Schule des Rades

Arnold Keyserling

Weisheit des Rades

Vorwort

Orphische Gnosis

In den Veden heißt es: von allen vier Welten kennt der Mensch nur eine. Befreiung bedeutet, die drei anderen zu erkennen und damit aus der Unwissenheit zum Wissen, aus der Nacht des Unbewußten zum Licht des Bewußtseins, und aus dem Tod in die Unsterblichkeit zu gelangen.
Gnosis bedeutet auf griechisch Erkenntnis und geschlechtliche Vereinigung. Adam erkannte sein Weib: daraus entstand Abel, sein erster Sohn. Der Gott der Gnosis, des Weges des Wissens, ist vierfältig, ausgedrückt in vier Buchstaben JHWH, Tetragrammaton, in Unterschied zur christlichen Dreieinigkeit, die den Vierten zum Teufel erklärt.
Bereits im Leben schließt der Gnostiker die jenseitige Welt ein, er lebt als Orphiker im Wissen des Kommenden. Seine Erkenntnis umfaßt rationes seminales, logoi spermatikoi, die schöpferischen Urgründe von Welt und Bewußtsein; seine Sexualität ist nicht Sünde, sondern heilige Rückbindung zum Weltengrund, der ihm als Erde und Himmel, Göttin und Gott offenbar ist. Er lebt in Teilnahme mit dem Meganthropos, Adam Kadmon, dem Menschen im All, der Gattung Mensch auf der Erde und im Kosmos. Er hat das Schwert der Unterscheidung, die Worte anstatt der Wörter, ist Freund aller Wesen — jeder, der zur Vierfältigkeit durchstößt und die Illusion des Teuflischen, des Gespaltenen überwindet — Diabolon ist Gegenteil von Symbolon — schafft den Sinn seines Lebens im Verein mit allen anderen, die nicht nur guten Willens sind, sondern darüber hinaus das entscheidende Wissen besitzen — nicht Kinder, sondern Freunde Gottes zu sein.
Immer wieder taucht die Gnosis in der Geschichte auf, um dann wieder in der Unterdrückung durch Machtstrukturen zu verschwinden, die sich der Autorität der Eltern bedienen, um fragwürdige Macht aufrechtzuerhalten. Doch heute mit dem Anbruch der Wassermannzeit ist mit den Forderungen der Selbstbestimmung, der sozialen Gerechtigkeit und dem planetarischen Bewußtsein ihre Epoche endgültig angebrochen. Sie entsteht nicht als kollektive Ideologie, sondern als Gemeinschaft mit Menschen in Freiheit, wie sie das 13. Kapitel des I Ging beschreibt. Der Mensch, der zur Gnosis durchstößt, gleicht in Gurdjieff’s Worten einem Wachenden inmitten von Träumenden. Die Wachenden bedürfen keiner Organisation, da sie einander kennen, jedoch eines Wissens, das sie jeder Lage gewachsen macht. Sie sind Boten des Friedens als jener Lebensform, die nicht Gegensatz, sondern Kommunion zum Ziel hat.
Das Geheimnis der Gnosis ist die Vierfältigkeit, die Erkenntnis der Erde als Grund allen Wirkens, und der Dienst an ihrer Schönheit und Fülle. Aber dieser Dienst ist gleichzeitig Teilhabe an der Sonne: die Gnostiker sind Sonnenbrüder und Sonnenschwestern, bilden die Hermandad del Sol, wie es die Inkas bezeichnen. Keine Vergangenheit prägt sie, sie sind ewig zukünftig. Daher stehen sie auch zu keiner echten Tradition in Gegensatz; sie erkennen in ihr die wahre Dichtung eines Freundes, der seinen Weg anderen hinterließ, auf daß er zum Sinnbild des eigenen werden möge.
Der Buddha hat den Weg zur Befreiung des Körpers, Christus zur Erlösung der Seele durch Aufsichnahme des Kreuzes, und der Prophet Mohammed zum Einklang des Geistes mit Gottes Wollen eröffnet.
Für sich genommen stehen die drei Wege im Gegensatz zueinander; doch in der Gnosis haben sie ihren gemeinsamen Grund, denn sie beruht auf der Erkenntnis der Rückbindung zur Erde und zum All, der Wiederkehr des Paradieses, der Kommunion mit allen Wesen auf höherer einsichtiger Ebene.

Jede Überlieferung der Welt hat einen gnostischen Kern, der dem Denken zugänglich ist. Alle zusammen haben ihr Urbild, ihren gemeinsamen Nenner im Rad als Veranschaulichung der Weltgrammatik und der Bewußtseinsstruktur.
Immer wieder tauchte der vierfältige Grund in der Geschichte der Philosophie auf. Aristoteles beschrieb die Vierheit als Formursache, Stoffursache, Wirkursache und Zweckursache, derer man zu einer vollständigen Beschreibung eines Gegenstandes und auch eines Lebewesens bedarf. Ein Tisch zum Beispiel hat als Wirkursache den Tischler, als Formursache die Gestalt der Platte mit Beinen, als Stoffursache das Holz und als Zweckursache seine Funktion, darauf zu essen oder zu schreiben. Schopenhauer bezeichnete sie als vier Gebiete der Philosophie, mittels derer Wille und Vorstellung zu vereinen wären:



Mathematik
principium
essendi
principia:

Kausalität
principium
fiendi



Motivation
principium
agendi


Logik
principium
cognoscendi

Bei Jung tauchen sie als vier Funktionen auf, bei Castaneda, als die vier Feinde auf dem Weg des Wissens, bei Freud als die vier Stadien zur sexuellen und geistigen Reife. Doch ihre eigentliche Bestimmung wurde durch die Gehirnforschung ermittelt.

Das Großhirn gliedert die Assoziationen des Geistes nach vier Richtungen:

  • die linke Hemisphäre erlebt die Zeit analytisch,
  • die rechte den Raum und die Gestaltwahrnehmung synthetisch,
  • hinten vereint die Sprache Bild und Wort, Zeichen und Buchstabe zum Denken,
  • und vorne bestimmt der Wechsel der Aufmerksamkeit zwischen Beobachten und Erinnern die Fähigkeit der Entscheidung und der Wahl, das Wollen.

Arthur M. Young hat den Unterschied zwischen rechter und linker Hemisphäre noch genauer spezifiziert: die linke Erkenntnis ist objektiv, erfährt das Gegebene, die rechte ist projektiv, ergänzt das Gegebene zur vollen gegliederten Schau. Links höre ich etwa im Telephon die Worte meines Freundes, und rechts ergänze ich seine Gestalt und seine Gebärden.

Schon in der Antike waren die vier Ursachen des Aristoteles auf zwei geschrumpft: Formursache als Gott, Stoffursache als Dynamis, Potenz des Menschen. Zweck und Wirkung wurden ausgeklammert und bald herrschte die Zweiheit als Gegensatz über allem Denken. Diese Entwicklung hatte nicht nur einen formalen, sondern auch einen psychologischen Grund: die zweifältige Erkenntnis von gut und böse — zusammen mit der Scham, Ursache der Vertreibung aus dem Paradies — bedeutet ein Entwicklungsstadium, das jeder Mensch durchmacht, bevor er die wahre Vierheit erreicht.
Diese Entwicklung ist unausweichlich. Das Kind lebt in der rechten Hemisphäre der Imagination, will aber in die linke; es spielt Wirklichkeit, gelenkt aus seinen Trieben. Kommt es in die Schule, dann erlernt es die sozialen und kulturellen Verhaltensweisen, die der entsprechenden Mentalität und Tradition eignen. Während dieser Zeit verliert es das Vertrauen in seine Motive, richtet sich nach anderen, den Eltern, Erziehern und Kameraden, will von ihnen geachtet sein und zensuriert seine Wünsche in Einklang mit ihren Forderungen.
Die Ordnung dieser Entwicklung läßt sich aus der senkrechten Gehirnstruktur ablesen. Das Stammhirn mit dem Rückenmark und dem Kleinhirn hat der Mensch mit den Tieren gemeinsam. Solange es dominiert, erlernt das Kind spielerisch den Bewegungsablauf. Auch die Einübung in die Muttersprache gehört dazu; sie wird als Spiel verstanden, an dem das Kind mitspielen möchte.
Bemühung, Ablegung von Prüfungen und Scheitern in Richtung auf Ziele gehört zur nächsten Stufe des limbischen Systems, der Bildung des affektiven Gedächtnisses; Wiederholung von Situationen, die Lust bereitet haben und Vermeidung jener, die Schmerz verursachen. Der limbische bedingte Reflex wirkt so stark, daß schmerzliche Situationen die Sehnsucht nach Dominanz lähmen, wie man aus Tierversuchen weiß.
Gut und Böse sind Substantivierungen des limbischen Systems, der Mensch kann von außen her nur bis zum sozialen Wohlverhalten abgerichtet werden. Die dritte Stufe bringt die Erkenntnis der Vierfältigkeit. Psychologisch ist die rechte Hemisphäre mutterbetont, die linke vaterbetont. Von der Mutter und ihrer Geborgenheit führt die Entwicklung zum Vater und seiner Forderung des sozialen Erfolgs. Aber einmal sind die Prüfungen geschafft und es stellt sich die Frage der Meisterschaft und des Könnens, der eigenen Richtung.
Das Ichbild der limbischen Stufe — getragen in den Worten von Don Juan durch Selbstkritik und Selbstmitleid — entspricht dem Spiegelbild. Rechts und links sind vertauscht, man erlebt die Möglichkeit in der Wirklichkeit und umgekehrt. Die Befreiung bedeutet, durch den Spiegel hindurchzugehen und die richtige Ortung wiederzufinden, die nicht auf sich, sondern auf den anderen und die Welt bezogen ist. Dieser Schritt ist ein Wagnis, er verlangt das Aufgeben der falschen Persönlichkeit. Die Spiegelmeditation findet sich in vielen Traditionen. Erst mit dieser Bereitschaft wird der innere Kern des Wesens fähig, den entscheidenden Schritt der Befreiung von den Eltern zu vollziehen und das andere Geschlecht als gleichberechtigt einzubeziehen.
Im Mittelalter war dieser Schritt für die körperlich bestimmten Menschen im Handwerk der Übergang vom Lehrling zum Gesellen; für die seelisch bestimmten, der für andere sorgt, vom Knappen zum Ritter, und für die geistig bestimmten vom Novizen zum Priester.Infolge der Geringschätzung des Körpers trat mit der Neuzeit der Geselle in den Hintergrund, war dem Ritter und Priester untergeordnet, was in der Folge zur Zerstörung aller drei Stände und zum Entstehen des vierten, des Arbeiters geführt hat, der in den Ideologien alle Initiationen ablehnt und nur das Überleben als Ziel kennt.
Die Arbeitswelt ist heute in Ost und West Wirklichkeit geworden, die Stände gibt es nicht mehr. Daher kann nur aus dem Wissen heraus der Sinn der Initiation auf kritischer Grundlage für alle angegangen werden: er bedeutet, die Vierfältigkeit des Großhirns zu aktualisieren, die ihren Niederschlag in vier Bewußtseinsschichten findet:

  • Die linke Hemisphäre ist auf das Wachen gerichtet, das Empfinden. Zeit ist hier wirklich, das Gehör trägt den Menschen. Der Sinn ist in der Dauer, im Anknüpfen, im Planen und in der Bewährung.
  • Die rechte Hemisphäre ist aus der Bilderwelt des Traumes und den Motiven des Fühlens getragen, Zeit ist hier unwirklich. Der Traum strebt immer nach Integration der Motive. Bis zum entscheidenden Erwachen bleibt er unterbewußt ergänzend, dann erscheint die Möglichkeit der prospektiven Vision.
  • Die hintere Zone der Sprache ist während der Vorspiegelzeit einseitig von links nach rechts, von sprachlicher Erfahrung zur bildhaften Veranschaulichung gerichtet. Man veranschaulicht, was man gelernt und gehört hat. Jeder Roman zum Beispiel den man gelesen hat, wird als Bilderfolge erinnert.
  • Nur dem Künstler wird zugesprochen, den umgekehrten Weg zu gehen, also Bilder in Sprache zu verwandeln. Doch dieser Schritt — bei den Indianern die Suche nach der Vision — ist für jeden der Durchbruch zur Mündigkeit. Wer seinen Geist als seine Möglichkeit nicht fand, bleibt von außen manipulierbar und ewig in der zweiten Stufe.

Die Welt des Wachens ist über die Sinne zugänglich, die Welt des Traumes über das Fühlen, die Anjochung der Motive. Die Welt der Sprache ist aber nur im Mehrwerden durch Lernen und Integrieren zugänglich. Hier ist der Mensch Teil der Gattung, inspiriert aus den Instinkten, die seine dauernde Entfaltung verlangt. Während das Tier seine Ökonische findet und fortan statisch darin verharrt, muß der Mensch seine eigene Dynamik erkennen und verwirklichen, die ihn aus seinen Motivationen zu immer neuen Intentionen führt.

Wachen
Sinne
Gott
Intention


Sprache
Reflexion
Traum
Triebe

Der Zustand des banalen Traumes (REM) hat als Ziel die Integration der Seele und seinen Schwerpunkt in der rechten Hemisphäre; der Zustand des Wachens benützt das Denken zur Erkundung der Strategien, zum Erreichen der Wirkwelt aus der Merkwelt. Doch die Intention des Wollens hat ebenfalls ein Ziel, die Allbezogenheit und damit das Göttliche.
Gott, Traum, Entfaltung und Welt sind die vier Erlebensweisen des erwachten menschlichen Wesens, dessen fünfte Mitte ein Nichts ist, das in seiner Spontaneität des Aufnehmens dem großen Etwas, dem All ewig als Stimme gegenübersteht. Durch Anjochung der Vier wird es befreit. Es west hinter dem Tiefschlaf, dessen Aufmerksamkeit vorne im Großhirn im Sekundenrhythmus zwischen Beobachtung und Erinnerung, Yin und Yang alterniert. So ist der göttliche Urgrund nur der reinen Aufmerksamkeit zugänglich und erzeugt die Wahl, die freie Entscheidung, durch die der Kern des Wesens Mitarbeiter der Schöpfung werden kann.
Das befreite Wesen ist ein Wer, aber der Wer entfaltet sich in einem Was, in einer Struktur. Eine Gefahr des Menschen ist, sich in einem künstlichen System, einem philosophischen oder religiösen zu orientieren und dadurch seine Mitte zu verfehlen. Hier wird die Unterscheidung zwischen Systematik und Systemik nützlich für die Erkenntnis:
Systematik ist methodisch-wissenschaftlicher Ansatz, Systemik natürlicher Zusammenhang. Systematik wird erfunden, Systemik dagegen entdeckt.
Dieses Buch zeigt die Gesamtheit der Systemik, die den Zusammenhang von Bewußtsein und Welt im gnostischen Sinn darstellt. Die Einführung schildert die Herkunft dieses Denkens aus der Orphik.

  • Das erste Kapitel zeigt das Rad als geometrische Veranschaulichung aller natürlichen Systeme: die Kriterien von Geometrie, Arithmetik, Grammatik, Raum, Zeit, Licht, Ton und Materie.
  • Im zweiten wird der Zugang zum Kraftleib des Körpers eröffnet.
  • Das dritte erkundet die Phänomenologie des Lichtleibes des Geistes.
  • Das vierte bestimmt den Wortleib der Seele.
  • Das fünfte bringt Methoden, um die Stimme des Wesens zu erwecken.
  • Das sechste zeigt die kosmische Einstellung in Materie, Evolution und Transzendenz und
  • das siebte eröffnet den Ansatz einer Methodik, wie der Mensch seine Rolle als Brücke zwischen Himmel und Erde wiederfinden kann.

Wien, zum Ostfest 1985Arnold Keyserling

Arnold Keyserling
Weisheit des Rades · 1985
Orphische Gnosis
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