Schule des Rades

Arnold Keyserling

Naturwissenschaft gegen Esoterik

Gespräch Teil 6

F. K.
Hier ist doch eigentlich durch die Hirnforschung Nichtwissenschaft zur Wissenschaft geworden oder umgekehrt. Die rechte Hirnhälfte denkt eben nicht so, wie Galilei, sie ist analog und nicht digital, sie ist kreativ und engt nicht mathematisch ein. Hat die Naturwissenschaft nach Galilei dazu geführt oder uns verführt, die zweifellos wichtigen Eigenschaften der linken Hinhälfte, wo unsere Sprache sitzt, wo die Mathematik sitzt, überzubewerten? Was jetzt stattfindet, und zwar durch die Wissenschaft, ist die Neubewertung der Fähigkeiten der rechten Hirnhälfte, ob man jetzt Gott dazu sagt und damit in die Religion hinüberrutscht. Es gibt ja auch eine Theorie, daß Gott eigentlich die rechte Hirnhälfte ist, weil er dort sitzt und sitzen muß. Damit verwissenschaftlicht sich ja diese Antiwissenschaft. Sehr hochinteressante Sparten in der Hirnforschung, die seltsamerweise sich selbst, nämlich die höchste medizinische Wissenschaft ein wenig widerlegen oder in Frage stellen.
J. G.
Wenn Sie diese unglaubliche Pluralität von Lebensformen, die es in der Welt insgesamt gibt, betrachten — aber auch innerhalb des Eurozentrismus gibt es natürlich eine riesige Palette von unterschiedlichen Weltauffassungen — und Sie fragen, welche von diesen Lebensformen ist die bedeutendere, die wichtigere, welche sollte man eigentlich befolgen, welche ist die werthafteste etc., dann kann man bekanntlich verschiedene Antworten geben. Aber aus der Wissenschaft ist sicherlich keine Antwort abzuleiten, das meinte ich eigentlich damit. Man kann nicht zum Beispiel Geschichtswissenschaft, Anthropologie und andere Wissenschaften herbeiziehen und sagen, die Lebensform der Inder ist weniger wert als die Lebensform der Europäer. Wenn trotzdem in gewissen Phasen in der europäisch-abendländischen Kultur so argumentiert wurde und zum Teil gesellschaftliche Realitäten dieses Denktypus geschaffen wurden, etwa durch den Kolonialismus etc., dann ist es natürlich nicht so einfach zu behaupten, all dies sei das deterministische Erbe der Rolle der Wissenschaft in der Kultur. Man muß darauf achten, was mit und durch das Instrument Wissenschaft soziokulturell passiert, etwa, was der Wissenschaft zugrunde gelegt oder auch unterstellt worden ist etwa in den letzten 300 Jahren. Vieles ist jetzt ja unsicher geworden, etwa die Wertfreiheitsteste der Wissenschaft oder, daß sich, was Popper immer reklamiert — ich bin zwar damit überhaupt nicht einverstanden — daß sich die Wissenschaft der Wahrheit annähert. Dies allerdings schließt nicht aus, daß die Wissenschaft einen hohen Objektivitätscharakter hat im Vergleich zu sonstigen Meinungen. Wenn einzelne Individuen untereinander streiten und sie kommen zu keinem Ergebnis, dann wissen Sie ja aus soziologischen Experimenten und historischen Untersuchungen, daß es nicht lange dauert, bis sie sich zusammensetzen, und dann vorerst nicht mehr über ein Thema, sondern über das Verfahren, über die Logik und Methodologie reden, wodurch wir substantielle Kommunikation betreiben können; das heißt die Menschen rationalisieren dann die Form des Dialogs, um über die Weltrepräsentation sich selber Auskunft geben zu können. Dies meinte ich. Somit ist für mich kein Gegensatz zwischen Wissenschaft und Nichtwissenschaft. Jetzt werden nicht Unzulänglichkeiten der Wissenschaft erkannt — das ist meine zentrale Diagnose — sondern es wird nach anderen, von mir aus nach Visionen, wie Sie sagen, nach anderen Dimensionen Ausschau gehalten, um denen ein größeres Gewicht zuzuordnen und da habe ich eigentlich keine Schwierigkeiten, weder mit den Visionen noch mit der Wissenschaft. Beide sind grundlegende Kategorien des Menschen.
A. K.
Moment. Sie sagen größeres Gewicht. Sie bleiben also im Vergleich. Ich suche nach dem gemeinsamen Nenner in der Religion, das heißt die mystische Erfahrung ist auf der Welt identisch, ob es sich jetzt um Indien handelt, ob es sich um das Christentum handelt, ob es sich um den Islam handelt. Je tiefer man eindringt, desto einheitlicher wird das Weltbild. Wie kann dies kritisch verarbeitet werden. Dadurch, daß bestimmte Dinge an bestimmte lebendige Erfahrungen gebunden sind. Diese Erfahrungen waren im alten Europa da. Die Meister, die Gesellen, alle diese Lebensstufen der Zünfte waren ja ethisch in die Berufsausbildung einbezogen. Sie haben sich als zu einfach erwiesen, der Mensch ist nicht so einfach, wie man es sich damals vorgestellt hat, aber jetzt ist die Frage, wie können wir das, was früher sinnvoll in mythischer Form war, in kritischer Form wieder sinnvoll machen. Wenn Sie die Wissenschaft, wie Sie das tun, beschränken auf die Telesius-Methode, also auf die Methode seit Galilei, so ist das eine absolut legitime Methode, aber es gibt auch andere Methoden; ich rede jetzt nicht von Werten, sondern ich rede davon, wie lange brauche ich z. B. um einen Menschen in Trance zu versetzen, was kann ich durch Trance erreichen, kann ich ein schnelleres Lernen dadurch erzielen, kann ich andere Zonen aktivieren, kann ich durch Tanz etwa wieder diese Fähigkeit des Lernens erreichen, die ich als Kind gehabt habe. Da gibt es genug Versuche. Warum sollen wir nicht diesen ungeheuren Reichtum verwenden? Ich werde von Ihnen in die Rolle gedrängt als ob ich sagen würde, daß die wissenschaftliche Methode das nicht kann, aber ich muß sagen, sie kann viel, aber sie kann auch vieles wiederum nicht. Aber, daß sie das einzige Mittel ist was rational den Menschen die Freiheit läßt zu entscheiden daran zweifle ich. Das ist genauso im Buddhismus, das ist genauso bei den Afrikanern, das ist genauso bei den Japanern.
J. G.
Aber Herr Keyserling, ich glaube, da sind wir uns einig, wenn auch auf unterschiedlicher Ebene. Denn wenn Sie ein solches Theorem formulieren, daß die Wissenschaft dem Menschen nicht die Freiheit der Entscheidung zuläßt, d. h. in uns das wissenschaftliche Wissen in einer Art und Weise wirkt, daß wir in bestimmter Weise handeln müssen, dann erhöhen sich die Schwierigkeiten. Denn dann drehe ich das einmal um. Wie sieht es denn aus mit den Menschen, die fest an eine Religion glauben oder glauben mußten? Welchen Freiheitsgrad der Entscheidung hatten denn diese Menschen durch die Jahrtausende lange Evolutionsgeschichte und Kulturgeschichte betrachtet?
A. K.
Wir reden doch über Esoterik, wir reden doch nicht über religiösen Glauben. Wenn Sie über religiösen Glauben reden, dann haben Sie vollständig recht, daß es für mich eine Kulturform ist.
J. G.
Eben, das ist es.
A. K.
Aber Esoterik ist das nicht.
J. G.
Ja, was ist es dann?
A. K.
Esoterik ist Seinswissen.
J. G.
Naja, Sein-Wissen wäre vielleicht eine Kulturform unter vielen anderen.
Arnold Keyserling
Naturwissenschaft gegen Esoterik · 1989
im Gespräch mit Johann Götschl · Moderation Franz Kreuzer
© 1998- Schule des Rades
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