Schule des Rades

Arnold Keyserling

Weisheit des Rades

3. Lichtleib des Geistes

Kahuna

Die philosophische Formulierung der Bedeutung der Mitte des Rades kann man annehmen, aber es ist schwer, die Dreiheit der Personen tatsächlich in sich zu erleben. Den Schlüssel zum Verständnis finden wir in der altsteinzeitlichen Tradition der Kahunas, der Geheimnishüter von Hawaii. Für die Hunas besteht der Mensch aus drei Personen: dem mittleren sprechenden Selbst der Seele; dem höheren Selbst als ehrfurchtsgebietenden Alten, der in Kommunion mit allen anderen himmlischen Wesen steht, und dem magischen Kind, das zur Kraft der Erde Zugang hat.

Alle drei sind zwischen Aka und Mana, Bildevermögen und magische Kraft. Doch das sprechende Selbst ist von beiden abgeschlossen, bis es sich ihnen öffnet. Der Weg geht zuerst hinunter. Nur das Kind hat Zugang zum weisen Alten, kann ihm (ihr) Kraft, Mana senden, damit er heilend durch seine Bildfähigkeit Aka in das irdische Geschehen eingreifen kann.

Huna heißt wie Runa Geheimnis, und die Methoden der Kahunas sind ähnlich jener der Germanen, beide weisen wahrscheinlich auf einen gemeinsamen Ursprung. Entscheidend aber ist, daß die Hunas einen Weg lehren, wie man mit dem magischen Kind in Beziehung treten kann und dadurch das höhere Selbst, die eigene Brücke zum Jenseits erreicht. Wir wollen nun in folgendem ihre Methode in die Sprache des Rades übersetzen.

Das magische Kind hat den Aka-Zeigefinger, womit es heilen und in andere Welten reisen kann — dargestellt in E.T., dem Film, der sich sichtlich aus der Hunalehre inspirierte und daher auch eine derart archetypische Wirkung hatte.

Die drei Personen entsprechen philosophisch Körper, Geist und Seele, im Erleben dem Kraftleib, dem Lichtleib und dem Wortleib. Jeder ist durch eine andere Struktur des Rades zu integrieren. In der unausweichlichen Erziehung zum gesellschaftlichen Dasein verliert der Mensch als das mittlere seelische Selbst durch sein beschränktes Ichbild den Zusammenhang mit seinem Kindich. Dieses ist nicht, wie Freud glaubte, das polymorph perverse Luststreben des unbewußten Es, sondern es ist tatsächlich eine eigene Person. Wird dieses Wissen verloren und das Kind ins Unterbewußtsein verdrängt, so glauben die Hunas gleich allen Schamanen, daß zerstörende Geister vom Körper Besitz ergreifen. Doch kann die Beziehung in einfacher Weise durch einen Pendel wieder aufgenommen werden.

Der Körper ist unterbewußt, dem Wort nicht zugänglich, antwortet nur durch Kraft und durch Bewegung. So muß man ihn als erstes mit dem Pendel fragen: was ist für dich ja und was ist nein?

Sobald man den Code kennt, versucht man sich an einen Kosenamen als Kind zu erinnern, über den man nie gedemütigt worden ist, wenn man keinen solchen findet, dann ersinnt man eine Lautfolge. Darauf fragt man direkt das Kind, ob es bereit ist, in diesem Namen zu antworten. Wenn es mit dem Pendel ja deutet, kommt das entscheidende Experiment: ich halte den Pendel über die Mitte der linken Handfläche und bitte mein Kind, mir die Menge meiner Kraft in irgendeiner Zählweise zu sagen. Bei mir z. B. ist die Normalenergie vom Kind mit 440 beziffert, bei jedem ist es eine andere Zahl.

Ich halte also den Pendel und frage: ist es 100, 200, 300, 400, 500, da wird es nein; dann gehe ich zurück, 410, 420, 430, 440, bei 450 ist es wieder nein.

Sobald ich die Menge kenne, bitte ich das Kind, mir die doppelte Kraft zu geben. Ist das der Fall — ich erhalte darauf die Zahl 880 — dann ist der Zusammenhang fortan geknüpft, und ich kann vom Kind immer Mana verlangen und es erhalten. Niemals sollte man zufolge der Hunalehre versuchen, jemanden zu heilen oder eine größere Arbeit zu übernehmen, bevor man durch Bitten an das Kind Anschluß an eine höhere Manaquantität gefunden hat.

Was bedeutet nun tatsächlich das Kindich im Verhältnis zum sprechenden Selbst und zum weisen Alten? Wir verstehen den Zusammenhang durch die Nord-Süd-Achse des Rades:

Süden
SO-SW
O-W
NO-NW  
Norden
Sonne
weiser Alter
sprechendes Selbst   
magisches Kind
Mond
Seele
Geist-Körper
Gewahrsein-wollen
empfinden-fühlen
denken

Person heißt eine Mitte finden, um die sich kybernetisch alle Erkenntnisse und Verhaltensweisen anordnen. Existentiell ist diese Mitte nur in der Nord-Süd-Achse der Erde gegeben, wo im Norden im Himmel alle Sterne von der Erde aus gesehen um den Polarstern kreisen, und im Süden die Sonne am Zenit zu Mittag einen Augenblick den höchsten Punkt des Tages erreicht, von dem aus sie wieder sinkt.

Die Sonne strahlt und ist nur gebend; das Licht des Nachthimmels ist der empfangende Mond, der zwischen Fülle und Leere wechselt, und zunehmend oder abnehmend ist. Die drei Tage, an denen man ihn nicht sieht, gelten als die Frist der Heilung. Die Fülle des Mondes ist Vollendung. So ist die Fähigkeit des Denkens immer zwischen Analyse und Synthese, Fülle und Leere, Nichts und Etwas, wie wir es in unserem Buch über die Mystik der Wassermannzeit dargestellt haben. Hier ist der Mensch dem Tier verschwistert. Die Seele hingegen strahlt und hat eine bestimmte Stellung, aus der allein sie in der Welt und der Gesellschaft wirken kann; sie gleicht einem Baum. Sonne und Mond sind Helfer des Menschen, sie tauchen in allen Mysterien auf, und ich habe anderenortes verschiedene Weisen beschrieben, wie sie angerufen werden können. Von der Sonne erhalte ich die Vorstellung, die meine Möglichkeit ergänzt, und der Mond bringt die Assoziationen, welche mir meine Motive als Wünsche klären, die als kraftvolle Beweggründe erscheinen und mitwirken. Im Mond erfahre ich mein Bild der Göttin oder Helferin, in der Sonne des Gottes oder Helfers, der mich zu meiner eigentlichen höchsten Möglichkeit führt. Beide sind nicht meinem sprechenden Selbst erfahrbar, sondern die Sonne dem weisen Alten und der Mond dem magischen Kind.

  • Das magische Kind gibt mir Kraft: gleich dem Tier hat es die unmittelbare Verbindung zwischen fühlen und empfinden, Trieben und Sinnen. Es lernt einerseits durch spielerisches Vereinen von außen und innen, andrerseits über den affektiv bedingten Reflex, der Vermeidung von Schmerz und Wiederholung von Lust. Das Kind ist gutwillig, aber hedonistisch — was nicht Freude bereitet, kann kein Triebziel sein. So muß das sprechende Selbst seinem Kind gegenüber eine Sprache reden, die es versteht, auf daß es folgen kann — was es ja möchte.
    Das Kind ist unterbewußt, hat seinen Schwerpunkt in der Phantasie der Traumwelt, die es spielerisch im Wachen umsetzt; doch das Spiel kann magisch werden, wenn man die Gesetze der Kraft versteht.
  • Das höhere Selbst, der weise Alte, ist die Vereinigung von Körper und Geist, das Symbol eines gewissen gesellschaftlichen Zusammenhangs, einer Verantwortung, die als Möglichkeit im Mythos präexistiert. Er ist weise, weil sein Wissen auf die kosmische Gliedhaftigkeit abgestimmt ist wie das der Tiere auf die ökologische Nische, den Zusammenhang mit der Erde. Doch ist sein Schwerpunkt dem sprechenden Selbst unbewußt und so neigen die Menschen dazu, den weisen Alten mit einer von Menschen verliehenen Stellung zu identifizieren, die bestenfalls ein Hinweis auf die kosmische Rolle sein kann.
    Der weise Alte kennt alle Antworten auf eine Lage, wenn man sich ihm, das heißt seiner Schau, seiner Intuition anvertraut. Er kann ferner bildhaft intuitiv die Gesundheit in jeder Lage wieder herstellen, wenn das magische Kind ihm Kraft, Mana sendet. Aber die Vereinigung von Bild und Kraft ist nur über die Stimme des sprechenden Selbstes möglich, dessen Subjekt die Gattung, der Mensch im All ist, wo im Wortwerden des Bildes durch die Kraft neuer Sinn geschaffen wird.
  • Es gibt keinen vorgegebenen Sinn, wie ihn die Ideologien fälschlich behaupten; das sprechende Selbst, die Stimme schafft ihn. Versprechen schafft Wirklichkeit in beiden Bedeutungen des Wortes, der positiven des Dazustehens und der negativen des Irrtums.
    Die Achse des sprechenden Selbstes zwischen Ost und West, Gewahrsein und Wollen, ist Ichwerdung. Nicht das Wort, sondern die Stimme ist Träger des Wortleibes, wie die Kraft Träger des magischen Kindes und das Licht Träger des weisen Alten ist.

Doch der Schwerpunkt der Personwerdung, der Senkrechten ist das magische Kind, das allein die Personen der menschlichen Dreieinigkeit zwischen Zeugen und Empfangen entfaltet. Verschiedene Rituale ermöglichen uns, den ganzen Reichtum der Kraft als Anrufung, Beschwörung und Verinnerlichung in der Gebärde anzujochen.

Arnold Keyserling
Weisheit des Rades · 1985
Orphische Gnosis
© 1998- Schule des Rades
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