Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Mensch zwischen Himmel und Erde

I. Über den Körper in die Erfahrung der Ganzheit

Körpergewahrsein

Viele Begründer der modernen Körpertechniken wie Alexander, Feldenkrais und andere, die sich meist aus therapeutischer Erfahrung zu allgemeingültigen Methoden entwickelt haben, lehnen es ab, eine geistige Intention einzubringen. Sie wollen dem Menschen, der seine Wirbelsäule begradigen und seine Verspannungen lösen möchte, nicht schon wieder ein Weltbild aufdrängen. Dies sei völlig unnötig und unsinnig meinen sie. Ich gebe ihnen recht! Wenn sich jemand entschließt, körperlich etwas für sich zu tun, weil er Schmerzen hat, Ruhe, Dynamik oder Konzentrationsfähigkeit entbehrt, wird er schon merken, was ihm diese Körperarbeit seelisch und geistig bringt.

Ich besinne mich in einer Stunde des Körpergewahrseins ebenfalls ganz auf Haltung, Bewegung, Atmung — und die Anweisungen eines Meisters der japanischen Kunst des Bogenschießens werden nicht anders sein. Ich rede wenig; vielleicht ist es mir gerade deswegen wertvoll, Erfahrungen des Lebens, Erfahrungen über Bewegungsmethoden mit meinem derzeitigen theoretischen Verständnis in Beziehung zu setzen, auf dass Theorie und Erfahrung einander berichtigen und ergänzen. Ich versuche auch bei meinen Teilnehmern seit kurzem die genaue Beschreibung der Erfahrung anzuregen. Eine Übungsstunde ist eine Modellsituation, in der Vorgänge durchgespielt und bewusst gemacht werden können, die sowohl das lebendige Tun als auch das Verstehen der Zusammenhänge befruchtet, wenn das Wort zum Mittler wird — dies abgesehen vom harmonisierenden Effekt des Wohlseins und seiner unbewussten Auswirkungen.

Gewiss achte ich in der Gruppe darauf, dass der eine es vielleicht nötig hat, seine Rückenmuskulatur zu bewegen, der andere sein verletztes Knie zu integrieren. So muss ich mich oft auf einfache Bewegungsvorgänge begrenzen, die in sich nützlich sind, um mittels dieser gemeinsam eine Qualität der Aufmerksamkeit, der Zuwendung zu erarbeiten, die in die Leere führt — in die siebenfältige Leere, der unsere Teilnahme an der Fülle des Lebens entspringt.
Die Bemühung um jeden in der Gruppe hilft mir genauso wie ich den anderen hilfreich sein kann, die Kraft der Leere zu finden, sich zu zentrieren, um wieder allseitig offen zu sein, in Beziehung treten zu können. Ich leide selbst, wenn ich verwirrt und zerstreut mich in irgendwelchen Besorgnissen verfangen habe. So ist mein wesentliches Anliegen, von den Ichverhaftungen immer wieder herunter zu steigen, mich in der Selbstvergessenheit wiederzufinden; und das ist auch meiner Anlage gemäß, was ich am besten vermitteln kann.

Und es geht ganz einfach. Gemeinsam ist die Kraft der Intention leichter zu erreichen; der dünne Faden der Aufmerksamkeit wird dann zum Seil. Die Zuwendung der naheliegendsten Gegebenheit, der eigenen Zehe, Wade, dem Knie gegenüber, ist der erste Schritt zur Befreiung aus der Vorstellungsmühle, in die jeder manchmal gerät. Und wenn wir den ganzen Körper im Gewahrsein versammelt haben, mit Haut und Haaren und Knochen wie er ist, wird er zum Feld des Gewahrseins, dieser ungreifbaren Kraft des Ergreifens.
Wir beginnen mit dem Gewahrwerden des Körpers; wenn er ganz von diesem durchsetzt ist, schaltet das Bewusstsein auf Gewahrsein im Körperraum um, und ein anderes, das Ich der Mitte ersteht, um diese Leere zu erfahren.

Die Haut als Hülle
Leere umschließend
wer dessen innewird
west jenseits des Fassbaren

Die Slokas 19 bis 24 des Vijnana Bhairava Tantra, die wir in Das Nichts im Etwas veröffentlicht haben, führen besonders auf die Kraft der Leere zurück.

Aber wieso kommen wir, wenn wir vom Körper sprechen, auf: Notwendigkeit der Harmonisierung, Rückbindung zum Ganzen, auf Lösung, Überwindung, Therapie? Warum erzähle ich nicht von der natürlichen Bewegungs- und Entdeckungsfreude des Kindes, dem Wunsch, seine Fähigkeiten zu entfalten, von der Bewegung als Celebration, als Fest und Spiel?

Ich habe neulich mit Staunen beobachtet, wie der fünfjährige Enkel eines Tiroler Bauern sich stundenlang allein mit der Sense des verehrten Großvaters unterhielt. Er band sich den Kumpf um, hielt die Sense, wie er es gesehen hatte, den ganzen Körper von den Fußsohlen bis zum Haarschopf in Bereitschaft, und versuchte diese wunderbare fließende Bewegung des Mähens — einmal — dann stand er wieder da, in höchster Aufmerksamkeit vor sich hinmurmelnd. Sichtlich erlebte er den Vorgang bis zur Sensenschneide in Beziehung zur Wiese im Geist. Man sah es seinem Rücken an, der gespannt und gleichzeitig locker verharrte wie bei einem Geiger vor dem Konzert.

Dann setzte er an; ein zweiter und dritter Sensenstrich. Dann wieder ein mentales Erfahren. So ging es während vierzehn Tagen. Die Großmutter, die sonst recht ängstlich ist, erhob keinen Einspruch. Nach zwei Wochen legte er die Sense weg und sah sie den ganzen Sommer nicht mehr an.

Jeder verwendet diese Begabung, Körperliches im Geiste vor-zustellen oder nach-zuvollziehen in anderer Weise. Mancher geht in einem Stadtplan spazieren, nachdem er ihn einmal gelesen hat; ein anderer bewegt sich in einer Partitur vor und zurück, der Stationschef sieht die Züge, wie sie ein- und ausfahren; aber dies nicht in seinem Körper. Wer am Schreibtisch sitzt hat wenig Notwendigkeit, die Vielfalt seiner Bewegungsmöglichkeiten zu entfalten und beschränkt sich auf stereotype Bewegungen, die er zwischen Aufstehen, auf der Straße gehen, hinsetzen, Auto fahren etc. ausführt.

Wilhelmine Keyserling
Mensch zwischen Himmel und Erde · 1985
I. Über den Körper in die Erfahrung der Ganzheit
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD