Schule des Rades

Arnold Keyserling

Naturwissenschaft gegen Esoterik

Gespräch Teil 7

F. K.
Eine wichtige Frage zum Schluß: Sie haben als die größte Tugend und Errungenschaft der Wissenschaft Freiheit, Toleranz, die Fundamente des Abendlandes, erwähnt. Auf der anderen Seite — und das ist vielleicht eine der Antworten, warum die Menschen Esoterik suchen und sich vor der Wissenschaft fürchten — geht es doch auch um die schrecklichen Auswirkungen der Wissenschaft. Die Angst vor der Wissenschaft, die Atombombe, die Genetik, also der Weg der Wissenschaft, vor dem sich die Menschen fürchten, das ist ja das Gegenstück. Was ist der Preis dafür, den wir für diese Wissenschaft gezahlt haben? Ist das nicht eine wichtige Frage?
J. G.
Das ist eine ganz zentrale Frage. Sie ist nur nicht beantwortbar im Sinne Ihrer klaren Fragestellung. Nämlich, was ist der Preis? Der Preis wird für mich jedenfalls etwas — aus Ihrer Perspektive — zu schnell diagnostiziert. Der lautet auch bei Ihnen sehr oft, Herr Kreuzer, die Wissenschaft ist schlecht, wir fürchten uns vor der Wissenschaft, obwohl die Bedenken berechtigt sind, aber nicht gegenüber dem Prinzip des wissenschaftlichen Denkens als solches. Denn wenn Sie das evolutionstheoretisch betrachten, im Sinne der soziokulturellen Evolution und gleichzeitig zum Beispiel Indien, China mit dem europäisch-abendländischen Denken vergleichen, dann müssen Sie natürlich auch bedenken, daß es nicht so ist, daß es in indischen und chinesischen Kulturen bis etwa zum 16./17. Jahrhundert keine Umweltprobleme gegeben hat, nur wußten es die Menschen nicht. Jetzt zeigt sich in der Rekonstruktion, daß dort, wo früher Millionen Menschen mit relativ einfacher Handwerkstechnologie lebten, genauso riesige Eingriffe, wenn auch nicht in diesem Ausmaß wie heute, gemacht worden sind. Das ist das eine. Das andere ist, daß wir jetzt in einem Durchgangsstadium sind, ich bin gar nicht optimistisch, auch nicht pessimistisch, sondern Suchender, suchtheoretisch unterwegs, wenn Sie wollen. Ich sehe es so, daß das jetzige Durchgangsstadium darin besteht, daß wir jetzt wirklich unser Sensorium geschärft haben, etwa in der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur. Aber um in der Natur zurecht zu kommen brauchen wir natürlich ein ungeheures und verläßliches Wissen, was sich in der Natur abspielt. Wir müssen den Zusammenhang zwischen der Naturdynamik und der Zivilisations­dynamik begreifen. Wir müssen — sehr wissenschaftlich gesagt — den Korrelationsfaktor begreifen, sonst haben wir keine Orientierung.
A. K.
Professor Weizenbaum behauptet, 90% der Studenten denken nicht über die menschlichen Freiheiten und über den Fortschritt nach, sondern über die schrecklichsten Waffen. Das ist die Kehrseite der Wissenschaft.
J. G.
Nein, das ist nicht wahr, das klingt so deterministisch als müßte es so sein. Wenn es so wäre, wie Sie das sagen, Herr Kreuzer, gäbe es keinen Ausweg aus dieser Geschichte und dies glaube ich, würde Herr Weizenbaum nicht sagen. Man muß vielmehr sagen, daß eine Kehrseite darin besteht, daß dieser Mißbrauch der Wissenschaft etwa der in Militärforschung bzw. Rüstungsindustrie eine Möglichkeit ist, die die Wissenschaft offeriert. Es ist eine Option, aber es ist keine Notwendigkeit und erst jetzt begreifen wir diese Dinge, daß diese Option sozusagen zu schnell wahrgenommen worden ist. Dies ist ja ein Weltprozeß, den kann man ja nicht morgen abstellen.
A. K.
Wir kommen in eine Weltgesellschaft, wo wir die verschiedenen Erkenntnisweisen oder Lebensweisen nebeneinander parallel akzeptieren müssen und wir müssen zu gemeinsamen Nennern kommen. Daß die Wissenschaft diesen gemeinsamen Nenner nicht gibt, ist klar. Denn wenn dieser Mißbrauch möglich ist, wie er es offensichtlich ist, kann man nicht sagen, wir werden alle Wissenschafter und dadurch sind die Probleme gelöst, wie das manche noch sagen. Das, was er machen könnte, wissen wir nicht. Es ist nicht so, daß die Esoterik etwas anderes ist als ein Versuch auf Prinzipien und Gesetze zu kommen, die einem Menschen zu einer größeren Entwicklung verhelfen. Wie ich schon vorher sagte, ohne die Evolutionstheorie wäre die Esoterik nie zurückgekommen. Die Esoterik steht im absoluten Gegensatz zum regierenden Glaubenssystem. Sie hat ähnliche Zielsetzungen, bloß in Indien war der Weg erfolgreich, weil dort die mystische Erfahrung akzeptiert wird. Es ist immer noch so, daß im Namen, sei es der Religion, sei es im Namen der akademischen Welt, sei es im Namen der Wissenschaft, Politik geübt wird. Und jetzt, wenn wir in dieser Notlage sind, wo wir es ja täglich erleben, ist die Frage entscheidend: wie können wir, sei es zu Institutionen, sei es zu Lehrformen kommen, die diese Dinge einbeziehen?
J. G.
Noch ein Wort zur Esoterik, falls dies der Schluß sein sollte. Ich sehe das so, daß sie eine legitime lebensweltliche Äußerungsform darstellt, wie es viele andere Äußerungsformen gibt. Ich sehe es aus der philosophisch-analytischen Dimension. Jeder Lebensentwurf muß sich bewähren, ob daraus etwas wird. Und dies ist genau das Prinzip der Wissenschaft selber. Denn alle Ideen, die wir in der Wissenschaft haben, müssen sich ja bewähren und tausende Ideen werden eliminiert, die sich eben nicht bewährt haben. Worin vielleicht unsere Gesellschaft wirklich krank ist, um auf die Griechen zurückzugehen, die wir eingangs kurz angesprochen haben, ist, daß durch die Europäisierung oder besser durch die Universalisierung, die in Europa stattgefunden hat, ein wichtiger Zug verlorengegangen ist. Und ich würde nicht sagen, verlorene Emotion ist es, die die Schwierigkeiten der Moderne erzeugt, sondern etwas anderes, nämlich, daß sich Wahrheit und Wert aufgespalten haben, während bei Platon es noch eher eine Symbiose war. Auch wenn Platon es nicht geschafft hat, Wahrheitserkenntnis und Werthaftigkeit in integraler Symbiose zu erfassen. Aber der Denkansatz von Platon war wohl richtig. Und jetzt erst, durch eine Reihe von neuen Wissenschaften wie der Kybernetik, der Systemtheorie, der Feedback-Theorie, der Kreislauftheorie, bis zur Psychosomatik, alle diese Dinge zusammengenommen, die aus der Wissenschaftsentwicklung kommen, liefern eigentlich jetzt erst die Möglichkeit dafür, Wahrheit und Wert wieder langsam zusammenzuführen. Dies scheint mir am Horizont, wenn Sie es so wollen, der Zivilisations­entwicklung, aufzutauchen.
F. K.
Das ist eine so einleuchtende Konvergenz, daß ich keinen Versuch mehr unternehme Sie aufeinander zu hetzen.
Arnold Keyserling
Naturwissenschaft gegen Esoterik · 1989
im Gespräch mit Johann Götschl · Moderation Franz Kreuzer
© 1998- Schule des Rades
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