Schule des Rades

Arnold Keyserling

Das Wesen chinesischen Denkens

Tung Jen · Gesellschaft in Freiheit

Der I Ging ist keine mythologische Dichtung, sondern bedeutet den ersten Versuch, die Gesetze für das menschliche Verhalten im Einklang mit der schöpferischen Natur zu bestimmen. Seine wichtigste Bedeutung liegt in den Hinweisen für eine wahre Ordnung des gesellschaftlichen Lebens: für die Errichtung der Gesellschaft von freien Menschen auf der Erde, wie sie im dreizehnten Kapitel des I Ging, Tung Jen, dargestellt wird. Dieses Kapitel ist immer noch eine Botschaft für die Zukunft; auf seiner Grundlage könnte dereinst eine Gesellschaft entstehen, welche die kantische Maxime erfüllen würde, daß der Mensch nicht nur das Mittel, sondern auch das Ziel des Staates darzustellen habe.

Das Zeichen Tung Jen beschreibt die Errichtung einer solchen Gesellschaft in sechs Stadien, die wir nun im Einzelnen verfolgen wollen.

Im Anfang steht das Urteil:
Gesellschaft mit Menschen im Freien: Gelingen.
Fördernd ist es, das große Wasser zu durchqueren.
Fördernd ist des Edlen Beharrlichkeit.

Dies heißt, daß nur für das gemeinsame Wohl der Menschheit solch eine Gesellschaft entstehen kann. Seine Zeichen sind innere Klarheit und äußere Stärke. Die zwei positiven Richtungsweisen sind vereint Gelingen, das bedeutet die positive Entscheidung; und die Beharrlichkeit des Edlen, also des Menschen, der sein Leben im Einklang mit seiner geistigen Aufgabe lebt. Doch das Wort Heil ist nicht inbegriffen; also ist die Errichtung einer solchen Gesellschaft nicht naturnotwendig, sondern kann nur aus dem Willen strebender Menschen geboren werden.

Das Bild sagt:
Der Himmel zusammen mit Feuer;
das Bild der Gesellschaft mit Menschen.
So gliedert der Edle die Stämme
und unterscheidet die Dinge.

Die wahre Gesellschaft darf sich nicht auf der mittelmäßigen Gleichheit im Sinne des niedrigsten gemeinsamen Nenners gründen, sondern auf dem Verständnis der wirklichen Unterschiede zwischen Menschen, die sich auf die Forderungen gründen, welche sie an sich selbst stellen. Sie muß Unterschiede in Vermögen und Können einschließen, und ferner sich auf das Wissen gründen, welche Dinge lebensnotwendig sind, und wie sie verfügbar gemacht werden können.

Wenn diese Gesellschaft nun einmal in Angriff genommen wird, dann würde ihre Entwicklung folgende sechs Stadien aufweisen:

e r s t e · L i n i e
  1. Gemeinschaft mit Menschen im Tore. Kein Makel.
    Kommentar des Konfuzius:
    Aus dem Tore gehen, um mit Menschen Gemeinschaft zu machen, wer sollte dabei einen Makel finden.

Dies bedeutet: die vereinigende Idee muß sich außerhalb aller existierenden Interessengruppen und Streitigkeiten befinden; sie muß auf etwas Neuem gründen, welches den bestehenden Umstand nicht gefährdet. Ferner hat sie in aller Öffentlichkeit zu beginnen, ohne Geheimnisse.

z w e i t e · L i n i e
  1. Gemeinschaft mit Menschen im Klan: Beschämung.
    Konfuzius:
    Gemeinschaft mit Menschen im Klan ist der Weg zur Beschämung.

Sobald solch eine Gesellschaft erscheint, werden die alten Interessengruppen versuchen, sich wieder zu behaupten, und werden die Begeisterung für das gemeinsame Ziel für ihren persönlichen Vorteil mißbrauchen wollen. Solch ein Stadium muß negativ sein, und die Keime der Fehlentwicklung müssen deshalb schon zu Beginn zerstört werden. Zu diesem Zeitpunkt kann alles vernichtet werden, wie es schon so oft im Laufe der Geschichte geschehen ist. Sobald Menschen die Wahrheit für persönliche Ziele mißbrauchen, werden selbst positive Anstrengungen sich negativ auswirken und zum Grund des Streites werden, der schließlich zur Vernichtung führen muß.

Doch auch bei bester Möglichkeit wird die Gesellschaft eine Periode der Reifung benötigen. Dieses nächste Stadium wird in folgender Weise beschrieben.

d r i t t e · L i n i e
  1. Versteckt Waffen im Dickicht, steigt auf den hohen Hügel davor. Drei Jahre lang erhebt er sich nicht.
    Konfuzius:
    Versteckt Waffen im Dickicht, denn er hatte einen Harten zum Gegner. Drei Jahre lang erhebt er sich nicht. Wie sollte es denn gehen?

Die Reifeperiode wird drei Jahre dauern, das heißt, drei Entwicklungsabschnitte, bis der Mensch imstande sein wird, seine neuen Waffen zu verwenden: er muß erst wachsen und stark werden. Obwohl das Ziel die menschliche Gesellschaft in Frieden ist, ruft sie natürlich die Feindschaft aller Kasseninteressen und nationalen Gruppen hervor.

v i e r t e · L i n i e
  1. Er steigt auf seine Mauer, er kann nicht angreifen, Heil!
    Konfuzius:
    Er steigt auf seine Mauer, es liegt im Sinne der Lage, daß er nichts machen kann. Sein Heil besteht darin, daß er in Bedrängnis kommt und darum zum Gesetz zurückkehrt.

Wenn einmal die Periode der drei Jahre der Festigung beendet ist, dann wird die neue Gesellschaft sich in der Welt behaupten wollen. Sie wird nicht angreifen, aber in vollem Tageslicht in der Öffentlichkeit stehen. Auf ihren Mauern stehend, was bedeutet, die Freiheit innerhalb ihrer Grenzen bewahrend, wird sie sich außerhalb alles Streites halten. Hier steht das einzige Mal das Urteil Heil, das heißt, die Zeit selbst wird das Ziel zur Vollendung bringen, obwohl die Menschen, wie Konfuzius in seinem Kommentar betont, den Mut verlieren könnten.

Doch ewig kann sich die Gesellschaft nicht aus dem Gegensatz heraushalten. Der Gegensatz ist menschlich; er beruht auf der Tatsache, daß die Menschheit schon auf der physischen Ebene gemäß den Prinzipien Yang und Yin, Mann und Weib, geteilt ist. Die Verfolgung des gemeinsamen Ziels muß also auch zu inneren Zwistigkeiten führen, welche in folgender Weise dargestellt werden.

f ü n f t e · L i n i e
  1. Die gemeinsamen Menschen weinen erst und klagen, aber nachher lachen sie. Nach großen Kämpfen gelingt es ihnen, sich zu treffen.
    Konfuzius:
    Der Anfang der gemeinsamen Menschen ist zentral und gerade. Nach großen Kämpfen gelingt es ihnen sich zu treffen, das heißt, sie siegen.

Der deutsche Übersetzer des I Ging, Richard Wilhelm, lernte von den chinesischen Kommentatoren die klassische Deutung dieses Stadiums. Konfuzius hatte behauptet, daß zu seiner Zeit die Gesellschaft in Freiheit nicht erreicht werden könne. Doch wenn einmal die Welt in zwei gegensätzliche Lager geteilt wäre, dann werde die Welteinheit — denn der I Ging bezieht sich immer auf alle Menschen unter dem Himmel — als die Gesellschaft der Menschen in Freiheit aus ihrer Wechselwirkung entstehen. 1910, als Richard Wilhelm dies erfuhr, schien dieser Zustand weit entfernt; doch heute, in der Teilung der Welt in die gegensätzlichen Lager Demokratie und Kommunismus, ist die Zweigliederung eine Tatsache geworden. Die Gesellschaft in Freiheit wird jedoch nicht über Kämpfe kommen, sondern, wie es heißt, durch das Lachen, die Freude. Die Menschen werden plötzlich den Sinn des gemeinsamen geistigen Strebens verstehen und damit die Probleme des Gegensatzes erledigen.

s e c h s t e · L i n i e
  1. Gemeinschaft mit Menschen auf dem Anger. Keine Reue.
    Konfuzius:
    Gemeinschaft mit Menschen auf dem Anger, der Wille ist noch nicht befriedigt.

Das erste Stadium war vor dem Tor, und das zweite ist auf der Wiese vor der Stadt. Die wahre Gesellschaft bleibt jenseits aller Interessengruppen und tritt nicht einmal in Konflikt mit diesen. Auf der Wiese, das heißt, außerhalb allen Streites kann alles unparteiisch beurteilt werden: die neue Gesellschaft wird als etwas Zusätzliches, als etwas jenseitiges entstehen, und wird die Menschen ohne Zwang vereinen. Doch wird sie stets Aufgabe bleiben, wie der letzte Kommentar von Konfuzius sagt: der Wille ist noch nicht befriedigt; sie kann nur durch den Willen, die absichtliche Bemühung weitergetragen werden.

In der konfuzianischen Zeit konnte das Ideal einer Gesellschaft in Freiheit, wie wir schon sagten, nicht erreicht werden. Doch dies hatte noch einen zweiten Grund: das Kulturideal war die Reifestufe des Edlen, des Menschen, der seinen Ort in der Gesellschaftsordnung kennt und nicht darüber hinausstrebt. Darum wurde damals das Buch der Wandlungen, welches die mögliche Erfüllung jeglicher Situation zeigt, hauptsächlich dazu verwendet, um eine persönliche oder politische Lage zu klären, und deshalb auch als Orakelbuch. Doch die freie Gesellschaft kann nur hervortreten, wenn wir versuchen, die Wandlung der Lage ohne Rücksicht auf unser persönliches Schicksal zu verstehen, das heißt, wenn wir vom Stadium des Edlen zum Stadium des Berufenen schreiten, dessen Aufgabe die Errichtung der Gesellschaft in Freiheit auf Erden ist.

Von Anfang an hat das Buch der Wandlungen auch diese höchste Bedeutung einbegriffen. So heißt es schon im ersten Zeichen, dem Schöpferischen, Kiën: Indem der heilige Mensch große Klarheit hat über Ende und Anfang und die Art, wie die sechs Stufen jede zu ihrer Zeit sich vollenden, fährt er auf ihnen wie auf sechs Drachen gen Himmel.

Die chinesische Kultur hat somit ein Wissen hervorgebracht und formuliert, das es nirgendwo anders auf Erden gibt. Das neue China hat in seiner Rückkehr zur dialektischen Wurzel es erst einmal verleugnet und sich mit nur einer Seite des weltweiten Gegensatzes identifiziert. Doch damit ist dieses Wissen aus seiner nationalen Bedingtheit gelöst, und allgemeines Menschheitsgut geworden: aus ihm heraus wird wohl dereinst die Grundlage zur wahren menschlichen Gesellschaft in Freiheit gelegt werden, die sich schon heute überall als nächstes Menschheitsziel abzuzeichnen beginnt.

Arnold Keyserling
Das Wesen chinesischen Denkens · 1964
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD