Schule des Rades

Arnold Keyserling

Weisheit des Rades

6. Kosmische Einstimmung

Stellung des Menschen im Kosmos

Nur das Wissen, das uns das Überleben ermöglicht, kann uns auch den Schlüssel zum Jenseits verständlich machen. In Beziehung zur Außenwelt haben wir den Mythos verlassen und der wissenschaftlichen Methode vertraut mit ihren drei Kriterien von Mathematik, Logik und wiederholbarem Experiment. Die gleiche Methode müssen wir jetzt auf das Verständnis der Stellung des Menschen im Kosmos anwenden.

Der Ursprung der materiellen Welt ist das Wirkungsquant, von Planck 1900 entdeckt, die kleinste Einheit oder die Zahl 1 des Universum, aus welcher Masse und Energie entstehen. Quanten sind nicht Energieeinheiten, wie es meistens fälschlich dargestellt wird, sondern Wirkeinheiten. Die Wirkwesen in der Welt sind die Monade: Atome, Zellen, Pflanzen, Tiere und Menschen. Das Quant hat die Potenz aller Wirkwesen: es ist als Zahl der potentielle Aspekt des Göttlichen, der sich aktualisiert und damit tatsächlich alle Wesen erschafft und ernährt.

Diesem gnostischen Verständnis steht nicht nur die übliche objektive Welterklärung im Wege, daß die Welt und das Leben aus dem Urknall durch Zufall entstanden sei und kein Entwicklungsziel habe, sondern darüber hinaus, daß Traum und Schlaf, die Motive und der Zugang zum Jenseits der zweiten Entwicklungsstufe des Menschen verschlossen sind und es eines Aktes des Mutes bedarf, um sie zu integrieren. Der göttliche Ursprung ist tatsächlich Schöpfer. Er hat beide Aspekte der Ureinheit in sich, die aus dem Nichts entspringen: das Quant als kleinste Subjekthaftigkeit und das All als der große Zusammenhang von Mikrokosmos, Makrokosmos und Kosmos.

Betrachten wir nun die Quanten, die unsere Wirklichkeit in allen drei Bereichen erschaffen. In der Sonne vereinigen sich Wasserstoffprotonen zu Helium, 1 wird 2, H wird He, und erzeugen damit zwei gegebene Energien: den Elektromagnetismus und die Schwerkraft.

Das Licht und der Elektromagnetismus entstehen, weil das Gewicht der Heliumatome geringer ist als zwei Protonen des Wasserstoff wiegen: dieser Gewichtsüberschuß zerstrahlt nach der einsteinschen Formel E = mc² als Licht, als elektromagnetische Strahlung. Gleichzeitig aber schafft das Helium, der Sonnenstoff, aus der Symmetrie der Quanten mikrokosmisch das Atom mit seinen sieben Schalen und makrokosmisch das Planetensystem der Sonne.

Die elektromagnetischen Wellen sind transversal, die Schwerkraftwellen oder Materiewellen longitudinal. Sie stehen senkrecht zueinander. Alle Wesen befinden sich zwischen elektromagnetischen Schwingungen und Materiewellen. Diese beiden werden für das menschliche Bewußtsein als Licht und Schall in einem kleinen Ausschnitt beider Wellenbereiche bewußt.

transversal
t r a n s v e r s a l
3.800-7.600Å
infrarot – Licht – ultraviolett
longitudinal
l o n g i t u d i n a l
16-20.000 Hz
infra – Schall – ultra

Wesen sind systemische autonome Informationen, die im Wandel beharren. So kann man sie auch als Worte bezeichnen, und damit werden die vier gnostischen Urgründe von Zahl, Wort, Licht und Ton Kriterien des naturwissenschaftlichen Verständnisses.

Die starken Kräfte, die Protonen zu Kernen zusammenfügen, gehören als Ausdruck zum göttlichen Bereich der Quanten, die schwachen Wechselwirkungen und Kräfte, aus denen die Information entsteht, zum Wort. Die Materiewellen werden als Schall bewußt. Das Wort steht also nicht dem Schall und dem Licht als Gegensatz gegenüber, sondern der göttlichen Zahl. Innerhalb dieser Vier bildet sich nun eine weitere Ordnung, die erstmals von Arthur M. Young entschlüsselt wurde und eine Achterstruktur aufweist, die dem Rad entspricht:

K o s m o s

Die linke Seite zeigt eine Verringerung der Freiheit im Gesetz der Entropie; die rechte eine Vermehrung der Freiheit in der Negentropie. Der tiefste Punkt des Abstiegs ist das Molekül, der freieste Punkt die Quanten als Ausdruck der kosmischen Energie, die nur in ihrer Wirkung physikalisch zu erfahren sind, aber bewußtseinsmäßig als Begnadung oder Samadhi erlebt werden.

  • Quanten sind Wirkeinheiten und ergeben die Möglichkeit der Subjekthaftigkeit alles anderen: sie ernähren das All aus dem weißen Loch, der Null der Schöpfung.
  • Die Photonen sind mit Lichtgeschwindigkeit frei unterwegs, stehen in dauerndem Austausch und lassen sich in ihrem Verhalten nicht vorhersagen.

Werden sie wahrgenommen, so heißt das aufgenommen: sie verschwinden als Photonen und werden Teil von Quarks und Leptonen, Atomen, Molekülen und Pflanzen, Tieren und Menschen.

  • Die Quarks und Leptonen, Protonen und Elektronen, stehen zueinander im Verhältnis von Anziehung und Abstoßung; ihre Freiheit und Energieladung ist geringer als jene der Photonen. Im Plasmazustand, in dem sich der größte Teil des Universums befindet, ist ihre Wechselwirkung in Yin und Yang entscheidend, während die Quanten nur Tao sind.
  • Die Atome haben bestimmte Qualitäten, sieben Schalen mit bis zu vier Bahnen mit höchstens 32 Elektronen. Sie verändern sich nicht außer als Rückfall in subatomare Partikel und bilden die 92 Elemente des Uratoms.
  • Die geringste Freiheit hat das Molekül, dessen Gestalt dem Rad entspricht. Die obere Grenze aller molekularen Verbindungen ist die Gruppe der Edelgase; Wasser z. B., H₂O, entspricht der Zahl 10 des Edelgases Neon. Manche Verbindungen verlangen zu ihrer Erzeugung Energie, manche geben welche ab, wie die Oxydation des Verbrennens.

Die Ebene des Moleküls ist die erfahrbare Materie, die anderen Schichten sind deren Teile oder Abstraktionen. Im festen Zustand bildet das Molekül Kristalle, Salze und Metalle.

Die Energie des gesättigten Moleküls ist im Verhältnis zum Photon verschwindend klein. Doch hier findet gleichzeitig die Umkehr statt, die durch die Schwerkraft bestimmt ist und negentropisch im Makrokosmos verläuft.

  • Der Mond steht in Entsprechung zum Molekül, schafft die Vereinzelung und dreht sich um die Erde.
  • Die Erde entspricht dem Atom und hat eine genau bestimmbare Qualität. Sie dreht sich um die Sonne.
  • Die Sonne mit den Planeten dreht sich in einem Zweig der Spirale der Milchstraße um deren unsichtbares Zentrum.
  • Die Drehung der Milchstraße wird in Bezug auf das All begreiflich, das sämtliche Milchstraßen umgreift und aus der kosmischen Energie der Quanten gespeist wird. Insofern wäre wahres Bewußtsein — als jenes Wissen, das die Ganzheit umfaßt — göttliches Bewußtsein, das über die Mitte der Milchstraße zu erreichen ist. Nur wer die Stufen von Mond, Erde, Sonne und Milchstraße integriert hat, ist imstande, Partner des Göttlichen zu werden.

Aus der Wechselbeziehung zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos entsteht das Leben auf der Haut der Erde. Jedes der Wesen ist dimensional auf einen anderen Bereich abgestimmt.

  • Der Mond kreist um die Erde und wechselt in der Sichtbarkeit im Monat zwischen Vollmond und Neumond, im Saroszyklus zwischen Mondfinsternis und Sonnenfinsternis in achtzehneinhalb Jahren. Dieser Rhythmus entspricht dem Schlüssel der Moleküle, die sich nach Maßgabe des genetischen Codes zu Zellen zusammenschließen. Manche Einzeller wie der Tabakvirus können sowohl kristallin als auch lebendig erscheinen.

Dem Wechsel von Fülle und Leere des Mondes entsprechen Wachstum und Teilung im DNA. Diese vollzieht sich nach dem Gesetz der Oktave: 1 · 2 · 4 · 8 · 16…. Das homöopathische konstitutive Element, das ich in Alphysik beschrieb, ist ein Molekül, dessen Rolle der Mensch im materiellen Ganzen des All erfüllen kann. Wenn er es erkennt, dann wird er Herr seiner Phantasie, seines kinästhetischen Körpers, seines Wortleibes, der über die Chakren den Organismus zusammenfügt. Damit ist die Qualität, die Einzigartigkeit eines Wesens die unterste Stufe der mittleren Achse Wort — Zahl, des hierarchischen Aufbaus des Lebens.

  • Atom, Pflanze und Erde gehören zur dritten Dimension. Während die Einzeller sich frei bewegen, hat die Pflanze die feste Achse und verwendet die Schwerkraft, um senkrecht zu wachsen. Wurzeln und Krone sind beim Baum durch den Stamm verbunden. Und während sich der Virus chemisch im Stoffwechsel ernährt, führt die Pflanze der Erde die Sonnenenergie zu: sie atmet im Rhythmus von Tag und Nacht, Licht und Dunkelheit, ein und aus und ist daher imstande, aus der Lichtenergie die Kohlenwasserstoffmoleküle aufzubauen.
  • Das Tier ergänzt zur Achse oben-unten jene von hinten-vorne. Es wird aus dem inneren Licht der Motive gesteuert, die Urtriebe Sicherung, Nahrung, Aggression und Reproduktion. Diese wirken mit der Wahrnehmung zusammen, daher kann man Tiere und auch Menschen abrichten; die Sonnenenergie wird zur Bewegungsenergie, die durch Anziehung und Abstoßung gleich den Quarks und Leptonen funktioniert. Träger des Sauerstoffes im Blut ist ein Eisenkern des Hämoglobin, der sich von Chlorophyll nur dadurch unterscheidet, daß er den Magnesiumkern ersetzt.
  • Der Mensch trägt in sich Zelle, Pflanze und Tier. Identifiziert er sich mit dem Mond, seinem Genom oder dem Molekül, wird er geisteskrank oder Egoist. Identifiziert er sich mit Pflanze und Atom, verliert er sich in Verwurzelung und Besitz. Identifiziert er sich mit den Urtrieben des Tiers, unterliegt er ihrer Herrschaft und ist von außen zu manipulieren. Die makrokosmische Entsprechung des Menschen ist die Milchstraße. In einem Arm ihrer Spirale kreist die Sonne um das Zentrum und bildet mit dem Planetensystem geometrisch eine Scheibe in einem Rohr, die Erfahrung der fünften Dimension von Raum und Zeit. Die Gegenwart des Bewußtseins ist flächig, und daher nicht nur epistemologisch, sondern auch kosmologisch das Rad.

U R - R A D

  • Das Unbewußte des Genoms der Zelle ist dumpf und unveränderlich. Man muß es akzeptieren wie es ist.
  • Das Atom und die Erde, das pflanzliche Wesen wechselt zwischen Wachen und Schlaf, bedeutet Bezogenheit auf die Wurzeln und senkrechte Achse.
  • Die Sonne und die Quarks oder Leptonen, das tierische Wesen besteht im Wechsel der Triebe, kennt nur das Leben und nicht den Tod.
  • Der Mensch aber in der Milchstraße lebt kosmologisch und existentiell auf die Zukunft hin; darum heißt sie in allen Sprachen der Weg der Milch, des dauernden Ernährtwerdens. Dieses Leben hat das Subjekt nicht mehr in sich, sondern in der Menschheit als Ganzes. Jeder lebt in der Kette der Generationen und kann auf Grund der Struktur der Information, die immer nur Neues aufnimmt, an der Welt mitwirken, wenn er am Vergangenen anknüpft und sich selbst als Glied einer überpersönlichen Kette weiß.
Arnold Keyserling
Weisheit des Rades · 1985
Orphische Gnosis
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD