Schule des Rades

Arnold Keyserling

Weisheit des Rades

4. Wortleib der Seele

Germanischer Mythos

In allen Mythen und Religionen gibt es eine Karte des Himmels, die der Mensch unter bestimmten Bedingungen erkennen und erleben kann. Ihre Gliederung entspricht der Ost-West-Achse des Rades. Dieser entstammt der weise Alte, und deshalb müssen wir sie in ihren Einzelheiten bestimmen, um seine Person aus den falschen Überich­strukturen zu lösen. Hierzu nehmen wir die germanische Sicht der Welten des Himmels, die am wenigsten verfälscht worden ist.

O

Alfadur
Odin, Wili, We

NJotunheim TrolleM i t g a r d s c h l a n g eZwerge NiflheimS
TierPflanze
Muspelheim ElfenFeen Wanaheim

Frau Holde
Urd, Skuld, Werdandi

W

  • Im Osten ist der Ursprung der Schöpfung, Alfadur, der Allvater, Gott, der Himmel der immer aufsteigt und den Menschen die Richtung gibt.
  • Im Westen ist Frau Holde, die Erde und der Urgrund, der aber auch der ungreifbare Raum des ganzen All ist, das Dunkel und das Bergende, die Gottheit.
  • In der Mitte ist die Mittelwelt, die durch die Mitgardschlange der Zeit gefangen ist und die der Mensch durchstoßen muß um durch Schaffung seines dreifältigen Wesens Teil des Großen Ganzen zu werden.
  • Im Nordosten — die Himmelsrichtungen sind in den späteren Überlieferungen ebenso wie in China verfälscht worden ist Jotunheim, der Ort der Riesen und der Trolle, der Wesen mit riesigem Körper und kleinem Kopf. Diese sind die Herren der irdischen Welt, des Wachstums und Gestaltens, als Kräfte und Wesen von den Menschen unabhängig. Sie müssen sich mit den Trollen gut stellen, damit die Gestaltung des Werkes in Einklang mit der Erde ist und Erfolg hat. Noch heute gibt es Jotunheim als Landschaft in Norwegen, wo die alten Seher die Trolle erschauten.
  • Im Südosten ist Niflheim, der Sitz der Zwerge mit kleinen Körpern und großen Köpfen — als Landschaft Sverige/Schweden die unermüdlichen Helfer der menschlichen Zivilisation, die unerkannt bleiben wollen, aber genauso wie die Trolle Anerkennung und Dankbarkeit verlangen.
  • Im Norden, dem Ort des Denkens, sind die Tiergeister, deren Weisheit dem Menschen hilft, seinen Platz und seine Strategien zu finden.
  • Im Süden, dem Ort der Seele, sind die Pflanzengeister, durch die er immer wieder Vertrauen gewinnt, vor allem jene der Bäume; Eiche heißt auf germanisch Treue.
  • In der Mitte ist die Menschheit, erlebt im Thing, dem heiligen Achterkreis, der den Menschen daran erinnert, daß er immer nur Glied des heiligen All bleiben muß und sich nicht anmaßt, Gott zu spielen.

Die obere Hälfte ist Tag und männlich. Die untere Hälfte ist Nacht und weiblich und wurde schon vor der christlichen Bekehrung negativ verfälscht die alte Bedeutung läßt sich aber noch ermitteln.

  • Im Nordwesten ist Muspelheim, der Ort der Elfen, des Fühlens, die immer in der Freude sind, aber nur nachts eingreifen können. Sie helfen dem Menschen zur Lust und zur Erfüllung.
  • Im Südwesten ist Wanaheim, der Ort der Feen, welche in der Körperganzheit Wesenswünsche für die Zukunft eröffnen und dem Menschen die tiefen Motivationen geben, die sein falsches Gleichgewicht sprengen.

Der Ort der Frau Holde — ihr wirkliches Wesen offenbart sich noch im Gegensatz unhold-hold, Holle ist eine Verfälschung — ist Helheim, das bergende Dunkel, das das innere Licht als Kraft der Aufmerksamkeit schafft.
Sowohl Alfadur als auch Frau Holde sind nicht unmittelbar ansprechbar, sondern beide Orte sind durch je drei Wesen gehütet.
Vor dem Eintritt in Helheim in Schwarzalfheim stehen die drei Nornen Urd, Skuld, Werdandi, die den Zugang verstellen; Urd ist Vergangenheit, Skuld Gegenwart, und Werdandi das Werden der Zukunft. Um ihre Schwelle zu überschreiten, muß man ihnen danken: Urd für die eigene Vergangenheit, Skuld für die Umstände der Gegenwart und Werdandi für die Erwartungen der Zukunft.
Dann verwandeln sie sich aus furchterregenden Schreckgestalten in wunderschöne Mädchen, die den Zugang zur Freude und zu den Wünschen, zu den Elfen in Muspelheim und zu den Feen in Wanaheim, vor allem aber zur bergenden Urmutter Frau Holde freilegen.
Im Osten ist Lichtalfheim der Ort der Dreifaltigkeit von Odin, Wili und We. Odin ist der Schöpfer, der den Menschen die Runen zur Entschlüsselung des Geheimnisses gab. Wili ist der Erhalter, der einem hilft, sein Wirken zu vollenden, und We ist der Kämpfer, der dafür sorgt, daß die Entfaltung stärker bleibt als die Zerstörung und daß jene, die der Dunkelwaltung dienen, nicht dauernd über die Lichtwaltung die Oberhand behalten. Diese Dreifaltigkeit — indisch Brahma, Vishnu, Shiva — gilt es um Hilfe zu bitten — Odin um Weisheit, Wili um Beharrlichkeit und We um Tapferkeit, damit die Trolle und die Zwerge, die beiden Taggeister, einem helfen können, am großen Werk und an der Geschichte mitzuarbeiten. Dadurch erreicht der Mensch Zugang zu Asgard, den Himmel als dem Ort, wohin er nach Vollendung seines Schicksals aufsteigt, wenn er nicht mehr für sich selbst, sondern für den Menschen im All lebt, der sich am Beginn der Schöpfung zerstückelte, damit wir Menschen ihn zum lebendigen Leib zusammenfügen können — die gleiche Vorstellung, die der Kirche als mystischem Leib zugrundeliegt. Alfadur offenbart sich nicht als Person, sondern als Myriaden von Engeln des Lichts. Nur der eigene Engel gibt den Zugang zum göttlichen Ursprung.

Unzählige Spielarten der Mythen sind überliefert. Mal steht der Kampf zwischen Licht und Dunkel im Vordergrund, mal ihre Ergänzung. Auch greift die zerstörende Dunkelwaltung laut germanischer Überlieferung am Ende eines Zeitalters ein, weil die Entwicklung positiv nicht schnell genug ginge so im letzten Neptunkreislauf zwischen 1789 und 1950, als nur zerstörende Impulse Nachfolge fanden.

Arnold Keyserling
Weisheit des Rades · 1985
Orphische Gnosis
© 1998- Schule des Rades
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