Schule des Rades

Arnold Keyserling

Naturwissenschaft gegen Esoterik

Gespräch Teil 5

F. K.
Ich möchte die Frage einwerfen: Woher kommt denn überhaupt dieses ungeheure Bedürfnis, diese Welle der Esoterik, natürlich auch der esoterische Kitsch, die gewisse Auslage in jeder Buchhandlung? Warum haben die Menschen diesen ungeheuren Hunger nach antivisueller, nach Nebenwissenschaft oder nach Nichtwissenschaft.
J. G.
Ich würde nicht sagen Bedürfnis oder gar ungeheures Bedürfnis nach Nichtwissenschaft. Die Menschen wollen die Wissenschaft, sie benützen die Wissenschaft jeden Tag. Wenn sie zum Beispiel das Licht einschalten, gehorcht dies den Maxwell’schen Gleichungen etc. Die Menschen der Moderne wollen sozusagen im Bett der wissenschaftlich-technischen Zivilisation sein, aber auch zunehmend andere Inhalte haben, wie Dichtung, Esoterik, Religion, Musik und vieles andere mehr. Und da sehe ich überhaupt keine Schwierigkeiten. Die Schwierigkeit, die ein kulturelles Selbstverständnis darstellen kann, tritt dann auf, wenn man gewisse Dinge oder Kategorien durcheinanderbringt, wie ich eingangs sagte. Wenn man zum Beispiel sagt, das, was negativ in der modernen Zivilisations­erscheinung ist, muß dem wissenschaftlichen Rationalitätsbegriff Überantwortet werden. Das ist eine zu bequeme Ausrede. Anstelle einer philosophischen Durchdringung der Wissenschaft und ihrer existentiellen Bedeutung wird zu einfach die Wissenschaft als ein Objekt hingestellt, wie ein Tisch oder sonst etwas, was man wegschieben könnte. Dabei ist die Wissenschaft, die rationale Argumentation ja unser Leben, ist in unserer Gehirnstruktur mit unserem Neuronensatz strukturell gekoppelt: das kann man doch nicht ablegen, wie man etwa sein Auto in die Garage stellt und nicht oder nicht mehr benutzt.
F. K.
Das ist absolut isomorph — sollte man dann über die rechte Hirnhälfte reden.
J. G.
Wenn Sie die Frage der absoluten Isomorphie stellen, Herr Kreuzer, müßten Sie trotzdem argumentativ hier jetzt mit mir einsteigen und sagen, wie stellen wir das fest oder warum könnten wir das nicht feststellen.
F. K.
Vielleicht sollte, weil es so interessant ist, der Herr Professor seine Rechte-Hirnhälften-Theorie kurz erklären, damit man weiß, worum es geht. Die Sache ist ja durchaus wissenschaftlich, muß ich dazu sagen. Die Erkenntnisse kommen von diesen furchtbaren Hirnoperationen, wo man die Hälfte getrennt hat. Seither weiß man sehr viel mehr darüber und — zwar wissenschaftlich begründet.
A. K.
Man weiß wissenschaftlich etwas darüber. Die Frage ist genau die der Visionen. Wenn einer keine Vision hat, ist sein Leben sinnlos. Er lebt sich in den Wald, er unterwirft sich der Vision… es gehört eben zu ihm dazu, wie zum Österreicher der Heurige, aber das stimmt sicher, daß es eine Lebensform ist. Wir kommunizieren mit der linken Gehirnhemisphäre über die sinnliche Wirklichkeit der Zeit. Wir kommunizieren über die Sprache mit anderen Dingen, mit Menschen. Wir kommunizieren nicht mit den Toten und mit Gott. Wieso? Das ist genau das, was ich der Wissenschaft vorwerfe, daß sie behauptet, das kann man nicht. Das spricht gegen die gesamte Menschheitstradition.
J. G.
Die Wissenschaft sagt nur, sie kann es nicht. Wenn Sie sagen, Sie können es außerhalb der Wissenschaft, dann wird kein Wissenschaftler böse sein. Nur handelt es sich dann nicht um wissenschaftliche Erkenntnis.
A. K.
Ja, Moment. Wenn es heißt außerhalb der Wissenschaft, dann heißt es, daß es nicht nachweisbar ist.
J. G.
Ja: Wenn Sie sagen, Sie haben eine Erscheinung erlebt, ich habe Gott gesehen, beispielsweise — für mich ist dies allerdings nicht nachvollziehbar — dann ist dies ja eine erkenntnistheoretische Trivialität. Denn wenn Sie dann noch sagen, das, was Sie erleben, hat auch den Geltungscharakter von Wissenschaft, dann würden wir uns gewaltig unterscheiden.
A. K.
Ja, aber das würde ich niemals sagen, weil der Geltungscharakter der Wissenschaft ist, daß man zu Sätzen kommt, während der Geltungscharakter der Esoterik, ich ziehe das Wort Religion in diesem Fall vor, daß man zu Seinserfahrung kommt. Das ist etwas ganz anderes.
Arnold Keyserling
Naturwissenschaft gegen Esoterik · 1989
im Gespräch mit Johann Götschl · Moderation Franz Kreuzer
© 1998- Schule des Rades
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