Schule des Rades

Arnold Keyserling

Weisheit des Rades

4. Wortleib der Seele

Ägyptische Überlieferung

Diese acht Welten offenbaren sich der Vision, wenn die Schwelle des REM-Traumes des Denkens überwunden wurde und der Mensch versucht, direkt mit dem Wesen der Welt wie im Paradies Beziehung aufzunehmen. Doch besteht die Gefahr, sich in den Mythen zu verlieren, und so gilt es den weisen Alten, der ursprünglich dort lebt und nach jeder irdischen Existenz wieder nach Asgard zurückkehrt, genau zu verstehen. Den Schlüssel hierzu bietet die ägyptische Überlieferung, die ich durch Robert Masters kennengelernt habe. Ihr zufolge hat der Mensch potentiell fünf Bewußtseinsstufen, die er eine nach der anderen integrieren muß:

Aufu
Ka
Haidit
Khu
Sahu
Wachen
REM-Traum
Vision
Schlaf
Gewahrsein
empfinden-Geist
denken-Seele
fühlen-Körper
wollen
gewahrsein
Sinne
Sprache
Triebe
Kräfte
höheres Selbst

  • Aufu ist die Erfahrung und Empfindung des physischen Körpers, die jeder Mensch notwendig hat. Meistens besteht das Bild des Aufu aus jenen Erfahrungen, die einem begegnet sind, Krankheiten, oder Erfolgserlebnisse wie bei dem siegreichen Läufer, der sich seiner Beine und ihres Gebrauchs bewußt ist. Die Merkwelt des Aufu geht über das Empfinden hinaus und umschließt als Geist jene Sinnesdaten, die ein Mensch sich zurechnet, also seine Weltanschauung oder Brille, durch die er erfährt, während alles übrige ihm verschlossen bleibt.

Gesetze der Erfahrung sind nicht aus den Erscheinungen abzuleiten, sondern phänomenologisch zu klären. Alle Erfahrungen kommen durch Sinneseindrücke zustande, und die Sinne haben eine natürliche Systemik: der Quintenzirkel als Ursystem der Töne, der Farbkreis und die Farbkugel als System der Lichterfahrung und die Tafel des periodischen Systems, wie sie im Rad abgebildet und dargestellt ist.

  • Die Integration der Sinne erfolgt im seelischen Denken, also der im Kraftleib beschriebenen Achse zwischen Erde und Himmel, die die Grundlage des Personwerdens bedeutet. Der Lichtleib wird waagrecht erlebt: die Sinne sind vor ihm. Er selbst aber ist als Ka der Doppelgänger des Körpers, den es zu bauen und zu artikulieren gilt. Wissenschaftlich bezeichnet man Ka als den kinästhetischen Körper oder das bewegliche Körperschema, woraus jede Bewegung ansetzen muß.

Nach der ägyptischen Tradition wird jeder Teil des Körpers, der nicht vom Ka integriert ist, von fremden Geistern besessen und potentiell oder aktuell krank; man muß vom Aufu durch die Fähigkeit der Bildwerdung des Aka der Hunas, besitzergreifen.

  • Im Doppelgänger Ka entscheidet sich der Sinn des Lebens. Doch die Fähigkeit des Aka entstammt der Sphäre von Körper-fühlen, der Traumvision des dritten Bereichs. Diese ist hinter der Achse des Bewußtseins und damit unterbewußt; sie muß absichtlich einbezogen werden. Haidit heißt die Welt der Schatten und Möglichkeiten, in denen das Bewußtsein jegliche Form annehmen kann, jedes dramatische Geschehen durchzuspielen vermag, wie wir es dauernd im Traum vollziehen, wobei dieser meistens eine Antwort auf die Probleme und Dilemmas des Aufu, der physischen Existenz bedeutet, die er für die mentale Ebene bildhaft ergänzt.

Niemand kann in den Haidit vordringen, der nicht bereits Ka entfaltet hat, also das Körperbild sowohl in seiner persönlichen als auch in seiner zivilisatorischen Ausformung im Tierkreis erkennt. Aber der Haidit ist gefährlich, weil man seinen Bildern ausgeliefert ist, wenn man seine Gesetze nicht kennt: in ägyptischer Formulierung, wenn man die Namen der jenseitigen Geister nicht weiß.

  • Haidit ist die Welt der Motive — im Fühlen zur Aufrechterhaltung der Struktur als innere Signale erscheinend, im Körper als alte und neu sich formende Verhaltensprogramme auftretend. Wer an diese herankommt, erlebt einen Mythos, der ihn an Kraft anderen überlegen macht. Nur in der nächsten Schicht des Khu, dem magischen Wollen, kann er die Kräfte und Wesen des Haidit erlernen und lenken. Bildhafte Darstellungen ihrer Phänomenologie wie bei Campbell und Kerényi zeigen den Reichtum dieser Welt. Doch die klarste Darstellung der Gesetze des Wollens und des Khu haben die Chinesen im Buch der Wandlungen erarbeitet. Die einzigen Prinzipien der Welt sind Yang und Yin, Aka und Mana, Licht und Kraft. Da nun alles dreifältig ist, gibt es acht verschiedene Ausformungen der Welterfahrung, die im Rad den Himmelsrichtungen entsprechen, den Schlüssel zu Funktionen und Bereichen bilden, die wir aber nun als Wesenheiten betrachten wollen.
Arnold Keyserling
Weisheit des Rades · 1985
Orphische Gnosis
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD