Schule des Rades

Arnold Keyserling

Weisheit des Rades

7. Vom Menschen zum Mitmenschen

Chakras

Fast alle Hochreligionen und Volksreligionen sind auf die Ebene des tierischen Bewußtseins zurückgefallen. Doch der menschliche Organismus zeigt auf Grund seiner Gehirnstruktur einen Unterschied zum Tier: rechts und links als Großhirnhemisphären treten als Parameter zu oben und unten, vorne und hinten dazu. Er kann aus Motiven, die der Vision der Milchstraße entstammen, über das Empfinden jene Sinnesgegebenheiten der Photonen aussuchen, die den Reichtum der Weltgestaltung vergrößern. In dem Maße, da er überpersönlich wirkt, eine Vergangenheit anderer Menschen durch seine Leistung in eine Zukunft überführt, ist er sowohl in der Geschichte der Menschheit als auch in seiner persönlichen traumhaften Läuterung unsterblich. Denn innen und außen, Quanta und Allbewußtheit, Skwan und Wakhan sind der Quell des Seins, welches mit der Eigenheit, dem schwarzen Loch von Molekül und Mond, der Aufmerksamkeit unmittelbar in Beziehung stehen. Nur dieses kann aus dem weißen Loch der Schöpfung die Fülle empfangen.

Die Klärung der Vorstellung des kinästhetischen Körpers hinauf bis zum Milchstraßenbewußtsein und All und hinunter bis zum Molekül ist über das Wort zu ergreifen. Der Mensch ist frei, sich zu entfalten oder auch nicht; niemand kann ihn zwingen, ein Orphiker zu werden.

  • Die linke Seite des Rades ist entropisch, mikrokosmisch; sie ist die dissipative Ordnung Prigogines, derer das Wesen zum Aufbau bedarf.
  • Die rechte ist negentropisch und makrokosmisch: das Bewußtsein von Erde, Sonne und Milchstraße ist konkret-existentiell als Wachstum, soziales Durchsetzen, Teilnahme an der Zivilisation bis zum Gottesgewahrsein des All zu erleben.

Damit gliedert sich die materielle Erfahrung, die durch die Physiker der Gegenwart entschlüsselt wurde, dem gnostischen Rad der Vorsokratiker ein. Es zeigen sich folgende Entsprechungen:

  • die Photonen sind Grundlage des Empfindens;
  • die Quarks und Leptonen, Anziehung und Abstoßung jene des Denkens;
  • die Atome mit ihren vier Energien - Strahlung, elektromagnetische Verbindung, chemische Verbindung und potentielle Energie jene des Fühlens.
  • Das Urmolekül in seiner absoluten Qualität und Gegebenheit ist jene des Wollens.

Mikrokosmisch ist dieser Weg ein Abstieg ins Dunkel, in der menschlichen Größenordnung dagegen der Aufstieg der Chakras von Muladhara bis Anahata.

Hier ist nun die Umkehr. Der Tiefpunkt ist dem Mond verschwistert. Das integrative Gewahrsein ist nicht der Körper mit seinen Zellen, sondern dessen Steuerung aus dem kinästhetischen Leib, dem die Nachtwelt des Schalls und des Makrokosmos so zugänglich ist wie die Tagwelt des Mikrokosmos.

  • Die Erde wird durch die Fähigkeit bewußt, gleich der Pflanze Energie magisch in Masse zu verwandeln. Das ist der Ursprung des Körpers, dessen Gewahrsein die senkrechte Achse erfordert: Vishuddha.
  • Die Sonne als Anima, als Seele, als Verbindung zwischen Körper und Geist, ist dauernde Hingabe des Tierwesens, Leben und Sterben im kosmischen Stoffwechsel: Ajna.
  • Die Milchstraße als menschliche Heimat, die die ewige Wiederholung des Sonnenjahres durch Teilnahme an der Geschichte überwindet und damit den Geist erreicht, hat ihren Schwerpunkt im Zusammenhang zwischen Dasein auf der Erde als Diversifikation und nachtodlicher Integration im Sinne des Traumes, bis daß der Wesenskern sich mit Körper, Seele und Geist bekleidet hat: Sahasrara.

