Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Mensch zwischen Himmel und Erde

II. Der Tierkreis:Mensch im All

Rhythmen der Zeit

Acht sind die Mächte des kosmischen Zusammenhalts. Den Achterkreis nennen die Indianer Kreis des Gesetzes. Auch der Stammesrat versammelt sich im Achterkreis, um menschliche Gesetze zu vereinbaren, die auf dem Gleichbleibenden im Wandel gründen. Noch im Mittelalter waren achteckige Räume dem Kaiser vorbehalten, Friedrich II. von Hohenstaufen tagte im Castel del Monte in einem solchen. Die Moslems kreisen siebenmal bei ihrer Pilgerfahrt um die achteckige Kaaba. Acht ist der Raster, in dem sich die neun Elementgruppen verbinden; zum Beispiel NaCl, ein Elektron und sieben Elektronen, ist die gesättigte Verbindung Kochsalz.

Wenn wir uns im Achterkreis auf die Wesenskräfte der acht Richtungen besinnen, gehen wir von einer Mitte aus; ja sogar wenn wir ganz einfach unseren Standort bestimmen: wo ist Osten, Westen… können wir nicht anders, als von unserer Mitte auszugehen; wir zentrieren uns unwillkürlich im Raum. Den Raum erfassen wir vier-, sechs-, acht-, zehnfältig, je nachdem ob wir oben und unten, vorne und hinten hinzunehmen. Auch das Auge ordnet das Bild auf diese Weise.

Das Ohr hingegen hört den Ton, das zeitliche Geschehen
einer regelmäßigen Schwingung zwölffältig.

Eine schwingende Saite erzeugt, gebiert, durch ihre Obertöne, Untertöne, Summations- und Differenztöne zwölf Qualitäten, deren geometrisches Verhältnis im Quintenzirkel erkennbar wird.

So ist der temperierte Quintenzirkel ein natürliches Entsprechungsmodell der Zeit, des Stundenkreises der Uhr (eigentlich sollte sie zwölf Doppelstunden anzeigen) und des Jahreskreises mit seinen zwölf Zeitqualitäten.

Zeit entsteht durch kreisende Bewegung von Körpern zueinander.
Jeden Mittag können wir der Sonne an unserem Standort der Erde unmittelbar begegnen. Die Glocken läuten. Es ist ein wichtiger Augenblick. Ein Kreis ist geschlossen; das gleiche Spiel wie gestern; doch hat sich alles verändert: die ganze Welt ist um einen Tag älter geworden.
Und mit diesem einen Tag sind wir ungefähr — ungefähr ist das Gesetz des Lebendigen — um einen von 360 Graden im Jahreskreis fortgeschritten.
Und wenn dieser an seinen Ursprung zurückgekehrt ist, haben wir damit ein Vierundachtzigstel von unserem persönlichen Lebensplan erfüllt.

Und der Jahreskreis hat wieder Teil an einem langzeitlicherem Geschehen von 25.920 Jahren, dem Weltenjahr. Ein Monat dieses Weltenjahres, das einer bestimmten Lebensperiode der Menschheit entspricht, währt 2.160 Erdenjahre. Ein Tag dieses Kreises ist 72 Jahre lang. Und unser Weltenjahr entspricht vielleicht wieder einigen Minuten in Beziehung zur Bewegung unseres Sonnensystems um die Mitte der Milchstraße.

Tag, Jahr und Weltenjahr sind Rhythmen, die in unserem Bewußtsein als zwölffältige Qualitäten wirksam werden können, in denen unser Leben seinen Ausdruck findet. Aber wozu diese astrologischen Binsenwahrheiten! Sie zu veranschaulichen, kann in uns ein neues Zeitbewußtsein wecken, kann den Zeitkreis zum Partner machen. Gemeinsam gestalten wir dann die Zeit; wir gestalten unsere Zeit! Sie scheint uns am meisten zu bedingen — sie ist es aber, die uns wirklich zur Verfügung steht. Am schwierigsten ist es, eine Tag-und-Nachtperiode so zu durchleben, zu durchträumen, daß jede Doppelstunde uns ihre besondere Qualität schenkt und das ganz ungezwungen. In jeder Doppelstunde haben wir eine andere Einstellung zur Welt — eine andere Beziehung zwischen Motivation, die die Erde uns auferlegt, und Intention unseres sonnenhaften Wesens, das sich in Beziehung zu größeren Verwirklichungskreisen weiß. Wie erleben wir die Zeitqualität der Doppelstunde vor dem Mittag im Unterschied zu der danach, abgesehen vom Mittagessen? Oder gehört das Mittagessen zum Gemeinsamen — dem Ausdruck von Zeit und mir. Wenn wir vereint sind, kann ich sagen, ich bin die Zeit; ich bin das Leben. Bisher hat es nur Christus gesagt. Sollen wir ihm nur staunend nachfolgen oder dürfen wir es selbst versuchen — immer wieder?

Warum verlierst du dich
in kleinlichem Geschehen
wo doch die Winde wehen
die Gezeiten vergehen?

Ja, die Zeit vergeht. Sie scheint uns zu verrinnen; dann wieder mutet es an, als ob sich Anforderungen und Hindernisse türmten, daß wir nicht mehr wissen wie durchzukommen.
Wir sehen den Lebensweg linear, fühlen uns mitgerissen und vom Zeitdruck gestoßen.
Wir können zwar das Wachstum der Seele im Bild eines Stromes erkennen, der als Quell entspringt und ins große Wasser mündet. Wir können unsere Richtung als geraden Weg veranschaulichen, der ins Unbekannte führt. Schöne Bilder. Unser Lebensweg aber ist und bleibt ein Kreis, der sich schließend zum Ursprung zurückführt; an den ein weiterer anknüpft, in unsichtbarer Reifung wie im Symbol der Acht, der, ebenfalls an den Ursprung zurückkehrend, in die nächste Inkarnation führt.

Aber wenn du Zeit als Kreis verstehst
dann bist du Mitte deiner Welt
und alles rundherum
ist dein Geschehen.

Die Zeitkreise schaffen einen Raum, worin die Ereignisse der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einander in Kraftlinien stützen; worin sechs verschiedene Arten der Verstrebung des Zusammenwirkens der Kräfte entstehen.
Daher ist in den Zeitkreisen Ausgleich möglich. Was im Tageslauf unerledigt geblieben ist, mag sich im Traum fortsetzen. Was in der Morgenstunde unbeachtet blieb, mag nach dem Mittag besondere Mühe kosten.

Im Lebenskreis zeigt sich deutlich, daß etwas, was vielleicht mit dreizehn Jahren erreicht oder erlitten wurde, nach bestimmten Zeitrhythmen zu weiterer Entfaltung oder aber Bemühung führt, und dann zweiundvierzig Jahre später — gegenüber im Horoskop — zur tragenden Achse werden kann. Eine Perlenschnur wird um den Hals getragen, gerundet. Ereignisse, in der Erinnerung nur aneinandergereiht, werden im Horoskop auf die Mitte bezogen zur Wesenskraft. Es ist nicht leicht, die Mitte seiner Zeit zu sein. Im linearen Denken hängt man den Dingen nach.

Wilhelmine Keyserling
Mensch zwischen Himmel und Erde · 1985
II. Der Tierkreis:Mensch im All
© 1998- Schule des Rades
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