Schule des Rades

Arnold Keyserling

Krankheit in verschiedenen Kulturen

Traumpfade

Ein wunderbares Buch, das vor kurzem erschienen ist, von dem verstorbenen Bruce Chatwin: Traumpfade. Die Aborigines von Australien sind die einzige Brücke zur Altsteinzeit, die wir im Augenblick kennen. Und die sagen, sie haben empfangen von den Tieren, denn in der Altsteinzeit hatte ja jede Menschengruppe ein Tiertotem, das heißt, identifizierte sich mit einem Tier, einem Gesang, und zwar etwa 100 km Gesang. 100 km ist, was sie gehen müssen. Das sind die Traumpfade, die ganz Australien durchziehen. Jeder gehört einem Clan. Früher sagte man, plötzlich kriegt ein Angestellter — denn die Aborigines sind sehr oft Buchhalter oder sonst irgendwas — das Verlangen und eines Tages gehen sie auf den walk about. Der walk about heißt, sie ziehen sich aus, sie gehen nackt, die Frauen mit einem Brett, das sie vor sich tragen und die Männer mit einem Stock, sie werden wie Jäger und Sammler. Und wenn sie das nicht tun, verfallen sie in Depressionen. Inzwischen hat die australische Regierung verboten, daß auf diesen Traumpfaden irgendwelche Häuser oder Straßen gebaut werden.

Bruce Chatwin nahm einen solchen eine Zeitlang mit dem Auto mit, er dachte sich, vielleicht kann ich ihm helfen dabei. Plötzlich hörte er, wie dieser mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit sang und da realisierte er, daß das Lied ja für 5 km Geschwindigkeit geschrieben worden ist. Und infolgedessen verlangsamte er das Auto, dann war wieder alles in Ordnung. Die australischen Aborigines haben ein Verhältnis zu den Toten und ein Verhältnis zu den Geistern, was eigentlich sonst kein Mensch mehr auf der Welt hat. Aber das Entscheidende bei ihnen ist: Wenn man dem Menschen seine 14 Tage läßt, dann ist er tatsächlich gesund. Wenn man es ihm dagegen verbietet, so kann er nicht mehr weiter funktionieren.

Als Lommel, der berühmte deutsche Ethnologe, das erste Mal nach Australien kam, das war im Jahre 1930, da kamen zu ihm die Ältesten und sagten, er soll etwas tun, denn die ganzen Stammesangehörigen wollen jetzt als Weiße wiedergeboren werden und er müßte doch ein großer Zauberer sein, und er müßte doch irgend etwas tun, damit das nicht passiert. Denn bis dahin war es so, daß im Stamm immer der Großvater im Enkel wiedergeboren wird.

An vielen Orten der Welt ist das so. Wir haben also einerseits ein Wesen in uns, das sich nach Heilung sehnt. Und dann haben wir ein anderes Wesen, das eben praktisch dem Alltagsleben gewachsen ist. Die Vorfahren sind in Afrika verantwortlich, wenn es uns praktisch nicht gut geht. Da muß man ein Opfer machen. Wie ist das Opfer? Wiederum Energie. Die Energie bedeutet, daß man tanzt durch Stunden oder daß man eine bestimmte geometrische Figur zeichnet.

Sehr schön kann man das erleben in Brasilien, wo eigentlich die Macumba-Religion die katholische Religion einbezogen hat. Es ist jetzt also nicht mehr so, daß es verdammt wird, sondern es ist ein absoluter Synkretismus vorhanden. Und dort gibt es auch die berühmten Spiritualisten, die von den französischen Spiritisten abstammen aber sich ebenfalls mit den Jorobus vermählt haben. Wo es Gruppen gibt, die dadurch heilen, daß sie Besessene davon abbringen, daß der Mensch weiter von dem Besitz ergreift.

Nehmen Sie an, Sie haben eine Freundin, die Sie furchtbar gern haben und Sie sagen, wenn sie gestorben ist, sind Sie so verzweifelt, daß Sie sagen: Ich gebe dir meinen Körper. Dann kann es nach brasilianischer Auffassung passieren. Und dann ist ein Ritus, der dem Toten, mit dem man sprechen kann, klarmacht, daß er sich umdrehen soll. Sie wissen vielleicht, bei den Tibetanern ist das Tibetanische Totenbuch, wo der Tote noch bei seinem Körper durch 49 Tage weilt — es gab einen Film hier im Fernsehen darüber — um dann auch nach dem Tod noch die Möglichkeit zu haben, sich innerlich zurechtzufinden. Wenn man jetzt die Medizinmänner überhaupt nicht betrachtet als jemand, der mit dem Praktischen zu tun hat, also praktische Ärzte sind sehr wenige medicine persons, so wie es in Nordamerika heißt, sind also Ärzte, sondern sie haben meistens damit zu tun, wenn ein Mensch mit diesem zweiten Subjekt nicht zurechtkommt.

Arnold Keyserling
Krankheit in verschiedenen Kulturen · 1992
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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