Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Mensch zwischen Himmel und Erde

III. Die Göttin - meine Göttin

Schwelle des Unsagbaren

Liebe Freunde,

Ihr habt euch den göttlichen Yin-Aspekten verschiedener Kulturen und Traditionen gewidmet, versucht, ihre Wesenheit über heilige Texte und Gebete der Vergangenheit zu erfassen und das ewig Wirksame mit dem Auge der Gegenwart zu erkennen.

Ich habe diese Vorträge nicht gehört; aber auf jeden Fall will ich vom Nichts ausgehen, vom eigenschaftslosen, absoluten und allgegenwärtigen Nichts, dem alles entspringt: der Urgöttin. Ich werde von ihr erzählen und versuchen, sie euch in einer Anrufung im Achterkreis, in einem gemeinsamen Ritus erfahrbar zu machen, auf den wir uns mit einfachen Körpergewahrseinsübungen, Atmung und meditativer Leere vorbereiten werden.

Bevor ich davon erzähle, möchte ich bitten euch zu erinnern, wie ihr das Transzendente, dies Jenseitige, Andere erlebt; zu wem ihr betet, wen ihr anruft und spürt Antwort zu erhalten; denn wir sind hier wohl alle Suchende — in jedem Zeitalter hat das Göttliche einen anderen Namen, wie ein weiser Moslem mir einmal sagte.
Gewiß, Es ist jenseits von Name und Form; und trotzdem müssen wir diesem in unserem Vorstellungsrahmen — der den Menschen, seine Welt und das All umfaßt — einen Ort finden, einen Platz anweisen, um Ihr-Ihm zu begegnen. Vielleicht ist es ein Leerplatz. Aber da der größte Schatz, den wir besitzen, das Wort ist — das uns mit dem Anfang verbindet — wollen wir auch das Wort gebrauchen, um an die Schwelle des Unsagbaren heranzukommen.

Nun — du erzählst, wie du als Kind ein bestimmtes Segelschiff wünschtest, das dein Vater nicht schenken wollte, weil er es für unsinnig und unnötig hielt — und wie du es durch inbrünstiges Gebet erreichtest in der Gewißheit, daß dieser Gott Wünsche erfüllen kann, das Unerreichbare möglich macht. Es ist eine schöne Geschichte und ich wünsche dir, bis ans Lebensende mit der Kraft des Windes die Gewässer zu befahren.
Und du hast es in der Natur erlebt, als Augenblick des Soseins in wunschloser Harmonie.
Und dir wird es als Licht bewußt, das alles in Freude auflöst.
Und du erlebst Augenblicke einer Qualität der Liebe, allumfassend, die keinen Gegensatz enthält.
Und du erfährst das Wunderbare als Weite und Geborgenheit.

Das ist schön; was soll ich euch von Göttern und Göttinnen berichten, wenn die Ahnung und der Ansatz der Erfahrung nicht schon längst in eurem Herzen bestehen.

Mein Ansatz ist das Wort verstehen. Es ist ein Verstehen des Wunderbaren jenseits der Worte, ein Erleben des Zusammenhangs jenseits von All und Allem. Ich war dreizehn Jahre alt, als ich bei Nacht aus dem Fenster schaute und mich die Seligkeit des Wunderbaren ergriff, die eine ungeheure Sehnsucht in dankbarer Erfüllung einte. Verstehen war das Wort, was in mir aufstieg und zum Gefährt werden sollte, um in meinem Leben das Unfaßliche im Greifbaren einzubinden.

Mit fünfundzwanzig Jahren lernte ich Arnold Keyserling kennen; ich wußte, daß uns eine gemeinsame Aufgabe verband, die sich im Lauf der Zeit herausstellte. Es ist die Ordnung der faßbaren, unterscheidbaren Ur-Sachen, also der Elemente der Natur vom menschlichen Bewußtsein bis zur Materie und ihre Rückbindung auf die heilige Null: eine systemische Ordnung der denkbaren Urgründe, auf deren Basis sich das Denken erst frei und kreativ bewegen kann. Pythagoras war unser Lehrer, Gesar Ling, Begründer der ersten Rad-Religion (Tibet) unser Vorfahre. Und die Erkenntnis der Ordnung der manifesten Welt muß auf den Zusammenhang der Welt der geistigen Wesenheiten hinweisen.

Das zwölffältige Zeitrad, das auch den Tierkreis einschließt, veranschaulicht die Prinzipien in ihrer möglichen Auswirkung, und dem Beschauer ist in der Betrachtung die Frage Wie kann ich mein Leben sinnvoll verwirklichen, wie verwirklicht sich die Menschheit auf der Erde die vordringlichste. Es ist eine Yang-Frage — letztlich an den Vatergott, Ursprung des Geschehens, Urlicht des Bewußtseins, Parama purusha, Urschwingung gerichtet. Jahrelang konnte ich das Göttliche am ehesten als Urschwingung vergegenwärtigen.

Wilhelmine Keyserling
Mensch zwischen Himmel und Erde · 1985
III. Die Göttin - meine Göttin
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD