Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Mensch zwischen Himmel und Erde

I. Über den Körper in die Erfahrung der Ganzheit

Im Ganzen geborgen

Nachdem jede Körperbewegung in der Gehirnrinde einem Denkvorgang entspricht, bedeutet dies auch eine Begrenzung der mentalen Beweglichkeit und in Verbindung damit aller Funktionen. Auch eine bestimmte Sportart mag keinen vollen Ausgleich bieten. Moshé Feldenkrais führt in seiner genialen Körperarbeit in diese kindliche Entdeckungs- und Entfaltungsfreude, die ohne jegliche Anstrengung über die klare Veranschaulichung neue Bewegungsvorgänge erschließt. Die Bewegungen sind natürlich und einfach, das heißt, der menschlichen Körperstruktur entsprungen. Immer wieder wird eine Bewegung im Körper ausprobiert, dann im Geiste, im Vorstellungskörper ausgeführt, dann wieder im leiblichen oder genauer gesagt mit beiden Körpern. Der Gewahrseinskörper ist in jeder bewußten Bewegung mit dem leiblichen eng verbunden. Ich erinnere mich, als mich mein Bergkamerad beim Überspringen eines Baches fragte geht das und ich ein Weilchen inne hielt, bis ich antwortete ja, es geht. Ich hatte den Sprung im kinästhetischen Körper genau ausgeführt; und ich weiß noch, wie verwirrt ich war, als er mich inmitten eines Gewitters bei Hagel und Blitzschlag beim Abseilen hetzte. Der kinästhetische Körper hatte die Seilgriffe, die letztlich etwas Angelerntes sind, im leiblichen nicht integriert.

Der kinästhetische Körper ist keine Phantasievorstellung. Er ist wiedergeschaffen im Sinne des fleischlichen, dessen Reichtum an Bewegungsmöglichkeiten, dessen strukturelle Komplexität wir niemals erfinden können. Je genauer wir die im leiblichen geborgene Weisheit entdecken, desto brauchbarer wird der Gewahrseinskörper. Die beiden sind Freunde, die voneinander lernen, sich gegenseitig korrigieren und bereichern. Er ist auch der Denkkörper; beim Menschen der Wortleib — wobei wir nicht vergessen dürfen, daß Worte auch in Gesten ausgedrückt werden können; daß wir einen Bewegungsablauf lesen, wenn wir die Elemente in ihrem Zusammenhang unterscheiden, daß wir die Körpersprache einer Zeichnung, einer Struktur, eines Bauwerks unmittelbar erfassen. Der mentale Körper ist Mittler zwischen dem veranschaulichenden Geist und dem verwirklichenden Leib. Allen klassischen Bewegungskünsten liegt an der Entfaltung des Gewahrseinskörpers. Ohne sein Beisein wird ein Vorgang mechanisch; durch ihn wird er zur Kunst, wenn er mit der Spontaneität des leiblichen verbunden bleibt.

Ich war sehr beeindruckt, als mir vor Jahren ein befreundeter Pianist von einem javanischen Tanzlehrer erzählte, der in Südfrankreich eine Schule unterhielt. Die Übungen nach der Tanzstunde waren hauptsächlich mental durchzuführen. Der Meister selbst arbeitete nur mental. Es wurde gekocht, gegärtnert, musiziert, meditiert; er unterhielt sich mit seinen Schülern. Einmal im Jahr beim Tanzfest verkörperte er seine Tanzmeditation; jeder Finger war bis ins Letzte durchgearbeitet.
Später geriet dieser halbjüdische Freund in ein Konzentrationslager, wo er zusammengepfercht mit unzähligen Häftlingen wochenlang am Strand kampierte. Er nahm sich eines begabten Knaben an und erteilte ihm täglich Klavierunterricht. Der Knabe wurde früher entlassen und besuchte ihn regelmäßig im Lager, um über seine Fortschritte am realen Klavier zu berichten und weiter mental zu lernen.
Die klassischen Bewegungskünste wissen um die Beziehung der beiden Körper, aber keiner hat sie so klar, dem Stand der heutigen Gehirnforschung entsprechend dargestellt wie eben Feldenkrais, der damit, im Zeitalter des Körper-denkens, einen aktuellen Beitrag geleistet hat.

Das Kind ist unbewußt im Ganzen geborgen; und die Weisheit aller Lehren deutet unter anderem darauf hin, daß wir das Kind in uns beachten, daß wir werden sollen wie Kinder.
Aber keinem bleibt die Vertreibung aus dem Paradies erspart. Zwiespalt, Irrtum, Zerstörung sind in den neun Wirkkräften der Natur genauso enthalten wie im zeitlichen Wirken des Menschen. Es ist notwendig einseitig im Tageslauf, Jahres- und Lebenskreis. Dies ist die Kondition der Zeit: Fortschritt von Unvollständigem zu Unvollständigem.

Vollendung begegnen wir manchmal in einem Blatt, einem Baum, einem Tier, einer Landschaft. Wir sind es, die die Vollendung des Entwurfs, den Schöpfer im Geschaffenen erblicken — Ausgewogenheit im einzigartigen Beispiel und im Ganzen. Im Zwischenreich der Zeit entbehren wir sie; wie könnten wir sonst danach streben?
Mißgeburt und Fehlentwicklung gibt es auch im Tier- und Pflanzenreich. Ist es vielleicht ein harmonischer Ausgleich, wenn nach Wochen der Dürre ein Gewitter die letzten überlebende Gewächse zerstört, die verhungernden Tiere verenden? Im Großen Ganzen scheint Ausgleich wieder sichtbar zu werden. Wenn eine Tierart ausstirbt, soll eine andere sich entsprechend vermehren, um ein Gleichgewicht herzustellen. Wenn unser Planet zugrunde ginge, mag ein anderer zum Brachland der Verwirklichung menschlicher Wesen werden.

Wir Menschen müssen immer den Ausgleich suchen und können uns darin gegenseitig unterstützen. Wenn wir uns allein besonnen haben und den eigenen Interessen nachgegangen sind, werden wir uns gemeinsam erheitern; wenn die Arbeit beendet ist, zur Ruhe einkehren. Dies ist auch der eigentliche Sinn der Betrachtung eines Horoskops, daß wir das zeitliche Geschehen im Rahmen des ganzen Kreises verstehen. Und das Buch der Wandlungen, der I Ging zeigt, wie wir uns im Strom der Zeit tragen lassen können, Verwandlung finden, statt ihm zu widerstehen.

Trotzdem ist es unvermeidlich, in der Menschenwelt, umgeben von einseitigen Ideen und Bestrebungen, die in geschlossenen Systemen ihre Verwirklichung finden — und es ist unvermeidlich, dem eigenen Unwissen zufolge Zusammenhänge zu setzen, die Leiden, Verhärtung, Verstimmung bringen und wieder gelöst werden müssen.
Alle Entdeckungen und einseitigen Bestrebungen finden heute im öffentlichen Leben erschreckend schnell ihre Verkörperung; hoffentlich auch ihre Überwindung.
Alle persönlichen Verhärtungen und Verstimmungen finden ihren Niederschlag im Körper. Bewährte Körpertherapien aus verschiedenen Kontinenten und Kulturen halten ihren Einzug in Workshops und Einzelbehandlungen; neue werden entwickelt. Hier wird tatsächlich be-handelt. Das Auflösen ist oft schwierig und tut weh wie in der Methode von Ida Rolf, wo die blockierte Muskulatur vom anhaftenden Gewebe gelöst wird. Auch Therapien wie Akupressur, Polarity, Shiatsu etc., die die Yin- und Yang-Energieströme im Körper in Ausgleich bringen und wiederbeleben, sind oft schmerzhaft. Der Schmerz bringt häufig eine ungelöste seelische Situation in Erinnerung, die sich durch ihr Bewußtwerden integriert. Der Therapeut ist ein Handwerker, der die Körperschäden durch Ziehen, Vibrieren, Kneten, Stützen, Drücken, Handauflegen lindert; oft ist er auch ein Heiler. Diese Kunst der Berührung erfordert eine genaue Kenntnis auf vielen Gebieten der Körperfunktion, eine Sensibilität um die Energieströme zu spüren und den unterbrochenen Energiefluß wieder herzustellen.

Wilhelmine Keyserling
Mensch zwischen Himmel und Erde · 1985
I. Über den Körper in die Erfahrung der Ganzheit
© 1998- Schule des Rades
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