Schule des Rades

Arnold Keyserling

Weisheit des Rades

1. Sprache des Rades

Ursymbol des Verstehens

Im jüdischen Mythos des Paradieses steht der Baum der Erkenntnis im Norden und der Baum des Lebens im Osten. Sie bedeuten zwei verschiedene Arten des Lebens:

  • Die Frucht des Baumes der Erkenntnis ist das strategische Wissen, notwendig zum Überleben im Kampf ums Dasein; hebräisch — der Baum der Frucht macht.
  • Die Frucht des Baumes des Lebens ist das instinktive Wissen,
    das den Menschen zu Gott, zur Gattung und dem All rückverbindet — der Baum, der Frucht ist.

Mit der neolithischen Revolution am Ende der letzten Eiszeit vor 11.000 Jahren ging der Zusammenhang von Strategie und Offenbarung verloren. Das strategische Wissen stellte sich gegen die Instinkte. Während der Mensch der Altsteinzeit als homo faber zwischen Vision und Verwirklichung lebte — die Instinkte waren mythisch bildhaft — entstand nun der Gegensatz zwischen soziokultureller männlicher Überlieferung und instinkthafter weiblicher Rückverbundenheit mit dem homo sapiens, wobei erstere im letzten Jahrhundert so stark wurde, daß sie die Instinkte total verdrängte.

Gerade dieser Verlust läßt uns nun die Notwendigkeit einer erneuten Rückbindung erahnen, doch nicht als Rückfall in die Altsteinzeit, sondern als höhere Stufe der Bewußtwerdung im homo divinans. Sie erfordert eine kritische Bestimmung des Wissens des Baumes des Lebens, das tatsächlich nie verloren wurde, sondern in der Gnosis und der jüdischen Kabbala bis heute zumindest in Ansätzen noch immer besteht.

Dieses Wissen ist in vielen Traditionen verstreut, da es von den Ideologien und Bekenntnissen des homo sapiens dank deren Einseitigkeit als Gefahr bekämpft wurde. Heute ist über Psychologie und Bewußtseinsforschung das Fehlen des Instinktwissens allgemein spürbar geworden und viele bemühen sich, intuitiv eine Systematik der Esoterik zu begründen, fallen aber dabei oft in eine mythische Bewußtseinslage zurück. Sie gehen auch historisch fehl, wenn sie dieses Wissen aus ihrer Vision synthetisch begründen wollen: es ist in der orphischen Tradition zu Beginn der europäischen Geschichte als eigene Sprache formuliert worden, und gerade die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft haben den Wert dieser Entdeckung bestätigt.

Manche Esoteriker wie René Guénon betrachten die Entwicklung seit der neolithischen Revolution als Irrweg im Sinne des biblischen Mythos vom Sündenfall. Doch positiv kann man die letzten elftausend Jahre als Schule der Menschwerdung betrachten. Erst heute mit der technologischen Zivilisation hat das Menschentier seine biologische Reifeprüfung bestanden, die jeden zum Meister machen sollte. Diese Meisterschaft verlangt die Bestimmung der Sprache als biologische Charakteristik des Menschen in neuer Form: in Christus ist das Wort Fleisch geworden; daher muß das Fleisch, die Materie Wort werden und die Sprache nicht nur als Mittel der Kommunikation dienen, sondern als Weg zur Befreiung, zum Mehrwerden erkennbar sein.

Sprachen bestehen aus Lauten und Zeichen, Wortschatz, Etymologien und syntaktischen Regeln, zu denen auch Mathematik und Logik zu rechnen sind. Aber darüber hinaus ist Sprache die Grundlage einer eigenen Bewußtseinsebene, eine Klaviatur des Denkens, die ohne Rücksicht auf Traditionen und Dialekte in sich systemisch als die orphische Sprache des Rades bestimmt werden kann.

Das Rad als Ursymbol des Verstehens findet sich in vielen Traditionen; doch nur die orphische hat es denkerisch artikuliert. Die freien Künste des Frühmittelalters schlossen sich mit Ramon Lull im 13. Jahrhundert zu einer einzigen großen Kunst zusammen, der Ars Magna, die wir nun in ihren fünf Aspekten bestimmen wollen.

Sprachliches Denken verlangt die Auseinanderlegung der Erfahrung nach Ruhe und Bewegung, miteinander und nacheinander, Raum und Zeit, Subjekt und Prädikat. Raum und Zeit als Wortarten werden logisch und grammatikalisch als Kategorien erfaßt; doch sind sie qualitative Parameter der Erfahrung: beide entstehen durch die Drehung der Erde und Himmelskörper im Verhältnis zum Makrokosmos. Somit müssen wir die sieben Künste in ihrer Wurzel als Komponenten des Gewahrseins bestimmen und damit den Bruch zwischen Vorstellung und Welt als kosmische Einstellung überwinden.

Arnold Keyserling
Weisheit des Rades · 1985
Orphische Gnosis
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD