Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Mensch zwischen Himmel und Erde

IV. Über die Chakren - Betrachtung und Erfahrung

VII. Der Seligkeit der körperlichen Ganzheit innewerden

Der Geist ist immer auf Zusammenhang gerichtet — geht von der Ganzheit aus. Den Körper vergeistigen, den Geist verkörpern, bedeutet, im Körper Ganzheit zu erleben, nicht abgekapselte Monade, sondern Ganzheit, die gerade in dieser Eigenschaft mit dem Ganzen in Beziehung steht,

Durch das Licht des Bewußtseins können wir der körperlichen Ganzheit innewerden. In unserer Verkörperung sind wir ein Universum. In dieser Körperform aus Knochen, Blut, Fleisch, Haaren, den Organen und tausend Geheimnissen des Lebens, derer wir nicht gewahr sind, ist die Beziehung zum ganzen Kosmos gegeben. Das Licht selbst ist weder dunkel noch hell; Es ist; ist eigenschaftslos. Nur wo es Körperlichem begegnet, kann es sichtbar machen; es kann dies aber gleichzeitig-allseitig, von innen und außen von überall erfahrbar machen. Innewerden ist mehr als sehen. Es geschieht über sehen, riechen, Raum-spüren, Bewegung-erfahren — ohne Gedanken zu wissen, zu verstehen — innewerden, eins-werden, innen und außen gleichzeitig. Diese innere Schau ist nicht bildhaft im üblichen Sinn. Sie ist kein Heimkino. Es gibt Vision ohne Bild und Wort, das Bewußtsein west dann jenseits dieser beiden; sie ist ein Zustand unmittelbaren Wissens, der sich direkt im Tun umsetzt. Vorstellung und Bildkraft zu wecken ist sehr wichtig für die Dynamik der Seele, hat aber nicht notwendig mit der Bewußtseinsebene, der das Licht entspringt, zu tun.

Wie Eins und Zwei sind auch Sieben und Sechs eng miteinander verbunden. Während wir in Sechs als Wesenheit und Person in der Intention der Verwirklichung unserer Anlage mit anderen Wesen im Dialog stehen, ist es in Sieben das Namenlose in uns, oder mit dem heiligen Namen bezeichnete Sein, das sich absichtslos und inbrünstig dem Ewigen, dem Urgrund-Ursprung zuwendet, und es als Licht des Bewußtseins empfängt.

Ich glaube, daß wir im Leben nicht berufen sind, das Göttliche unmittelbar zu schauen, und daß die Sehnsucht danach eine Flucht vor unserer eigenen Bestimmung wäre. Aber wir können unsere Seinsbeziehung zutiefst wissen, unsere Vermählung mit dem Unbekannten, Niegenannten stündlich feiern. Wir müssen Es sogar benennen, denn sein Name ist heilig heilend,

Gott · Allah · Großer Geist · Paramahamsa · Es

Urgrund
Nichts
Urmutter
Urkraft
Ursprung
Das Ganze
Heilige Schöpfung
Urlicht

obwohl der Name, den man nennen kann, niemals alle Aspekte einschließt. Jeder hat sein besonderes Zauberwort, mit dem er sich auf das Allgegenwärtige Unbekannte einstimmt.

Das Licht erleuchtet nicht sich selbst, sondern zeigt uns die körperliche Ganzheit in einer Rose, einer Landschaft, einem Menschen oder vielleicht einem Stein — denn im Kleinsten ist das Ganze enthalten. Gott, Allah, sind Urbegriffe des Ganzen. Aber das Geheimnis ist, nachdem wir im Bild des Ganzen geschaffen sind, daß wir im Augenblick, da wir uns ganz einsetzen, ganz leer und offen sind — im Kaffee-kochen oder Betrachten eines Grashalms, in diesem Teil der Schöpfung des Ganzen innewerden:

SechsSieben
Ich bin ein Teil des Ganzen
Du bist ein Teil des Ganzen

ist eine Meditation, die Sechs und Sieben verbindet. Sie ist ein schöner Abschluß, nachdem man die fünf Stufen erklommen hat, und ein guter Beginn der Niederkunft des Lichts durch den Menschen auf die Erde.

Ich habe nicht das Licht gesehen, aber mein Licht.
Ich saß im Kino und sah einen heiteren Film. Da lachte es hinter mir, ein Kind, mit einem so absoluten Gelächter, das alle Trauer der Welt zu durchdringen schien. Ich drehte mich um, und sah das Leuchten, das allseitig vom Gelächter des Knaben aussprühte.
Nach dem Film ging ich mit einem Freund in den anliegenden Burggarten. Als ich zu Boden blickte, erfaßte mich ein freudiges Erschrecken. Die Herbstblätter waren derart leuchtend und vieldimensional, so mächtig, daß es mir den Atem und die Rede verschlug. Mit Schaudern blickte ich zu den Bäumen empor, die sie abgeworfen hatten. Es begegnete mir die gleiche unsagbare Pracht. Ich selbst, mein Körper, schien ganz zart und unsubstantiell. Da sah ich eine Lichtwolke in einem entfernteren Baum. Dies war mein eigentliches Selbst. Ich empfand eine unsagbare Seligkeit. Dann hörte ich eine Stimme: Wie kann man danach noch weiterleben? Langsam schwand die Erfahrung — Sieben-Sechs — und wir beendeten den Abend mit einer Mahlzeit im Gasthaus, die ich mit gutem Appetit verzehrte.

Kann man nicht ähnliches mit Drogen erleben? Ja, aber wie Jacques Donnars letztlich beschrieb: man verwendet einen Aufzug, und immer wieder den Aufzug und läßt die enge Wendeltreppe der Ida und Pingala verfallen, die die Integration der Sechs, die Arbeit an den Sechs Chakren verlangt.

Die Erfahrung beschäftigte mich noch einige Zeit. Ich hatte das Gefühl, daß dieses Lichtwesen im Baum sich irrtümlich aufgemacht hatte, um sich mit dem Großen Licht zu einen. Es war mir klar, daß es eigentlich da oben im Baum nichts zu suchen hatte, daß ich es im Gegenteil, im Laufe meines Lebens, ganz in mich hereinholen muß — sein Dunkel erleuchten. Aber wenn es in mir ist, und es ist in mir, merke ich nichts davon; das ist das Peinliche am Menschsein! Wir müssen den Mut haben zu tun, auch wenn wir anscheinend im Dunkel tappen. Nun — wir werden ja sehen, wir alle, Ihr Lieben und ich, was wir mit unserem Licht anfangen können — oder vielleicht kann es mit uns etwas anfangen, wenn wir mehr und mehr Diener der Erde, in Heiterkeit, werden.

Wilhelmine Keyserling
Mensch zwischen Himmel und Erde · 1985
IV. Über die Chakren - Betrachtung und Erfahrung
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD