Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Mensch zwischen Himmel und Erde

III. Die Göttin - meine Göttin

Das Einende Eine

1962 war die Wassermannzeit, das Zeitalter des Körper-denkens angebrochen. In der wissenschaftlichen Erforschung der Materie sind Riesenschritte gemacht worden; das Umdenken im religiösen Bereich entfaltet sich nur allmählich. Die Wassermannzeit, deren Geist die Menschheit der ganzen Erde betrifft, bringt eine neue Einstellung zu Körper, Materie und Erde, welch letztere bereits zur dringenden Notwendigkeit geworden ist. Sie ist auch das Zeitalter des Menschen, worin er sich auf neue Weise als Teil des Ganzen versteht. Das bedingt, daß weibliche und männliche Wesensart auf allen Ebenen im Ausgleich gesehen werden. Frauenbewegungen und neue Gesetze schaffen ihn im Alltäglichen; die Rolle der Göttinnen wird wieder entdeckt. Aber nur im Ursprung des Denkbaren geht die Gleichung auf, kann sich die neue Einstellung verankern. Diese Epoche, die 2.160 Jahre währen wird und ein Zeitalter des Friedens werden soll, wird nicht bloß Patriarchat mit Matriarchat tauschen, sondern auf die Zweiung des Einenden: Urmutter — Urvater zurückgehen.

In meiner Jugend konnte ich mich im Weltbild und den Riten meiner religiösen katholischen Umgebung nicht zutiefst verankern. Ich begann selbst nach dieser ungreifbaren Wirklichkeit Ausschau zu halten. Oft schienen mir Aussagen von Heiligen und Weisen anderer geistiger Richtungen aufschlußreicher. Alle Religionen sind für mich ein besonderer jeweils zeitgemäßer Ausdruck der Beziehung des Endlichen zum Ewigen, des Menschen zum Heiligen Ganzen.
Wie wir am Markt heute die Früchte verschiedener Kontinente einkaufen, so mag das Vorstellungsvermögen unserer Zeit die geistigen Früchte der ganzen Erde verwerten.

Die Begegnung mit einem Erkenntnisaspekt der Indianer, nämlich ihrem Sacred Count, der Heiligen Zählweise, erweckte die pythagoräische Zahlenordnung zum Leben. Die zehn Ziffern des Lambdoma sind nicht bloß Schöpfungsprinzipien der Phänomene, sondern deren Geist inhärent. Es scheint ein Entschluß im Rat der indianischen Häuptlinge gewesen zu sein, diesen Zahlenschlüssel, der nur im eigenen Volk gelehrt wurde, freizugeben. Die indianische Schöpfungsordnung umfaßt den lebendigen Geist aller Wesenheiten. Sie entspringt der Vereinigung von Yin und Yang, und dies bedeutet tatsächlich die Rückkehr der Göttin jenseits der Schöpfung.

Im Anfang ist das Yin, die Urmutter jenseits von Name und Form. Der Name Wakhan bedeutet Heilig und ist nur das Gefährt, um unser Bewußtsein in der Anrufung in das Nichts, die unendliche Weite, die alles umgibt — in allem west — in das Überall als bergende Gottheit einströmen zu lassen. Ich erlebe Wakhan als unendlichen Raum, der allen Räumen zugrunde liegt: Urgrund. Diese bergende Leere ist erfüllt — in Liebe geeint — mit dem Urlicht. Nichts als Urlicht überall, Urvater heißt es in einer indischen Meditation. Es ist der ewige und ewig zukünftige Ursprung; Urschwingung, Urlicht — Heilige Schöpfung — Urvater Skwan.

Auch die Indianer kennen den Begriff des Einenden Einen jenseits der Gegensätze als Großer Geist, Wakhantanka. Das Heilige Einende Eine entzieht sich der menschlichen Vorstellung und so hat es in der Geschichte wiederholt mütterlichen oder väterlichen Charakter angenommen. Es ist eine Art, der lebendigen Erfahrung näher zu kommen, wenn wir

das Einende Eine
als Götterpaar verstehen,

Die Gottheit
unendlicher Urgrund
Wakhan
der Schöpfergott
ewiger Ursprung
Skwan

Wakhan! Dieser Anruf hat mich zutiefst ergriffen. Es schien mir, die Göttin gefunden zu haben, mit ihr in Kommunion treten zu können. Wakhan — Skwan, untrennbar. Jetzt konnte ich auch den Schöpfer, der mir in der sixtinischen Kapelle mit seinem weißen Bart vereinsamt nie eingeleuchtet hat, vollständig integrieren. Die Indianer, denen wir begegneten, haben mir ein Bewußtseinsfeld eröffnet, worin sich meine Erkenntnis und Erfahrung weiter entfalten und vertiefen kann. Alle Aspekte der kosmischen Wirklichkeit betreffen den Menschen, gleichgültig ob indisch, indianisch oder europäisch. Ich möchte hier die Ganzheit dieser Weltsicht aufzeichnen, um den Ort der Gottheit als Urgrund-Ursprung einzusehen.

Große Urmutter Wakhan

W a k h a n
und
Großer Urvater Skwan

S k w a n

in Liebe geeint zeugen:

C o u n t1Großvater Sonnealle Sonnen
C o u n tC o u n t2Großmutter Erdealle Erden
C o u n tC o u n tC o u n t3die PflanzenGeist aller Pflanzen
C o u n tC o u n tC o u n tC o u n t4die TiereGeist aller Tiere
C o u n t5die MenschenGeist aller Menschen

Für den Menschen ist Mensch, C o u n t, Vollendung der Schöpfung, wie im ausströmenden Atem Gottes gezeugt. 6, 7, 8, 9, 10 zeigen seine Rückbindung zum Ganzen, über:

C o u n tC o u n t6den Geist der AhnenKraft der Liebe und Erfahrung (morpho­genetisches Feld)

C o u n tC o u n tC o u n t7die Lebensgeister (wie sie als Feen, Zwerge, Trolle… benannt wurden)

C o u n tC o u n tC o u n tC o u n t8Kreis des Gesetzes: das Bestehende im WandelMächte des kosmischen Zusammenhalts

C o u n tC o u n tC o u n tC o u n tC o u n t9die Wirkkräfte der VerwandlungErzwesen der Verwirklichung

C o u n tC o u n t10der auf das Ganze bezogene Mensch

Dieser Zusammenhang aller Wesenheiten als irdisch-kosmische Familie bedarf freilich eingehender Betrachtungen und Gespräche, konkreter Erfahrungen, auf daß sich sein Sinn enthüllt.
Ich habe ihn aber aufgezeichnet, weil er die Grundlage zum Verständnis des achtfältigen Raumkreises bildet. Diese Beziehung zum Raum über Oben, Unten und die acht Himmelsrichtungen als kosmischer Empfangsraster, wovon noch die Steinkreise und Heiligtümer archaischer Kulturen künden, ist in den patriarchalischen Epochen verloren gegangen. Nur der Osten als Erneuerung der Yangkraft hat noch eine geistige Bedeutung bewahrt.

Den Heiligen Raum als Urgrund zu erfahren, ist Rückkehr der Göttin im Bewußtsein. Es ist aber gemäßer, sie als unendlicher Urgrund zu bezeichnen, in dem wir unsere Mitte finden und uns über die acht Kraftlinien empfangend im Ganzen zentrieren. Wir wollen es nun gemeinsam tun. Wir setzen uns in die Runde, finden unseren Platz im Kreis. Dann verbinden wir unsere Achse mit Himmel und Erde.
Auch die Erde wird als Wesenheit erfahren. Wir kennen ihre Körperlichkeit, die gemeinsam mit der Sonne Leben hervorbringt: Mutter Erde — Scholle der Verwirklichung.
Aber wir wollen sie auch von Wesen zu Wesen spüren, wie wir einen Abwesenden als bestimmtes Kraftfeld anpeilen, mit ihm-ihr in Beziehung sind. Das Ungreifbare der Erde wollen wir als die Weise Liebende erkennen, mit ihr in Kommunion treten. Jede Zelle lächelt der Erde zu und die Erde lächelt jeder Zelle zu. (Ein chinesischer früher Text, den manche Tai Chi Lehrer in liegender Meditation verwenden).
Wenn wir uns der Erde als weiser liebender Großmutter zuwenden (in indianischer Ausdrucksweise), dann ist es nicht nur ein Hinunterdenken; wir spüren die Zuwendung im ganzen Körper! Es ist ein Eintauchen in ihr Wesen, das falsche Sorgen auflöst und unsere Einstellung zum Endlichen, zu Leben — Tod, in Vertrauen berichtigt.

Wilhelmine Keyserling
Mensch zwischen Himmel und Erde · 1985
III. Die Göttin - meine Göttin
© 1998- Schule des Rades
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