Schule des Rades

Arnold Keyserling

Weisheit des Rades

4. Wortleib der Seele

Arche Noah

Die christliche Theologie hat den Reichtum der biblischen Überlieferung in eine Geschichte mit Anfang und Ende gepreßt, zwischen Paradies und jüngstem Gericht, und damit vielen der Offenbarungen nur eine Bedeutung als Geschehnis zuerkannt und das darin verborgene Wissen vernachlässigt. Doch eine Geschichte gleicht einem Theaterstück; die Bibelinterpretation in Nachfolge Augustinus ist bewußt den dramatischen Kategorien des Aristoteles nachempfunden:

1.
2.
3.
4.
5.
Exposition
Opposition
Krise
Peripatetik
Katastrophe
Paradies
Sündenfall
Erlösung durch Christi Tod
jüngstes Gericht
neues Jerusalem

Die philosophisch entscheidende Stufe, die Peripatetik, wo im dramatischen Ablauf im vierten Akt alles offen ist — laut Aristoteles existiert Philosophie nur zwischen Krise und Katastrophe — wird als jüngstes Gericht am Ende der Zeiten, oder persönlich in der dauernden Gewissenserforschung erlebt. Diese Interpretation vergißt, daß das Ziel der Erlösung nicht nur eine Höherentwicklung sondern auch eine Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes ist: der Harmonie mit dem Kosmos, auf daß der Mensch Freund und Mitarbeiter des Menschen im All werde, nach dessen Bild er entstanden ist, und als dessen Sohn Christus sich bezeichnet.

Aus diesem Gesichtspunkt sind die Geschehnisse der Überlieferung nicht in linearer Folge zu verstehen, sondern existentiell als eine Wandlung des Bewußtseins. Dies gilt besonders durch die Sage von der Sintflut, die sich in allen Überlieferungen findet, obwohl es nachweislich in historischer Zeit keine totale Überschwemmung der Erde gegeben hat. Wichtig darin ist die Konstruktion der Arche mit ihren drei Stockwerken, in welcher Noah von jeder Tierart ein Paar retten sollte.

Das Wort Arka ist weder hebräisch noch babylonisch. Es gehört einer verlorenen Sprache zu, hat aber seine Bedeutung des Kreisbogens bis heute überall beibehalten. Nehmen wir nun den Bibeltext mit seiner genauen Bestimmung der Konstruktion der Arche zur Hand:

Mache dir eine Arche aus Tannenholz, mache Kammern darin, verpicke sie mit Pech inwendig und auswendig. Und mache sie allso: dreihundert Ellen sei die Länge, fünfzig Ellen die Breite, und dreißig Ellen die Höhe, dazu noch eine Elle mit einem Fenster; und sie soll drei Böden haben, einen unten, einen anderen in der Mitte, und einen dritten in der Höhe.

Ein Amerikaner, Charles Sherburne erlebte nun eine Vision, daß er diese Arche nachbauen, aber anstelle der rechteckigen Elle Kreissegmente entsprechender Länge verwenden sollte. Dies gelang ihm, und das Ergebnis hat die Form eines Kajaks, des Schiffes der Eskimos, die in der Arktis leben, im griechischen Land der Hyperboreer, wo die Weisheit herkommt. Als er nun ein Modell fertiggestellt hatte im Verhältnis dreier Kreisbögen zueinander, erlebte er etwas Seltsames, das nach newtonschen Prinzipien unmöglich schien: dreht man das Modell auf einer Glasplatte nach links gegen den Uhrzeigersinn, so fängt es an zu schlingern, geht in eine Pendelbewegung über, und sobald diese zur Ruhe kommt, dreht es sich ohne einen äußeren Anstoß in der Gegenrichtung im Uhrzeigersinn.

K a j a k

Sherburne erkannte, daß die Bootsform die Bewegungen der Erde nachvollzieht: das Schlingern entspricht der Bewegung der Erdachse, die einen Kreis in der Nähe des Polarsterns im Weltenjahr beschreibt. Die Pendelbewegung bestimmt das Jahr im dauernden Wechsel von Tag und Nacht, das in Analogie zum Lebenskreis als Ganzheit zu betrachten ist, und die freie Rechtsdrehung weist daraufhin, daß der Himmel dauernd im Osten aufgeht und dem Menschen Inspiration bringt — er also die Orientierung — Orient heißt Osten nicht verliert. Darüber hinaus aber zeigt das Modell der Arche den Rahmen der seelischen Entfaltung, dessen Erkenntnis notwendig ist, um zur Reife zu kommen, daß der Mensch Mitarbeiter des Göttlichen werde. Noah war der Sage nach der erste Weinbauer; er verstand, daß die Pflanzen imstande sind, dem Menschen die Vision des Jenseits zu eröffnen.

  • Der Kraftleib des magischen Kindes verwurzelt den Menschen in der Urkraft, dem Mana des All.
  • Der Lichtleib des Aka verbindet ihn mit der geistigen Welt. Beides sind Räume.
  • Doch der Wortleib der Seele ist in der Zeit zu bestimmen, die sich durch die drei Bewegungen des Tages, des Jahres und des Weltenjahres begreifen läßt.

Die Arche Noah war dreißig Ellen hoch, das Wasser bedeckte die Bergesgipfel nur fünfzehn Ellen; so muß sie von Anfang an auf der Spitze des Berges gestanden sein. Wie in anderen esoterischen Traditionen gilt es die Bedeutung der Zeiten der Seele genau zu verstehen. In meiner Geschichte der Denkstile habe ich den Ablauf an Hand bestehender Überlieferungen geschildert. Entscheidend ist nun, daß wir mit dem Beginn der Wassermannzeit an das Ende der Geschichte gekommen sind, wo das Nacheinander der Planetenimpulse in das Miteinander des Rades übergeht und die Urreligion der Vereinigung von Kraftleib, Lichtleib und Wortleib wieder zugänglich wird. So wollen wir nun in der Sprache des Rades den systemischen Rahmen der Seele als Grundlage aller Zivilisation untersuchen und bestimmen.

  • Der Kraftleib des magischen Kindes wird in der vertikalen Nord-Süd-Achse erfahrbar,
  • der Lichtleib in der horizontalen Ost-West-Achse.
  • Der Wortleib vereint nun Kraftleib und Lichtleib in der Seele, die ihre verbindende Rolle erst dann erfüllen kann, wenn sie ihrer eigenen Struktur bewußt geworden ist.

Mit dem Beginn der Wassermannzeit ist im Tierkreis der Konstellationen die Ost-West-Achse auf Südost-Nordwest verschoben und damit ist das Rad vollendet: jeder einzelne kann fortan seine eigene Geschichte als Weg zur Vollendung erfinden und gestalten.

Arnold Keyserling
Weisheit des Rades · 1985
Orphische Gnosis
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD