Schule des Rades

Wilhelmine Keyserling

Mensch zwischen Himmel und Erde

II. Der Tierkreis:Mensch im All

Monatsgespräche

Wir haben vor zwei Jahren mit Monatsgesprächen im Tierkreis begonnen. Wir haben versucht, uns von der spezifischen Zeitqualität tragen zu lassen und, was uns zustößt und was wir tun, im Jahreskreis als Entfaltungsrahmen der Seele zu verstehen. Der Mensch im All, dessen Bild als Tierkreis die Potentialität des Menschseins birgt, soll unser Partner werden: durch ihn erkennen wir uns, durch uns erkennen wir ihn.

Er ist der Große Alte der Verwirklichung
der Heilige aller Zeiten und Welten
das Urbild jeder Religion, jeglichen Denkens und Strebens
der Mensch im All.

Der Mensch im All ist nicht nur der Tierkreis; aber der Tierkreis ist das Bild des Menschen im All. Wir fragten ihn und er antwortete:

Wie kann man den Tierkreis beschreiben?
Nicht beschreiben sondern erleben.

Wie kann man ihn erleben?
Durch gemeinsame Bemühung, wo nie eine Antwort vorgegeben ist und sie ewig neu bleiben muß.

Birgt der Tierkreis auch zwölf Qualitäten?
Ja, keine Fächer, sondern Bestandteile meiner Fülle sind es.

Sind sie für uns Umwelt?
Nein, ihr wachst hinein.

Sind sie Bestandteile des All?
Nein, Bestandteile meiner Wesensfülle.

Wenn wir den Tierkreis im Rad betrachten, so können wir uns vorstellen, daß der schwarze Punkt in der Mitte die Erde ist, auf der wir stehen und der weiße Nullpunkt die Sonne darstellt (am 23. März), die fortschreitend den zwölffältigen Tierkreis durchläuft.
Die Sonne ist sichtbar. Ihre Bahn ist unsichtbar, kann aber als Kraftlinie genau bestimmt und bemessen werden. Sie ist ungreifbar aber endlich. Sie ist Zeit, und Zeit birgt und schafft (in Beziehung zum Raum) Qualität.

Die Qualität des ersten Zeitzwölftels Widder können wir über das Begriffspaar Seele-wollen erahnen, als stetige Geburt des Ich: als da bin ich, ich kann nicht anders; als Ich, das sich mit seinem Dasein behauptet. Diese Qualität des ersten Zeitzwölftels wird in zigtausend Jahren nicht anders sein.

u n e n d l i c h e r · R a u m

Hinter der Sonne weitet sich im rechten Winkel zur Zeitbahn der unendliche Raum — eine unendliche Raumscheibe, die die Sonne im Jahr von der Erde aus gesehen durchläuft. Auch die Planeten kreisen am Hintergrund dieses Gürtels der Unendlichkeit. Quadrillionen von Gestirnen, Sonnen: sie sind alle in Bewegung, aber so weit entfernt, daß uns ihre Verschiebung langsam scheint, daß wir ihre Lichtsignale als Sternbilder zusammenfassen und wir uns an den Bildern orientieren. Man nennt diesen Gürtel den Tierkreis der Konstellationen.

Auch abgesehen von der Tierkreisscheibe ist der Himmel voller Sterne. Aber nur, wo unsere endliche Zeit von Erde und Sonne bemessenden unendlichen Raum berührt, entsteht Qualität des Lebens. Der Zeitkreis im unendlichen Raumgürtel, diese Beziehung Erde — Sonne — Himmel, birgt die gesamte Potentialität des Menschseins, der Menschwerdung. Und trotzdem ist sie nicht determinierend. Jeder Mensch ist ein Kreis für sich, wie jedes Atom und hat in dieser endlich-unendlichen ganz bestimmten und gleichzeitig unbegrenzten Potentialität die Entscheidungskraft des Wollens, wodurch er schöpferisch Nichts und Etwas vereint.

Auch was hiervon verständlich werden kann, ist Wunder. Das Studium des Rades verlangt und eröffnet in der Wassermannzeit eine so neue Einstellung, das wir sie als philosophisch bezeichnen — als Vereinigung von Weisheit und Liebe, sophia und philia.
Das praktische Erlernen der Signaturen und Berechnungen ist freilich den bisherigen astrologischen Methoden ähnlich. Aber das Körper-denken, dieses ganz konkrete Denken eröffnet eine geistige Schau, einen Zusammenhang von Mikrokosmos — Mensch — Makrokosmos, der vergangene Visionen und Weisheiten einsichtig macht und künftigen Zeitepochen zum Raster dienen wird. Die systemische Ordnung von Bewußtsein und Welt ist der Beitrag der Wassermannzeit zur Menschheitsentwicklung, wobei die Ordnung zu entdecken und nicht zu konstruieren ist.

Staunen und Ehrfurcht, Streben, das Wunderbare zu erkennen, sind nicht ausgestorben. Sie verlagern sich in jedem Zeitalter. Wir sind vielleicht nicht vom Wunder der Jungfräulichkeit der Gottesmutter in dogmatischer Augsage ergriffen, sondern wir entdecken es hinter der Spontaneität des Atoms; wir erahnen es jenseits des physikalischen Phänomens der schwarzen Löcher, des morphogenetischen Feldes, in der ungreifbaren Wirklichkeit hinter den meßbaren Phänomenen von Raum und Zeit, wo wir ans Ende des Erklärbaren stoßen bis zum daß es so ist — und daß es ist, bleibt Wunder.

Wir haben also mit Monatsgesprächen begonnen, um den Tierkreis lebendig zu erfahren. Wir versuchten während des Monats in unbewußter Aufmerksamkeit — dem dritten Gewahrsein — der Wesensqualität der Zeit bewußt zu bleiben, das angelernte Wissen über das Tierkreiszeichen beiseite zu legen und uns nur über die Begriffspaare — Körper-denken für Wassermann, Geist-fühlen für Fische — zu erinnern, auf das uns die Erfahrung des täglichen Geschehens zur Information werde. Wir wollten aus unserem Erleben den Bezug zur heilig-heilenden Zeit entdecken und aus dem Verständnis dieser Zeit unsere Erfahrungen im Rahmen des Ganzen wirksam werden lassen.

Dann trafen wir uns und berichteten, was uns bedeutsam erschien, was uns auf — und eingefallen war, was wir erlebt hatten. Unsere Berichte waren oft recht banal, aber wenn reihum ähnliche Aspekte auftauchten und wir uns bemühten, die Geschehnisse zu durchschauen, ergab sich doch ein erneutes lebendiges Verständnis der heiligen Zeit und der eigenen Anlage — die wir aus dem Horoskop kennen — und ihrer Entfaltungsmöglichkeit. Zuerst waren es einzelne Erkenntnisse. Dann ergab sich ein Zusammenhang im Jahreskreis.

Wenn wir den Jahreskreis beachten, mag, was im Februar als Projekt auftaucht — Wassermann — uns im März — Fische veranlassen, im Rahmen des Gesamten menschlich, geistig und praktisch die eigene Autorität wie die der Mitwirkenden zu erkennen, zu begrenzen, auf daß eine harmonische Einstimmung möglich werde.

Im Widder mag ein persönliches sich Durchsetzen erfolgen, das im Stier Ansätze der Verwirklichung zeitigt, in den Zwillingen verbale Auseinandersetzung und Klärung der Information fordert, im Krebs die Einstimmung auf die persönlichen Motive der Beteiligten verlangt, möglicherweise mit emotionellen Wallungen; im Löwen mag ein spontanes Handeln die Situation meistern, in der Jungfrau ein unterscheidendes Durcharbeiten des Projekts erfolgen, in der Waage ein gemeinschaftliches Durchspielen, im Skorpion das Ablegen ungeeigneter Methoden und eine erneuernde Initiative, im Schützen das Setzen von Zielen und einer klaren Richtung, und schließlich im Steinbock das Integrieren des Projekts in die öffentliche Gesellschaftsordnung. So programmatisch läuft es natürlich nicht immer ab und man darf es nicht planen. Wir wollen uns nicht beeinflussen lassen, der Zeit unterordnen. Wir möchten Partner des Menschen im All werden.

Es gab Kulturen in denen, wie im chinesischen Kaiserreich, die Regierungsaufgaben jedes Monats genau bestimmt waren — Zeiten des Friedens. Wir dürfen nichts festlegen, aber wir wollen die Zeit erfahren, uns anvertrauen, in der Mitte verankert — von der Bewegung getragen werden.

Wilhelmine Keyserling
Mensch zwischen Himmel und Erde · 1985
II. Der Tierkreis:Mensch im All
© 1998- Schule des Rades
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