Schule des Rades

Arnold Keyserling

Wassermannzeit

II. Methexis

Dimensionen

Das Gewahrsein ist eine Ebene oberhalb des wachen Sprechens. Es verhält sich zur Dichtung wie die Grammatik zur Information. Seine Voraussetzung ist die Schwingung der Aufmerksamkeit zwischen Beobachtung und Erinnerung, links und rechts im Großhirn. Nur das kann dem Gewahrsein als menschlichem Subjekt zugeordnet werden, was in den dualen Raster von null und eins paßt, und damit integriert werden kann. Wir wollen jetzt die Kriterien dieser Integration in Form einiger Thesen darstellen; ihre analytische Begründung findet sich in anderen Büchern.

D i m e n s i o n s k r e i s

Integrieren hat als Mittel die Zahl. Und so entsteht das Rad aus der Zahlenwelt: arithmetisch zeigt es die Bildung der Zahlenarten, geometrisch der Dimensionen, mathematisch die Rechnungswege, die zur Grundlage der qualitativen Komponenten des Bewußtseins werden.

  • Die nullte Dimension ohne geometrische Ausdehnung enthält die natürlichen Zahlen als Ziffern von eins bis neun, deren Klasse die Null ist. Da ihre Vorstellung keiner Ausdehnung bedarf, bestimmen sie das punkthafte Gewahrsein, den ewigen Augenblick, der das menschliche und göttliche Subjekt vereint; indisch Samadhi, reine Aufmerksamkeit und Seligkeit.
  • Die erste Dimension ist räumlich die Linie, zeitlich die Bahn. Die Linie enthält unendlich viele Punkte, die Bahn wird durch Aneinanderreihung unendlich vieler Zeitmomente erfahren. Beide werden in den ganzen Zahlen zusammengefaßt. Die Vorstellung der Linie ist mathematisch die Grundlage des Empfindens der Sinnesdaten als Einzelheiten; Farben, Töne, Gerüche, Geschmäcker und Tastwahrnehmungen sind additiv und liegen zwischen zwei Schwellen.
    Die Subtraktion, das Nochnicht der Bahn, ist die Grundlage des Geistes, des Erfassens von Zusammenhängen. In allen Sprachen wird Geist als zu gehender Weg in die Zukunft beschrieben. Ich kann nur verwirklichen, was möglich und mir zugänglich ist.
  • Die zweite Dimension ist räumlich die Fläche, zeitlich der Umlauf. Die Fläche enthält unendlich viele Gerade, der Umlauf in Form einer Scheibe zeigt unendlich viele Positionen der Beziehung.
    Beide werden in den rationalen Zahlen zusammengefaßt: die Division, das Urteilen mit dem Urbild der Gleichung, ist Grundlage des Denkens, die Multiplikation als Synergie Grundlage der Seele und damit der einzig bewußt zugänglichen Zeitdimension, der Gegenwart.
  • Die dritte Dimension ist räumlich das Volumen und entsteht zeitlich in der Drehung um eine Achse, wodurch die Kugelform der freien Körper im Himmel einsichtig wird. Beide sind in den reellen Zahlen zusammengefaßt, wobei die Proportion zur Grundlage des Fühlens wird und die Funktion zur Basis aller bestehenden, also aus der Vergangenheit stammenden Körper.
  • Die vierte Dimension des Raumes ist die Wirklichkeit selbst. Sie schließt den Zeitpunkt der nullten Dimension als Mitte ein, welche über acht Richtungen mit anderen Subjekten in Beziehung steht. Sie enthält die komplexen Sinneszahlen als Intervalle und Töne, als Farben und Gegenfarben; ihre Rechnungsart ist die Kombinatorik als Grundlage des Wollens, der Wahl; der Entscheidung als Antwort auf die Welt, und des Entschlusses, der aus der Motivation herrührt.

Hiermit zeigt sich, daß nur in der vierten und nullten Dimension der Mensch wirklich Subjekt ist, daß aber jeder Wesenspunkt letztlich identisch mit der göttlichen Mitte sein muß. Im Rad ist diese Mitte einerseits zwischen denken und Seele, andererseits zwischen Gewahrsein und wollen; es ist die Mitte der Erde.

Arnold Keyserling
Wassermannzeit · 1988
Visionen der Hoffnung
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD