt geschieht. So können wir zwölf Menschentypen, zwölf Berufe, zwölf Landstriche und so fort darstellen, die uns Anhalt oder Einstieg geben, um die zwölf Wirkfelder der Fülle zu erfassen — oder zu erahnen. Die neun Wirkkräfte des Enneagramm und die drei Einstellungen des Wollens — Ketu, Rahu, Luzifer — geben uns den Anstoß der Erfahrung, denn sie sind es, die sich bemerkbar machen.

Obwohl räumlich alles mit allem in Beziehung ist und wir immer über die ganze Figur unseres Horoskops verfügen, merken wir bald, wie wir vom zeitlichen Nacheinander getragen in jedem Augenblick — jedem Tag und Monat, Jahr und auch in weiteren Zyklen — ganz bestimmte Wandlungs-, Entfaltungs- und Verwirklichungsmöglichkeiten haben. So bilden die zwölf Monate einen Entfaltungsrahmen, wenn wir uns bewußt der Zeit anvertrauen. Sollten wir uns vornehmen, in allem bewußt in lebendiger Wechselwirkung mit Gott und der Welt zu sein, wird sich jedenfalls nach einer Weile nichts Besonderes in uns ereignen und gewisse hervorragende Komponenten unserer Anlage, die gerade nicht die besten sind, werden immer wieder in Erscheinung treten. So lassen wir uns lieber dem Jahreslauf vertrauend von einem Weltzwölftel tragen, denn das ist die Anzahl, die wir im Kreis unterscheidend wahrnehmen können, die auch unterschwellige Wirkweisen unserer Anlage auf den Plan des Bewußtseins ruft. Jedes Tierkreiszeichen, das wir durchfahren, aktualisiert die ihm laut Enneagramm entsprechende Wirkkraft; ihre Wesensart ist potentiell im Zeichen enthalten. So werden wir in der Waage über die Wirkkraft des Neptun belehrt; im Skorpion wird uns Mars wo immer er in unserem Horoskop steht, fordern; über seinen Anstoß werden wir die im Skorpion geborgene Potentialität erkennen.
Die zwölf Monatsgespräche sind der gemeinschaftliche Ansporn und Austausch über die gegenseitige Anteilnahme und Ermutigung im Kreis der heilenden Zeit.

Sinnvoll ist es Gegebenheiten, Einfälle, Schwierigkeiten und die Art ihrer Bewältigung, Überraschungen, Erfolge und Versagen als Betrachter zu notieren. Take snapshots pflegte Gurdjieff zu sagen. Der Mensch ist fähig, sich vollständig einzusetzen im Geschehen und gleichzeitig als Zeuge zu sehen. Der Zeuge ist der Einende in uns. Oft ist er abwesend, ist gar nicht dabei; erst später merken wir wieder, daß wir leben.
Das Notieren ist kein ungebührliches Wichtignehmen oder Erklären seiner selbst; snapshot ist eine gute Beschreibung. Es erfordert zwei Aufmerksamkeiten: die eine, die wir dem Geschehen widmen, die zweite, die uns gewahrwerden läßt, daß wir leben. Beide sind ursprünglich naiv und selbstverständlich; ja das Selbstverständnis entspringt ihrem Zusammentreffen, das wir als Augenblicke oder Zeiten des Da-seins erleben. Aber das sich Verlieren in der Identifikation mit einer Sorge, Verzweifeln, sich finden, da-sein, sie alle sind Teil des Entfaltungsweges. Notiz zu nehmen, auch nur einige Male im Monat in einem Monatsbuch ist hilfreich; denn manche Einfälle sind so flüchtig, daß sie wieder untertauchen, um erst nach Jahren durch Wiederholung ähnlicher Ereignisse zur Erkenntnis zu werden.
Die Beziehung von Wort und Schrift ist ein Geschenk unseres Zeitalters Wandeln im Urwort. Immer weniger Analphabeten gibt es auf der Welt. Das gedruckte Wort entspringt dem Urwort zwar in seltensten Fällen; aber wir können versuchen mit unseren Notizen aufzuzeichnen, was uns wesentlich berührt. Was zu Wort geworden ist, kann zum Träger weiterer Erkenntnis werden, läßt sich in Beziehung setzen mit anderen Erkenntnissen, den eigenen wie jenen der Menschheit, läßt sich umsetzen in Tun. Das sind zwei der Tugenden des Wortes.

Es kann auch nützlich sein, sich der Ereignisse im gleichen Zeichen vergangener Jahre zu erinnern. Dies ist kein indulging, sich gehen lassen im Konstruieren eines persönlichen, durch Selbstrechtfertigung und Selbstmitleid frisierten Lebenslaufs. Dieser Rückblick auf solche Notizen mag die Entfaltungsrichtung als Lichterstraße des Wesens, auf der sich die Ereignisse wie Perlen reihen, erkennen lassen.
Das Erinnern der Zeitstruktur in der Gegenwart (zweite Aufmerksamkeit) ist eine neue Art Gewahrsein zu fördern. Die Naivität, aller Erfahrung gegenüber offen zu sein, darf freilich nicht geschmälert werden. Dennoch verlangt die Besinnung auf das Zeichen an sich so wie die Monatsgespräche vom Berichtenden, eine Auswahl zu treffen in Bezug auf Begebenheiten, die er oder sie als Begegnung mit dem Zeitfeld versteht.
Vielleicht geht diese Auswahl bereits aus den Notizen hervor. Jedenfalls ist das Weglassen des Unwesentlichen in der Erzählung bereits ein Erreichnis. Denn es geht in dieser Gemeinschaft im Mit-teilen der Erfahrung darum, daß das persönliche Erleben den Freunden zur Vertiefung der Erkenntnis des Tierkreiszwölftels dient. Im Bilde des Großen Menschen erkennen wir uns selbst, erlangen die Fülle unseres Menschseins.
Freilich ist es anfangs oft so, daß wir den Bezug unseres Erlebens zum Ganzen — zum Zwölftel des Ganzen — gar nicht erkennen. Wenn wir aber die besondere Erfahrung des Monats schildern, mögen die anderen den Zusammenhang ersehen.
Das erfordert und entfaltet bei den Teilnehmern eine gewisse Art des Zuhörens, die nicht am äußeren Aspekt des Geschehens hängen bleibt — wiederum eine zweifache Aufmerksamkeit — sondern die Ereignisse durchscheinend macht als Ausdruck des Wesens. Manchmal ist das nicht leicht und der Bericht ist eine Geduldsprobe für die Freunde. Wichtig, nützlich und notwendig für die Gestaltung im Wort ist hier die bewußte Beschränkung auf eine bestimmte Zeitspanne, zum Beispiel fünf oder sieben Minuten der Aussage. Diese Zeit gilt als Rahmen, der natürlich zugunsten des Erzählers und der Hörer einvernehmlich und unbegrenzt überschritten werden kann. Es ist aber gut, wenn uns bewußt wird, wie lange wir reden; vielleicht brauchen wir Pausen; vielleicht helfen uns die anderen und wollen uns Zeit lassen. Wir lernen allmählich, uns selbst zuzuhören, ohne uns zu stören, wie wir der Rede eines Freundes lauschen.
Mancher tut sich in manchen Monaten schwer, das Erleben in Worte zu fassen; ein Herumreden ist oft bereits ein mutiger erster Versuch. Wie wunderbar ist es dann, wenn nach einigen Monaten oder Jahren Schwerpunkte erkannt, Sinneszusammenhänge wahrgenommen, ja eine Kontinuität im Tun und Erfahren in der Zeit geschaffen werden; wenn die Stimme sich wandelt und die Rede tatsächlich zum Beitrag wird, zur Mitwirkung am Werk der Menschen auf der Erde. Denn die Monatsgespräche als Marksteine des Lebens im Rad zielen letztlich darauf, daß wir Freunde Gottes und Mitwirkende am Werk der Erde werden. Jede unserer Bemühungen ist Teil der Bewußtwerdung der Menschheit. Das ist Wassermannzeit.

Wilhelmine Keyserling
Wassermannzeit · 1988
Visionen der Hoffnung
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD