Schule des Rades

Arnold Keyserling

Weisheit des Rades

Einführung

Orphische Religion

Die orphische Religion unterscheidet sich von anderen Offenbarungen durch die Sonderstellung des Menschen: nämlich daß dieser allein durch seine persönliche Anstrengung das Leben als Aufstieg zu einer höheren Seins- und Bewußtseinsstufe verstehen und verwirklichen kann. Sie ist sowohl Erinnerung an Schamanismus und Animismus, die Religion der Altsteinzeit auf der ganzen Erde, die erst heute wieder begreiflich wird, als auch Ursprung der europäischen Geistigkeit mit dem Beginn der ionischen Philosophie bei Thales, Anaximander, Anaximenes und Pythagoras.
Der älteste von Thales überlieferte Satz lautet: Alles ist voll von Göttern, alles ist beseelt. Dazu jener von Anaximander: Aus welchen Dingen aber der Ursprung ist für die seienden Dinge, in diese hinein geschieht auch das Vergehen nach der Schuldigkeit. Denn es geben die Seienden einander Strafe und Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Anordnung der Zeit.
Für Aristoteles war der Verlust des Zusammenhangs mit den Göttern ein Gewinn; für uns ist er ein Unglück, und Menschen bemühen sich, die verlorene Rückbindung in verschiedenen Weisen in der Psychologie, der Esoterik, der Kunst, oder in der Wiederbelebung schamanischer Techniken wiederzugewinnen und betrachten die moderne Entwicklung als Irrweg. Doch wir können hinter die Rationalität nicht mehr zurück, da sie die Voraussetzung einer individuellen Lebensgestaltung ist und weil die Postulate der Demokratie als Gleichheit der Menschen, sozialer Gerechtigkeit und Selbstbestimmung als Aktualisierung eines persönlichen Lebenssinnes auf der ganzen Erde zu herrschenden Idealen geworden sind.
Rationalismus und Technologie haben die vorkritischen Religionen in den meisten Ländern als politische Mächte zerstört. Daher kann Europa als das Gebiet, das die Zerstörung seit Alexander dem Großen verursachte, auch den Weg zur Heilung finden. Diese ist historisch und systemisch anzugehen: historisch im Rückblick zur orphischen Schwelle der europäischen Geistigkeit, und systemisch durch Anwendung der neuesten Erkenntnisse der Naturwissenschaft als Brücken zur Transzendenz.
Erst der sozialfähige Mensch, der die lokale Kultur meistert, kann die Rückbindung zum Wissen des Baumes des Lebens im paradiesischen Mythos auf bewußter Ebene wiedergewinnen: Religion bedeutet naturwissenschaftlich gesprochen die Erhebung der Instinkte auf das Niveau des sprachlichen Denkens, wodurch allein der Mensch zum bewußten Mitarbeiter der Schöpfung wird.
Der Verkehr mit dem Jenseits verlangt einerseits den Glauben an dessen Existenz, andrerseits eine Sprache, die dafür geeignet ist, mit ihm in Beziehung zu treten. Ohne Kenntnis der Namen kann man niemanden ansprechen. Nur in Europa hat das Wort seine magische Bedeutung bewahrt, wenn auch der orphische Untergrund seit zweitausend Jahren im Gegensatz zur orthodoxen Religion war, welche die Selbsterlösung verdammte. Diese Spaltung zwischen persönlicher Religiosität, den Kirchen und den Ideologien hat in der Gegenwart ihren Höhepunkt erreicht. Nie war unsere Kultur so richtungslos wie heute, und als entscheidende Mächte wirken Amerika und Rußland. Sie sind beide aus europäischem Geist geboren, beschränken sich aber auf gegensätzliche Einstellungen, die mit der Geistesgeschichte wenig zu tun haben. Die politische Macht Europas ist verschwunden; und obwohl die Menschen einen niegekannten Wohlstand besitzen, ist der Sinn des Lebens sowohl persönlich als auch kollektiv ungreifbar geworden. Die herrschenden Ideologien in Ost und West haben keine transzendenten Ambitionen. Ihnen geht es um die Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen, die sie entweder durch gemeinsame Planung im Osten oder durch persönliche Initiative im Westen durchsetzen wollen.
Die negative Bedrohung der Erde durch diesen Gegensatz ist offensichtlich. Betrachtet man ihn aber positiv aus biologischer Sicht, so kann man sagen, daß der Mensch in der technologischen Gesellschaft in der Wassermannzeit zum ersten Mal zu seiner Rolle in der Natur gefunden hat. Das Leben ist nicht mehr Fron, sondern könnte virtuell jedem die Möglichkeit geben, seinen eigenen Sinn zu verwirklichen, wenn er nur wüßte, wie er diesen findet. Ablehnung des Persönlichkeitskultes und falscher Hierarchien sind Lippenbekenntnis sämtlicher Nationen. Das rationale Denken hat überall die bloße Meinung abgelöst. Was nicht kritisch begründet werden kann, findet keine offizielle Anerkennung.
Gleichzeitig ist aber das Verhältnis zu Traum, Tod, Läuterung und nachtodlicher Existenz immer mehr verdrängt. Selbst die Kirchen verstehen sich heute als soziale und kulturelle Institutionen oder Stätten der Therapie und Seelsorge, anstatt den tatsächlichen Sinn des Daseins zu erkennen und zu lehren.
Religionsphilosophie ist zu vergleichender Wissenschaft abgesunken und das Bekenntnis zum Pluralismus, das wir in allen Kongressen hören, bedeutet, daß die Protagonisten der bürgerlichen Wissenschaft der Überzeugung sind, es könne keine verpflichtende Metaphysik geben, dieses Wort ist sogar für viele ein Schimpfwort geworden.
Wenn eine Bewegung im Tal der historischen Welle gelandet ist, so steigt sie wieder auf. Der äußere politische und wissenschaftliche Niedergang Europas könnte die Voraussetzung seiner Wiedergeburt bilden — ein recul pour mieux sauter. Wir stehen vor einer Neubesinnung. Ich glaube, daß diese nur möglich ist, wenn wir an die Wurzeln der europäischen Religion herangehen, die uns durch Kenntnis anderer Überlieferungen zurück bis zur Altsteinzeit zum ersten Mal verständlich werden kann.
Die Wurzeln der abendländischen Religion — ich verwende das Wort in seinem lateinischen Sinn als Rückbindung zur Natur, zum All und zur Transzendenz, also nicht beschränkt auf Gott — liegen in der Orphik, jener seltsamen Geisteshaltung, die zwischen dem achten und fünften vorchristlichen Jahrhundert das ionische Kleinasien beherrschte. Wir wollen ihre Grundzüge in wenigen Sätzen zusammenfassen:

  1. Der Mensch lebt nicht in einer zweigeteilten Welt, wo er, wie bei Homer, den mythischen Göttern ohnmächtig gegenübersteht und nach dem Tode in die Hoffnungslosigkeit der Schatten des Hades absinkt, sondern hat einen geistigen Wesenskern, für den das Leben im Durchlaufen einer Vielzahl von Wiedergeburten einen Aufstieg bedeutet, um dereinst auf einer höheren himmlischen Existenzebene Mitarbeiter des Göttlichen zu werden.
  2. Himmel und Erde, Sonne und Mond sind göttliche Wesen, die den Menschen auf seinem Weg unterstützen, sobald er sich entschließt, die Existenz als Läuterung, als fortschreitende Integration aufzufassen. Nichts auf der Welt ist negativ zu verstehen, alles ist berechtigt, doch steht jedes Wesen auf einer bestimmten Entwicklungsstufe. Die Entwicklung hat ein Ziel. Sie vollzieht sich nicht durch Nachfolge, sondern durch Erlernen einer heiligen Sprache, die Riten, Gebärden, Musik und Worte umfaßt.
  3. Der göttliche Urgrund ist gleichzeitig Nichts und Etwas, das Einende Eine, verwirklicht sich aber auf der Welt über die geschlechtliche Vereinigung, visionär geschaut in Schlange und Weltenei, aus deren Verbindung der Reichtum der Schöpfung entsteht. Nur wenn der Mensch beide Wurzeln anerkennt — Apollo und Dionysos — kann er den Aufstieg zur Unsterblichkeit, zu Aletheia, der Wahrheit wagen.
  4. Die Sprache und der Gesang sind die Mittel zum Erreichen der Wahrhaftigkeit, wie als erster der Sänger Orpheus erkannte; selbst im Tode sang sein Haupt noch weiter. Ihm gelang es, die Kommunion mit Steinen, Pflanzen, Tieren, Geistern und Göttern zu artikulieren, also das verlorene Paradies wiederzufinden — mit anderen Worten, die schamanische Tradition des Animismus auf gnostischer Ebene zu begreifen und anzuwenden.
    Sein Hauptziel war die Befreiung von Eurydike — der Name bedeutet gutes Gesetz — aus dem Hades, dem Ort ewiger Wiederholung. Fast gelang es ihm, die Geliebte zurückzuholen, doch er scheiterte, als er sich nach ihr umkehrte.

So ist das offensichtliche Ziel der Orphik, sich nicht zur Vergangenheit zurückzukehren sondern auf die Zukunft hin zu leben, weil nur dieserart der Mensch die Befreiung erreichen kann: das Erlernen der orphischen Harmonik als Sprache der Musik galt als jener Weg des Wissens, der den Tod endgültig überwindet.

Arnold Keyserling
Weisheit des Rades · 1985
Orphische Gnosis
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD