Schule des Rades

Arnold Keyserling

Philosophie als Handwerk

Transpersonale Psychologie

Unterdessen begann ich mich nun in die Naturwissenschaft zu vertiefen, was mir die Methexis, die Geistigkeit der Natur zu begreifen half. Gleichzeitig schrieb ich ein Lehrbuch der deutschen Grammatik (The Structure of German Grammar), welches mir die Lehrzeit abkürzte, und sah somit, daß nichts einem passieren kann, was nicht zu einem gehört — es ist, als ob ein innerer Träumer zusammen mit dem Jenseits das Schicksal immer lenkte. So ist es eine Entscheidung, sich zu fragen, wieso das, was einem von außen zugekommen ist, in Wirklichkeit zu einem gehört.

1962 hatte ich Gelegenheit, in einer Vortragsreise ganz Südostasien kennenzulernen, und vorher bei einem UNESCO-Kongreß als Delegierter die Frage des Zusammenhangs zwischen der technologischen Gesellschaft und den geistigen Traditionen zu besprechen — also eigentlich das öffentlich zu vertreten, was mein Vater mit seiner Schule gewollt hatte. Wie so viele Initiativen verlief auch diese — das East-West-Project — im Sand. Doch mit 42 Jahren, also zum richtigen Zeitpunkt nach dem astrologischen Lebenskreis, erhielt ich den ersten öffentlichen Lehrauftrag in Wien, nämlich Geistesgeschichte zu lehren, welche heute nun als Geschichte der Denkstile den ersten Teil der theoretischen Ausbildung der Maieutik bildet.

Geschichte ist dem Namen nach nicht das, was sich ereignet, sondern das verdichtete Geschehen, das als Frucht für den einzelnen übrig bleibt. Die analytische Psychologie hatte gezeigt, daß ein Mensch keine Energie besitzt, wenn er sich nicht positiv an seine Vergangenheit zurückerinnern kann. Jedes Trauma verschwindet aufgrund des bedingten Reflexes aus der Erinnerung, es sei denn, durch Umformulierung läßt es sich in ein positives Erleben, als Schritt zu einer höheren Integration verwandeln, was immer möglich ist. Das gleiche gilt für die kollektive Erinnerung. Doch diese ist nur dann positiv, wenn geistige Traditionen keinen absoluten Wert darstellen.

In den sechziger Jahren wurde durch Rupert Sheldrake und sein morphogenetisches Feld die metaphysische Grundlage zu dieser Kulturauffassung freigelegt, daß nämlich die Gattung das Wissen jedes einzelnen, der neue Entdeckungen macht, aufnimmt. Meine Geschichte ist Philosophie, die Geschichte der Denkstile die ich nach dem Rad gegliedert und damit in eine Einheit verwandelt habe. Für einen Wirtschaftler wäre die Geschichte ökonomisch, für einen Anthropologen kulturell. Mein Ziel war es, jeden Studenten anzuregen, durch Polarisierung mit den Denkstilen — also Gehäuse der Strategien, welche eine bestimmte Lebensart erkenntlich und operativ gestaltet hat, ihre eigene Geschichte zu ergründen und zu schaffen. Bei jedem Pionier gibt es Erkenntnisse, die einen echten Fortschritt bedeuten, gegenüber Meinungen, die nur persönlich sind und nicht einen Beitrag bilden — der berühmte Jean Auguste Dominique Ingres, der viel lieber für sein schlechtes Violinspiel anerkannt werden wollte als für seine großartige Malerei. Keine Geschichte verpflichtet, sondern ihr Ergebnis ist im besten Fall gleich einem besseren Kochbuch — es ist unsinnig, bereits als falsch und negativ erfahrene Richtungen noch einmal zu wiederholen. Ferner ist die Geschichte menschheitlich, betrifft also nicht eine Gruppe, sondern wie in der Biologie die gesamte Gattung; der hegelsche Zeitgeist existiert, die gleichzeitigen Baustile in China und Europa z. B. lassen sich nicht erschöpfend auf Anregung zurückführen, sondern die Inspiration hat auch ihren Anteil daran.

1966 kamen wir durch Beschäftigung mit der indischen Kultur — meine Frau organisierte den Auftritt von Musikern und Tänzern in der österreich-indischen Gesellschaft, um ihnen ein Publikum zu verschaffen — in Kontakt mit dem Yoga, und so begannen wir zu erkennen, daß es auch formale Möglichkeiten gibt, einen Menschen zu sich selbst zu bringen, indem er seinen Körper nicht als Fahrzeug, tote Materie, sondern als Freund betrachtet. 1978 kam dazu die humanistische Psychologie, die viele Techniken entwickelt hatte, um den Menschen zu Erkenntnis seiner Anlage und seiner Möglichkeiten zu bringen. Durch 6 Jahre leitete ich deren europäischen Verband und hatte somit Gelegenheit, mit vielen Richtungen vertraut zu werden, wenn ich auch erkennen mußte, daß alle Pioniere sobald sie Erfolg hatten, in das kompetitive und ideologische Bewußtsein zurückfielen, indem sie Schulen bildeten und ihre Methode für die einzig richtige erklärten.

Hieraus entstand meine zweite Lehrtätigkeit, nämlich jedem einzelnen den Weg zu seiner Vision zu eröffnen, die den Titel transpersonale Psychologie hat. Voraussetzung einer Vision ist, eine Gruppe zu bilden, in der ein Mensch keine Angst hat, von anderen kritisiert zu werden, da in jedem die zwei Verfallenheiten — Selbstkritik und Selbstmitleid — auftauchen, sobald er sich in eine abhängige Lage versetzt fühlt. Ist dieses Vertrauen einmal geschaffen, so gibt es viele Wege — über Trommel, Körperentspannung und dergleichen — einen eigenen Zugang zur Vision des Traumes und auch des praktischen Sinnes zu finden. Inzwischen hatte sich meine Lehrtätigkeit auf mehrere europäische Länder erweitert, und Vortragsreisen nach Nord- und Südamerika brachten mich mit anderen Mentalitäten in Beziehung. In Paris, Neapel und Athen bildeten sich feste Gruppen, und so begannen wir Pioniere nach Wien einzuladen, die neue Wege gebahnt hatten.

Hieraus entwickelte sich nun der Stil der dritten Vorlesung, die am meisten Interesse fand, nämlich die Zeitgeschichte. Was für den einzelnen Sinn ist, muß für den anderen Zweck und Mittel, Nutzen werden. Die wahre Gemeinschaft, die Freundschaft, ist oberhalb aller Kompetition, weil keine Gruppe je die ganze Menschheit umschließt. Es gibt niemanden, der nicht für das eigene Streben Sinnbild werden kann, so negativ auch Vorbilder sind, wenn man sein Werk als Beitrag zur Menschwerdung versteht. Schon Leibniz sagte: Jede Philosophie ist wahr in dem, was sie behauptet und Neues bringt, und falsch in dem, was sie bekämpft. Doch nur Menschen, die zur Freundschaft und Mitmenschlichkeit durchgestoßen sind, können wirklich Sinnbilder werden. Und je mehr man davon kennt, desto reicher wird die eigene Existenz.

Arnold Keyserling
Philosophie als Handwerk · 1986
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD