Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Mensch zwischen Himmel und Erde

I. Über den Körper in die Erfahrung der Ganzheit

Bewegungsgebet

Um eine Angst, eine Unfähigkeit abzugeben, muß man sie wohl ganz spezifisch definieren. Man hört sich selbst im langsamen Sprechen und kommt so auf den Grund des Kummers oder Mangels. Noch wirksamer ist das Lauschen, das Hineinspüren in das Wesen der Pflanze und das Hineinhorchen in sich, um den Ort und die Art zu finden, ihre Botschaft zu vernehmen. Das Ableiten der Besorgnis ist freilich nur die psychische Voraussetzung, um über die pflanzliche Wesenheit Einstimmung in Oben und Unten zu empfangen.

Ich habe einmal ganz genau die Öffnung zur Weite des Himmels durch sie gespürt. Ein andermal wollte ich wieder durch sie hinaufreichen und erfuhr, wie sie mich strengstens in die Wurzeln verwies, als ob sie sagte, es genüge derzeit in allem Geschehen an der Wurzel anzusetzen, der Himmel sei mir sowieso offen. Ich habe mich an ihre Weisung gehalten.
Eine Teilnehmerin unserer Gruppe fand Lösung ihrer Probleme mit dem Partner. Ihre Hände wurden warm von der Berührung; sie fühlte sich durchströmt und geerdet und wußte auch, was sie zu tun, zu beachten, zu unterlassen hatte. Als sie dann fürbittend die Schwierigkeiten des Partners gelöst haben wollte, erfuhr sie die Abweisung der Baumschwester.
Uralt und vielfältig ist auch in unseren Breiten die Beziehung zu den Pflanzen. In den letzten Jahren, die eine Bedrohung der Wälder durch menschliches Verschulden brachten, wurden auch Wesen und Heilkraft der Pflanzen bewußter. Zahllose Kräuterbücher überschwemmen den Markt. Die Chemie der Pflanzenwelt wird vielen zum Forschungsgebiet.

Und wir haben auch Anteil an der Wesensart des Gesteins. Schon das Kind hebt Steinchen auf, trägt sie zusammen, hat Freude an den Formen dieser Wesen, die nicht davonlaufen und nicht verwelken, die anscheinend unzerstörbar verharren; und unsere Vorfahren ältester Zeiten haben den Geist der Unvergänglichen im Fels erkannt, in Stein gehauen.

Stadt der Kristalle
wir sind auch aus Licht gebaut

Der Edelstein, bei dem ein Formprinzip erkennbar ist, der Bergkristall, der sich in tausenden von Jahren aufgebaut, trägt die Kraftlinien seiner Struktur zur Schau, ist selbst in seiner Reinheit Sender und Empfänger der unsichtbaren Kraft — ein heilender Stein.
Auf welcher Ebene des Bewußtseins erreicht der Mensch die Reinheit des Kristalls?
Mancher meint, er werde rein, wenn er kein Fleisch ißt oder der geschlechtlichen Liebe entsagt.
Was darf in unserem Geist kristallisieren, das nicht das Herz mit Versteinerung bedroht?
Wo wird der Fels, der die Gewalt des Elefanten in den Schatten stellt zur sanften Macht?
Wie können wir aus Stein und Mineral uns Stätten bauen, deren Kraftlinien dem Gemüt Ausrichtung und Sammlung, Dichte und Schwerpunkt bieten?
Was uns die Erde vor allem gibt, dies große Mineral mit dem feurigen Herzen — für jedes Lebewesen Brachland der Verwirklichung — ist die Ausrichtung, zehnfältig, in Beziehung zum Ganzen.

Der Himmel ist nicht heiliger als die Erde, Oben nicht besser als Unten. Das haben viele Kulturen vergessen.
Vor kurzem zeigte mir einer, der sich Swami nennt, einen meditativen Bewegungsablauf, der mir gefiel; ein Bewegungsgebet:

Im Fersensitz (es geht auch stehend), die Finger hinter dem Gesäß verschlüsselt, neigten wir uns nach rechts, des Urlichts gedenkend, nach links, der Urkraft. Dann beugten wir uns nach rückwärts mit dem Gesicht zum Himmel, dem ewigen Ganzen, der unendlichen Heimat, in die wir nach getanem Erdenwerk zurückkehren, und viertens neigten wir die Stirn zur Erde. Hier wurde mir nun der Sündenrutsch der geistigen Weltbilder klar. Der Swami sagte, dies bedeute, Ihr Unendlichen, ich verneige mich vor euch. Das Ewige bedarf nicht meiner Verneigung! Nach oben wandte ich mich dem Himmel, nach unten der Erde zu; und ich meine, ihr hättet es auch so erfahren. Wenn ich am Boden kniend die Stirne an die Oberfläche der großen Kugel lege, hinunterspüre, lausche, suche ich den wortlosen Dialog mit meiner weisen Mutter, der Erde selbst. Auch unter mir ist heiliges Wesen. Wie Oben, so Unten.

Wie das Kind, am Rücken oder unter dem Herzen der Mutter umgebunden, ihrer Bewegung in Beziehung zur Umwelt folgt, so liegt unsere Bewegungsmitte im Inneren der Erde. Von ihr empfangen wir die Beziehung zu Sonne, Himmel, Gestirn.

Im Chakra des Empfangens, dem Chakra der Erde, besinnen wir uns darauf, daß die Bewegung dieser Mitte entspringt (Swaddhistana).
Aus der Bewegungsmitte der Mutter Erde ergeben sich die acht Richtungen.
Bewegung ist Ursache.
Die Himmelsrichtungen weisen ins Unendliche. Sie sind Kraftlinien, die uns mit dem Heiligen Ganzen verbinden.
Die Macht des Ganzen kommt uns über die Acht zu.
Himmel ist in dieser Dimension nicht nur oben. Wir stoßen über die acht Kraftlinien unserer Welt in den Himmel vor. Tun wir es! Im Osten liegt nicht nur der Froschteich, Kirchturm oder die Autobahn nach Hintertupfing, sondern eine ganz bestimmte Ortung des Unendlichen. Osten ist die unendliche Richtung, aus der uns die Kraft des aufsteigend ewig Zukommenden erreicht. Die acht Richtungen sind unsere einzige Einordnung in das Unbegrenzte.

Bewegung ist Urgrund der Richtungen. Aber wo liegt der Ursprung der Bewegung? Nichts ist von der Urkraft losgelöst; sie ist allgegenwärtig, alles durchdringend. Das menschliche Bewußtsein kann sie über das Wurzelchakra erfahren, diese eigenschaftslose, grenzenlose Macht; man kann damit nichts anfangen und auch nichts anstellen. Man kann nur wissen, daß sie ist, es gibt sie wirklich — und im Muladhara meditieren: ich der Kraft hingeben — um zu tun.
Sie wirkt sich ununterbrochen aus, jenseits des Faßbaren, an der Schwelle, wo Leben und Tod unwirklich sind, wo beide im alles bewirkenden Ursprung münden.

Wilhelmine Keyserling
Mensch zwischen Himmel und Erde · 1985
I. Über den Körper in die Erfahrung der Ganzheit
© 1998- Schule des Rades
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