Jedes der Chakras hat eine andere Kraft, durch deren Innewerden der entsprechende Weltbereich angejocht wird:

  1. Zeugungskraft: Die Kraft des Empfindens ist die Fähigkeit, Photonen zu absorbieren. Das Erleben des Orgasmus als höchster Ausdruck der Sinnlichkeit im Muladhara entspricht der Fusionsenergie, die in der Verschmelzung der Protonen zum Helium Licht und Schwerkraft erzeugt.
  2. Prana: Die Kraft des Denkens entstammt der Verbrennung des Sauerstoffs, der über die Atmung aufgenommen und im Swaddhistana gespeichert wird.
  3. Wunschkraft: Die Kraft des Fühlens hat als physische Grundlage die Umwandlung der Nahrung, die den Organismus über den Stoffwechsel im Gleichgewicht zwischen Aufbau und Ausscheidung hält — Manipura.
  4. Aufmerksamkeit: Die Kraft des Wollens entstammt dem Schall. Anahata heißt, hinter die Rhythmen zu treten. Von allen Sinneswahrnehmungen ist nur das Hören auf die menschliche Größenordnung bezogen, da die Luftschwingungen des Tones zwischen 22 m und 1 mm liegen. Daher kann das Trommeln der Schamanen durch direktes Ansprechen verschiedener Rhythmen alle Bewußtseinsschichten integrieren.

Die drei unteren Chakras gehören zum Mikrokosmos. Das mittlere Chakra des Wollens entspricht der menschlichen Größenordnung. Die drei oberen sind makrokosmisch:

  1. Schwerkraft: Die Kraft des Körpers hat ihren Ursprung in der Erde. Sie wird integriert, wenn der Mensch seine Achse gefunden hat und in Ruhe und Bewegung wahrt. Der Körper wird im Vishuddhachakra in seiner Reinheit und Eigenheit, seiner Pflanzlichkeit bewußt.
  2. Lebenskraft: Die Energie der Seele im Ajna, dem inneren Auge, erfaßt die personalen Beziehungen mit anderen Wesen im Werden und Vergehen; die Sonne wahrt die Kommunion des gesamten Lebens. Durch Einstimmung in die Lebenskraft findet die Seele ihren kosmischen Ort.
  3. Wirkkraft: Die Energie des Geistes im Sahasrara bedeutet die Fähigkeit, in der Vision neue Möglichkeiten zu erfassen, Geister als Verbündete zu wählen und sie der Wirklichkeit einzugliedern durch höhere Ebenen der Verantwortung.
  4. Seinskraft: Alle Energien entstammen den Quanten des Gewahrseins; das nicht im Leib inkarnierte Höhere Selbst hat die Ureinheit mit dem Göttlichen nie verloren. Diese wird aber nur erlebt, wenn der Mensch nicht nur für sich existiert, sondern die sieben Kräfte dazu verwendet, die tiefste Motivation seines Wollens und Wesens mit einer Intention zu vereinen, die ihm die Mitarbeit an allen drei Welten, Mikrokosmos, Kosmos und Makrokosmos eröffnet.

8  Sein
7  Sahasrara
6  Ajna
5  Vishuddha
4  Anahata
3  Manipura
2  Swaddhistana
1  Muladhara
Seinskraft
Wirkkraft
Lebenskraft
Schwerkraft
Aufmerksamkeit
Wunschkraft
Pranakraft
Zeugekraft
All
Milchstraße
Sonne
Erde
Mond/Molekül
Atom
Quark/Lepton
Photon
Gott
Mensch
Tier
Pflanze
DNA/Mineral
Pflanze
Tier
Mensch

Arnold Keyserling
Weisheit des Rades · 1985
Orphische Gnosis
© 1998- Schule des Rades
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