Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Mensch zwischen Himmel und Erde

I. Über den Körper in die Erfahrung der Ganzheit

Einstieg ins Gewahrwerden

Den Körper, in der Vielfalt seiner Äußerungen, zum geeignetsten Mittel der Rückverbindung zur Mitte einzusetzen, ist in unseren Breitengraden in den letzten viertausend Jahren vernachlässigt worden. So greifen wir auf andere Kulturen zurück, wo diese Einstellung weiter gepflegt wurde und zu einer Vielfalt von Methoden und Riten führte. Wir versuchen zuerst getreulich zu lernen, aber sehr bald geht es uns darum, diese Körpersprache zu verstehen, den Methoden auf unsere Weise auf den Grund zu kommen, um weitere Körpertechniken zu entdecken, zu entwickeln.

Daß körperliche Tätigkeit wie Wandern, Reiten, Schwimmen die seelische Verfassung verändert, ist jedem selbstverständlich. Den klassischen Körperdisziplinen wie Yoga, Tai Chi, den kriegerischen Künsten und gewiß auch den afrikanischen Praktiken des Tanzes ging es nicht nur um das persönliche Wohlbefinden. Sie zielten letztlich alle auf die Rückbindung zum Ganzen über die Mitte, auf das sich Umpolen, Zentrieren, sich Anschließen an die Kraft, das Licht.

Sicher hatten die Lehrer, Schamanen, Häuptlinge in dieser Rückbindung vom Körper zum Geist eine andere Rolle als sie in der Wassermannzeit besteht, wo der Meister zwar als Könner und Kenner eines bestimmten, auch geistigen Gebiets eintritt, aber nicht als absoluter Seelenführer. Denn der Einzelne ist heute auch im religiösen Bereich bestrebt, selbst zum Verständnis von Ursache und Wirkung vorzustoßen und allmählich, mit Hilfe verschiedener Lehrer als Freunde, seine Weltschau zu erarbeiten — geeicht auf das Urbild des Rades, das die Ordnung der Gegebenheiten aufzeigt, auf Grund derer jeder seine eigene Dichtung gestalten kann.
Das Weltbild entsteht wie ein Mosaik aus einzelnen ganz konkreten Erfahrungen, aus Worten der Vergangenheit, Entscheidungen zum Tun, Lichtblicken des Verstehens. Die verbindende Rolle des Wortes wird zum Träger des Gesamten; wobei man sich oft sagen muß: tue, was tunlich ist, der Zusammenhang fügt sich von selbst.
Auch Phänomene der Vision sind nicht vage, sondern nur anderer Natur; so bestimmbar und geheimnisvoll wie das Geschehen auf der Ebene des täglich Gewohnten.

Durch die Beobachtung der Erfahrung entschlüsseln wir die Vorgänge und können auf den Anstoß einer eingetretenen Wirkung in anderen Situationen zurückgreifen.
Als ich sechzehn Jahre alt war, wurde ich von Freunden auf eine Frühjahrstour mit Skiern und Seehundfellen mitgenommen. Die Schneedecke war verharscht und brüchig, und jedes Einbrechen und wieder Herausheben kostete viel Kraft. Ich war bald am Ende meiner Puste und am Rande der Erschöpfung. Erschöpfung kommt dem Tode nahe. Gewiß hätte mich jemand zur Hütte zurückbegleitet, aber daran dachte ich nicht. Ich war am Ende meiner Kräfte. Da sammelte ich mit letztem Einsatz alle Aufmerksamkeit — Aufmerksamkeit — Aufmerksamkeit, um so zart aufzutreten, den ganzen Körper so leicht und fließend zu bewegen, die Schneedecke so genau zu spüren, daß mir die Beschaffenheit jedes Schneekristalls lebendig begegnete. Die Schneedecke wurde zum Verbündeten und begann mich zu tragen. Ich wurde leicht, durchströmt von Atem und Freude über die Schönheit des Augenblicks.

Am-Ende-sein ist Lassen aller Ambition, eigenwilligen Bemühung, der Panik, aber nicht der Aufmerksamkeit, die den Einstieg in ein anderes Gewahrwerden, den Zugang zu einer anderen Kraftquelle erschließt. Gefahr zwingt zum Einsatz der intensivsten allseitigen und vierschichtigen Aufmerksamkeit; Überanstrengung, Erschöpfung zum Loslassen, und das Loslassen wiederum ermöglichen der Aufmerksamkeit, der Kraft des Wollens, aufzusteigen aus verborgener Tiefe.

Gefahr und Erschöpfung sind für den Erwachsenen die sichersten Mittel, das Umsteigen in einen ganzheitlichen Bewußtseinszustand hervorzurufen. Die außergewöhnliche Situation der Gefahr — angesichts des Todes — führt ebenso in Höhepunkte wie der Orgasmus, wenn er die dreifältige Wesenheit der sich Einenden erfaßt. Er führt in die Mitte, ins Nichts, in den Zugang zu der Kraft. Viele Praktiken und Riten stützen sich auf die wandelnde Eigenschaft des totalen Einsatzes und auf die funktionellen Abläufe des Menschentiers, die dahin führen.

Unsere Tierhaftigkeit ist es, die uns am nächsten steht, die uns befähigt zu lernen, Vorgänge wie Bewegung, Haltung, Ernährung, Schlaf mit dem Herzschlag und der Atmung so zu harmonisieren, daß sie ein Wohlsein und Überleben ermöglichen — oder mehr. Wir bedienen uns also in erster Linie der Weisheit der Tiere, wenn wir über Bewegungs- und Berührungstherapien das körper-seelische Gleichgewicht wiederherstellen.
Im Empfinden, Denken, Fühlen sind wir den Tieren ähnlich; auch im körper-seelischen Zusammenhang können wir uns über die Tierwelt erkennen. Nur in der Tierwelt können wir ein Tun beobachten. Drei Funktionen und drei Bereiche gehören zur Wirkwelt des Tieres. Die vierte Funktion des Wollens ist dem Tier nicht individuell eigen, sondern findet ihren Ausdruck im Geist der Gattung. Jedes Tier kennt seine Beziehung zum Ganzen, heißt es, nur der Mensch schließt sich ab. Jedes Tier weiß (über seine Gattung) um seinen Platz im Ganzen — Geist — aber nicht individuell und bewußt. Der Mensch kann ihn nur individuell und bewußt wiederfinden, diesen Zusammenhang mit All und Allem — und dann ist es ein Wiederschaffen. Aber er wird ihn nur wiederschaffen, wenn es seine Intention ist, wenn er sein Wollen, die Kraft der Aufmerksamkeit, der Zuwendung, immer wieder darauf richtet, sich über die eigene Mitte, die Leere, mit dem Einenden Einen zu einen.
Das Wollen ist die potentielle Kraft, sich auf etwas zu richten; und mit diesem Etwas meint es letztlich das im Etwas enthaltene Nichts. Es entspringt dem eigenen Nichts und richtet sich auf das ewig Ungeschaffene dahinter, auf das allem Inhärente und Zugrundeliegende.
Das Wollen ist das bestimmende Unbestimmbare, das den drei weiteren Funktionen, die eine ganz bestimmte Rolle haben, Richtung gibt im Ergreifen und Lassen.
Es ermöglicht dem Empfinden sich einer Sinneswahrnehmung zuzuwenden, sich abzuwenden; dem Denken, Frage und Antwort und Frage aufeinander folgen zu lassen, wo sie sinnvolle Beziehung ergeben mögen, und ein Stop, ein Halt zu gebieten, wo weiteres Assoziieren in die Irre führt. Es ermöglicht der Fühlkraft, sich umkehrend in die Tiefe ihrer Sehnsucht vorzustoßen, wo Wunsch und Erfüllung einander begegnen. Dies ist der Ort, wo die Zuneigung zu einem Menschen so tief wird, daß man ihn nicht mehr festhalten muß, oder die Sehnsucht nach der Natur und dem Sonnenschein, daß sie in jeder Zimmerpflanze ganz enthalten sind — keine Resignation, nein, sondern ein Wunsch, so klar und ursprünglich, daß ihm Erfüllung eignet, daß er in Erfüllung umschlägt: nichts als Erfüllung überall in jedem Augenblick.
Jede Funktion führt zum Ursprung zurück und vorwärts in die Gestaltung des Lebens. Das Wollen, aus dem Ursprung geboren, ist das Einstehen für Körper-Seele-Geist, das Ergreifen, Lassen und Richten der Vorgänge.

Die außergewöhnliche Situation, die höchste Intensität hervorruft, können wir aber auch schaffen. Der Ritus versucht an die Schwelle von Zeitlichem und Ewigem, von Leben und Tod heranzuführen, ohne Gefahr und Angst, sondern auf Grund der freiwilligen Zugewandtheit, der Intention des Geist-Wollens, die nach Einung der Gegensätze strebt.
Diese Intention liegt auch meiner Körperarbeit im Yoga zugrunde, die somit rituellen Charakter hat. Der Einsatz des Körpers im rituellen Geschehen tritt in unserer Zeit wieder in den Vordergrund. So sind viele, die sich in die Sufis vertieft haben, besonders vom Drehtanz angesprochen. Die geistige Einstimmung im Anpeilen des Alleinen über ein Lautbild, Dikr, das im Aus- und Einatmen gerufen wird, die seelische Bereitschaft, alle persönlichen Ichs in der Mitte aufzulösen und der körperliche Vorgang des Drehens, ermöglichen dem Tanzenden nach einiger Zeit, die Identifikation mit seiner Achse zwischen Himmel und Erde zu erreichen: Leere, Vision, Kraft, Licht.

Wilhelmine Keyserling
Mensch zwischen Himmel und Erde · 1985
I. Über den Körper in die Erfahrung der Ganzheit
© 1998- Schule des Rades
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