Schule des Rades

Arnold Keyserling

Weisheit des Rades

2. Kraftleib des Körpers

Inbegriffe

Das Denken hat als Struktur das Enneagramm, das durch Division der Ziffern entsteht. Die zweite rationale Komponente des Bewußtseins ist die Multiplikation als Bereich der Seele. Funktionen sind zeithaft, Bereiche sind raumhaft, wobei das Gewahrsein die mathematische Struktur erzeugt. So entsteht als letzte Komponente des Rades der Kreis der Inbegriffe des Bewußtseins, der die Qualität der Zeit als Gestaltungsrahmen begreift und später zur Grundlage der Astrologie wurde. Hierbei verlaufen die Funktionen gegen den Uhrzeigersinn und die Bereiche im Uhrzeigersinn. Alle Kultur entstammt diesem Rahmen: er bildet die Gestalt des Menschen im All, dessen Teil wir sind. Die Inbegriffe werden durch die Gegensätze verständlich:

I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
Widder
Stier
Zwillinge
Krebs
Löwe
Jungfrau
Seele-wollen
Körper-empfinden
Geist-denken
Seele-fühlen
Körper-wollen
Geist-empfinden
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
Waage
Skorpion
Schütze
Steinbock
Wassermann
Fische
Seele-denken
Körper-fühlen
Geist-wollen
Seele-empfinden
Körper-denken
Geist-fühlen

Der Tierkreis bestimmt die Qualität der Zeit: als Weltenjahr, Jahr und Tag. Die unmittelbare Erfahrung ist der Tageslauf; wird er verstanden, und beginnt man Handlungen zum entsprechenden Zeitpunkt, so ist man im Einklang mit der Zeit und die jenseitigen Wesen, vor allem der Mensch im All, können einem helfen.

Bei Tag ist die Zeit und die Tätigkeit im Vordergrund, bei Nacht der Raum und die Integration. Die Anjochung der Zeit geschieht mit Hilfe aller Entsprechungen: der Inbegriffe, den Tonleitern, den Farben, den Tierkreissymbolen, und der Glieder des Menschen im All. Die folgenden Stundenhäuser stimmen für die Tag- und Nachtgleiche, an anderen Tagen sind die Zeitverhältnisse im Sinne des Häusersystems des Placidus verschoben.

XII · 6-8 Uhr · Füße · Fische · Geist-fühlen · f · blau

Die Zeit nach Sonnenaufgang ist jene der Heilung und Ganzheit, dem Grundziel des Menschen: sich und anderen zur Ganzheit zu verhelfen, sich um die kosmische Öffnung zu bemühen, seinen Stand im Glauben zu erreichen; die Anrufung des Morgengebets, die den Tag von den Leiden des vorigen trennt; im Yoga der Sonnengruß nach Osten.

XI · 8-10 Uhr · Unterschenkel · Wassermann · Körper-denken · b · ultramarin

Der eigene Ganzwerdungsimpuls muß sich der Geschichte und Zivilisation eingliedern, daran anknüpfen, was die Ahnen, die Freunde vor unserer Zeit geleistet haben. Zu dieser Stunde gilt es, sich allen verkörperten Denkens zu erinnern, um in die Zukunft zu schreiten. Alle Vokale entstammen, wie Helmholtz nachgewiesen hat, den b-Ober- und Untertönen. Der Mensch unterscheidet sich darin vom Tier, daß er bewußt an der Vermehrung der Information mitarbeitet und seine eigene Dauer in der Welt inkarniert.

X · 10-12 Uhr · Knie · Steinbock · Seele-empfinden · es · blauviolett

Aus der Geschichte entsteht der Beruf, die Leistung für die anderen in der Öffentlichkeit, welche Pflichten und Intentionen es zu verwirklichen gilt. Um 12 ist die Sonne am Zenit; hier gilt es zu strahlen, das Wissen des Wassermann nützlich für andere einzusetzen, die dadurch ihre berufliche Funktion und Rollen finden.

IX · 12-14 Uhr · Oberschenkel · Schütze · Geist-wollen · as · rotviolett

Aus der Notwendigkeit der Pflichten die Not zu wenden ergibt sich ein möglicher Weg, eine Aufgabe, ein Willenseinsatz, der Richtung verleiht und andere mitreißt. Dieser Ort des Tierkreises, symbolisiert in Ketu, dem absteigenden Mondknoten, weist auf das unsichtbare Zentrum der Milchstraße als höhere Ordnung. Als die Sonne sich im Luziferjahr 1982 auf 15° Schütze befand, haben wir das Erdheiligtum in Wien eingeweiht.

VIII · 14-16 Uhr · Geschlechtsorgane · Skorpion · Körper-fühlen · des · purpur

Diese Farbe des Hauses des Todes fehlt im Sonnenspektrum, doch ist sie die Grundlage des farbigen Sehens, die das Rad kreuzigt; wie gesagt sieht das Auge mittels der Gegensätze von purpur und grün, ultramarin und goldgelb, schwarz und weiß. Desgleichen ist das Großhirn nach den vier Körperzeichen strukturiert:

  • links im Gehirn und rechts im Körper ist Schwerpunkt des Empfindens;
  • rechts im Gehirn und links im Körper ist jener des Fühlens.
  • Hinten, rechts und links vereinend, im Gehirn, und vorne im Gesicht zeigt sich das Denken der Sprache,
  • und vorne, als Wechsel der Aufmerksamkeit zwischen Beobachtung und Erinnerung zwischen rechts und links ist das Wollen, das körperlich hinten als Geborgenheit erlebt wird.

Der Kaiser hielt in der linken Hand die Kugel, in der rechten das Zepter, und die Farbe seiner Kleidung als Herr über Leben und Tod war purpur. Der Ritter hatte links den Schild, rechts das Schwert. Fu Hi, der Entdecker des Buchs der Wandlungen, und auch die Freimaurer hielten links den Zirkel und rechts den rechten Winkel, das Richtmaß. Heute hat jeder die Verantwortung des Kaisers, und wenn man sich bewußt links auf eine Kristallkugel konzentriert, die dreidimensionale Visionen eröffnet, und rechts auf einen Stab — den talking stick der Indianer oder das Zepter des Baccalaureus, der ein Handwerk meistert, so kann man zu dieser Stunde die Grenze zum Tod und damit zum ewigen Leben überschreiten. Hierbei gilt es das Chaos zu erfahren, das in einen Kosmos, eine geordnete Information zu verwandeln ist: die Welt als Gelegenheit zu erkennen, um die Intentionen der geistigen Richtung mit den Motiven des Körpers in Einklang zu versetzen.

VII · 16-18 Uhr · Hüfte · Waage · Seele-denken · ges · rot

Die Initiative muß dem Recht, dem Verkehr, der Gemeinschaft, der Kommunion und Kommunikation dienen, diese erweitern, die Übereinstimmung vergrößern. Hier ist der Mensch sowohl auf sich wie auf andere, das Gegengeschlecht bezogen: die Zeit der Auseinandersetzung und Bestätigung, die keinen Menschen ausschließen darf. Dies ist die Zeit, um neue Kontakte zu knüpfen.

VI · 18-20 Uhr · Bauch · Jungfrau · Geist-empfinden · h · orange

Diese Zeit dient der Erkenntnis, was man durch Arbeit verbessern könnte, wie man Rohstoffe in Werte verwandelt. Es ist auch die Zeit des Gesprächs beim Abendessen, wo man sich über den Tag Rechenschaft ablegt, um zu erkennen, was noch fehlt. Nun geht es in die Nacht und die intimen Probleme.

V · 20-22 Uhr · Rücken und Herz · Löwe · Körper-wollen · e · goldgelb

Die Zeit der Selbstdarstellung, des Durchbruchs zu Freude und Intensität, des sexuellen Spiels, des Tanzes und der Überwindung des falschen Ich: hier ist der Schwerpunkt von Luzifer, dem zerstörten Zwillingsstern zwischen Mars und Jupiter, dessen Neutronenstern den Abschluß unseres Sonnensystems bildet. Auch heute ist diese Stunde Zeit von Theater und Konzert, der Einstimmung in die Freude.

  • Die Stunden XII, XI, X, IX sind geistig. Der Mensch muß sich allein und persönlich um seine Ganzheit (XII), seine Einordnung in die Geschichte (XI), seine Verantwortung und Kompetenz (X), und um seinen Weg (IX), den nächsten Schritt bemühen.
  • Die Stunden VIII, VII, VI, V sind seelisch. Das Chaos, der Mangel (VIII) begegnet einem von außen. Die Bemühung um den Mitmenschen (VII) verlangt agieren und reagieren, Kenntnis der Sitten des Verhandelns. Auch die Arbeit (VI) ist darauf abgestimmt, anderen nützlich zu sein, und ebenso das gemeinsame Vergnügen (V), die Teilnahme am Ritus und am Spiel.
  • Die letzten Häuser IV, III, II, I haben ihren Schwerpunkt im Körper. Acht Stunden im Tag ist der Mensch auf Leistung gerichtet, acht Stunden auf Kommunikation, und die letzten acht verbringt er gewöhnlich im Schlaf, wo der Körper sich selbsttätig regeneriert. Doch irgendeinmal muß man im Leben diese Zeit durchmachen, damit der Körper seine harmonisierende, auf die Mitte der Erde gerichtete Tendenz bewußt erfüllen kann.

Im Lebenskreis trägt der Körper durch sein Wachstum die Vitalität durch 28 Jahre, dann muß die Seele und später ab 56 der Geist zum Schwerpunkt werden. Doch um dieser Anforderung gewachsen zu sein, ist die Integration des Körpers die Voraussetzung. Ohne sie können Seele und Geist niemals im Wesen verwurzelt werden.

IV · 22-24 Uhr · Brust und Magen · Krebs · Seele-fühlen · a · gelb

Das Grundproblem der Seele ist die Befreiung von den Eltern, wo der Vater als die fordernde, die Mutter als die bergende Instanz auftritt. Sie vertreten linke und rechte Großhirnhemisphäre, Selbstkritik und Selbstmitleid. Ich zu werden bedeutet, die Mitte zu finden und die Problematik der Vergangenheit und Gegenwart, das Bild der Eltern als Ansatz zur Integration zu nehmen. Der Schwerpunkt ist Ernährung, für seine Bedürfnisse einzustehen und nicht mehr von anderen zu erwarten, daß sie diese befriedigen.

III · 0-2 Uhr · Arme · Zwillinge · Geist-denken · d · gelbgrün

Ist das Ich gefestigt — der Übergang des Nordpunktes zur Mitternacht, da der Mensch im Polarstern sein mentales Zentrum erkennt — dann können die Strategien des Werdeganges im eigenen wissenschaftlichen Weg zum Schwerpunkt werden. Immer verläuft die Entwicklung dialektisch; das errungene Wissen schafft aus sich die Problemstellung als Ansatz einer neuen Frage.

II · 2-4 Uhr · Nacken · Stier · Körper-empfinden · g · grün

Der Werdegang findet seinen Niederschlag im Lebensstil und Besitz in dem Bereich, den einer sich zurechnet. Die Zerlegung der Erfahrung in Elemente, Erkenntnis der vereinzelten Kräfte, mittels derer eine höhere Ordnung der Wirklichkeit erreicht werden kann, ist die Voraussetzung des Gestaltens und des Lebensunterhalts. Anfangs im Leben geht dies instinktiv von selbst, die unbewußte Steuerung des Körpers trägt, bis die seelische Verantwortung einsetzt. Aber meistens muß der Durchbruch zum tatsächlichen Stil durch Anamnese und Maieutik, durch Aufdeckung der Anlage und Anregung des Mutes zur Selbständigkeit mit Hilfe eines anderen eröffnet werden, der den Durchbruch vollzogen hat.

I · 4-6 Uhr · Kopf · Widder · Seele-wollen · c · blaugrün

Personare heißt durchklingen: das Tagewerk wird Teil der Person, jener Funktion, die ein Mensch für andere hat — astrologisch die Bedeutung von Rahu, dem aufsteigenden Mondknoten — worin er nicht als Sache betrachtet wird, sondern man mit seinem Willen rechnet. Es ist Aufgabe jedes Menschen, Geist zu verkörpern um den Körper zu vergeistigen, um als Seele Mitarbeiter des Göttlichen zu werden. Nur der im Körper integrierte Kopf kann zum Gefährt des Wesens werden und führt damit zurück zum Osten durch die Selbstbehauptung, wie das deutsche Wort so treffend sagt. Nur die vollendete Person, das Ich als beschreibbare, bedeutsam Persönlichkeit, kann die erneute Inspiration erfassen und verwirklichen. Die orphische Überlieferung sagt: wenn man imstande wäre, einen einzigen Tag bewußt zu durchleben, aus der Mitte heraus, dann könne man sterben; die Seele wäre mit Körper und Geist bekleidet.

So erkennen wir die Bedeutung der Sprache des Rades: wenn die acht Richtungen der Offenbarung, die zwölf Felder der Verwirklichung und die zehn Impulse integriert sind, hat der Mensch das Wissen der Instinkte, des Baumes des Lebens wiedergefunden. Doch dies ist nur die Voraussetzung: jetzt gilt es, den Kraftleib des Körpers, den Lichtleib des Geistes, den Wortleib der Seele und die Stimme des Wesens zu entfalten, um in kosmischer Einstimmung zu leben und den Schritt vom Menschen zum Mitmenschen zu wagen.

Arnold Keyserling
Weisheit des Rades · 1985
Orphische Gnosis
© 1998- Schule des Rades
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