Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Mensch zwischen Himmel und Erde

IV. Über die Chakren - Betrachtung und Erfahrung

III. Im Wachsen zu sein

Der einzige Leitsatz, der keine Weisung zum Tun, sondern zum Sein enthält. Im dritten Chakra begegnen sich Seele und fühlen. Es geht um das Wohl-Sein, das aber nicht statisch erfahrbar ist, sondern über das Vertrauen, im Wachsen und Werden zu sein. Blumen, Speis und Trank gehören zur Pflege dieses Chakras, Heiterkeit, absichtslose Freundlichkeit sich selbst und anderen gegenüber.
Die irdische Mutter, wie die Muttergöttin sind dem Nabelchakra verbunden. Das Wachstum im Mutterleib geht von selbst vor sich; von der irdischen Mutter abgenabelt, sind wir im Bauch der Großen Mutter geborgen — des unendlichen Raumes, der uns umfängt — und die weiblichen Wesenheiten, Gottesmutter, White Buffalo Woman, Isis, sind Formen der Yinkraft, die uns bestätigen, daß wir im Werden sind, uns Selbstvertrauen geben, während das väterliche Prinzip im vierten Chakra die Grundlage zum beherzten Tun vermittelt.

Auch die Erde ist große Mutter.
Während sie im Muladhara Kraftspenderin ist,
im Swaddhistana das Feld der Verwirklichung,
ist sie als lebendiges Wesen, ihr Geistleib, die Liebende,
die uns zurückführt in die richtige Einstellung zum Leben.

Eine schöne Art der Besinnung auf die Weisheit der Erde, ist, die Stirne auf den Boden zu legen — im Yoga machen wir es in der Hasenstellung oder Froschhaltung — und sich entspannend vollständig hinzugeben. Wenn die eigenen Gedanken und Wünsche gestillt sind, und wir durch das Stirnauge hinunterblicken in das Herz der Erde, hinunterspüren, was sie uns in diesem Augenblick (zu unserer ganzen Lage) ohne Worte zuflüstert, dann wird uns vielleicht ein Gefühl zuteil, das in Wort oder Bild übersetzt unsere Lage beantwortet. Es wird nicht sensationell sein; vielleicht nur Vertrauen — aber es genügt, wenn wir davon erfüllt werden. Neulich setzte sich die Schwingung, die ich fühlte, in Leben und Tod um. Dies deutete mir an, Leben und Tod im Gleichgewicht zu sehen. Ich hatte mich an diesem Tag vielleicht zu krampfhaft bemüht, jemanden vor dem Abgleiten zu bewahren und mit meiner Retterrolle identifiziert. Nun ließ ich mein Bemühen fallen, und das Seltsame war, daß sich am nächsten Tag eine Lösung anbot.

Kinder tun es wohl ganz natürlich, wenn sie sich mit dem Bauch auf die Wiese legen und hineinspüren. Sie schmiegen sich an Frau Holle, die Erdmutter.
Das Erdheiligtum, ein Ort wo uns das heilige weise Wesen der Erde bewußt wird, soll diese Beziehung wieder herstellen — im Zeitalter des Körper-denkens.

Im dritten Chakra, das die emotionelle Kraft der Seele birgt, müssen wir uns auch selbst Mutter sein: Mutter bin ich mir, Kind. Im Süden rufen wir die Kraft der Unschuld und des Vertrauens, die wir mit dem dritten Chakra empfangen. Die Unschuld ist das Kind in uns, das wir zeitlebens bewahren. Die Mutter ist jenes (in uns), das uns Vertrauen, Beachtung, Pflege schenkt, unser Wachstum fördert. Sind wir uns eine vernachlässigende, verwöhnende oder gute Mutter?

Suche deine Göttin, sagte unser Freund Hyemeyohsts Storm eines Tages zu mir, nachdem er das Zimmer mit forschender Miene umschritten hatte, als ob er die Schwingungen in den verschiedenen Ecken messen würde. Da ist nichts! Da vielleicht ein wenig; er deutete auf meinen Schreibplatz mit der Maschine. Die kleine Buddha-Statue, die ich gerne sehe, ließ er unbeachtet. Ein schöner Kunstgegenstand, Andenken, ein Bildnis, das zur Besinnung anregt, aber kein Schrein, kein Umschaltplatz der kosmischen Kraft! Da tut sich nichts — kein Schwingungsfeld.

Göttin suchen — ich war fast peinlich berührt — ist das die Rückkehr zum Götzenglauben? Gottsuche leuchtet jedem ein, aber suche deine Göttin? Und noch dazu soll sie in einem Objekt verkörpert sein? Die peinliche Unsicherheit dauerte nicht lange.

Ich ging in die Stadt, um meine Göttin zu suchen. In den Schaufenstern weibliche Engelgestalten, geschmacklose Madonnen, chinesische überladene Göttinnen, deren Symbolik ich nicht verstehe, indische Göttinnen. Unverrichteter Dinge kehrte ich nach Hause. Aber die Suche war in meinem Herzen. Als ich nach drei Wochen bei Freunden zum Abendessen eingeladen war, kam ich an einer Antiquitätenbude vorbei, die nicht viel größer ist als ein Würstelstand, und da sah ich sie durch das Fensterglas. Der Eigentümer war noch verreist, stand an die Tür geschrieben. Ich hatte sie erkannt, und im Geist war sie schon bei mir eingezogen. Als ich sie dann käuflich erwarb, setzte ich sie zuerst in den rot bezogenen Schrein, den ich vorbereitet hatte. Es gefiel uns nicht, und jetzt sitzt sie in einem Blumentopf auf dem Schrein. Niemand bemerkt sie, wenn es ihm nicht zukommt. Wenn ich mich ihr gegenübersetze, in den Süden, und mit ihr Beziehung aufnehme, bin ich in der Leere. Manchmal stelle ich ihr auch bestimmte Fragen: Was ist die Göttin, die durch Saturn wirkt? Diese Frage kommt Ihnen vielleicht sehr blöd vor. Aber jeder Planet ist eine Kraft der Verwirklichung, Yang, und ein Geschenk der Göttin, Yin — oder der Fee das uns in die Wiege gelegt wird, wie es in unseren Märchen steht. Meistens bemerken wir nur die Schwierigkeit der Verwirklichung, besonders bei diesem Herrn Saturn, wenn irgendwas nicht klappt. Das alle Lebensumstände als Geschenk der Göttin erfahren werden können, ist eine neue Einstellung.

Die Göttin, die uns lehrt, empfangend zu sein, bringt das Gleichgewicht von Lassen und Tun wieder. Jeder möchte schöpferisch sein, aber beim Wachsenlassen mangelt uns oft die Geduld und das Vertrauen. — Oft stagnieren wir, und spüren nicht, daß sich doch etwas tut, auch wenn wir nicht tun können.

Im Wachsen zu sein — das ist die Besinnung des dritten Chakra, und auch den Mitmenschen nicht nur in seinem Zustand zu erleben, sondern das Gegenwärtige als Ausschnitt eines Stromes, der sich von der Quelle durchschlängelt, bis er ins Meer mündet — oder als Pflanze, deren Wachstum über Wurzel und Same weitergeht, auch wenn die Blätter welken.

Wilhelmine Keyserling
Mensch zwischen Himmel und Erde · 1985
IV. Über die Chakren - Betrachtung und Erfahrung
© 1998- Schule des Rades
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