Schule des Rades

Arnold Keyserling

Krankheit in verschiedenen Kulturen

Heilung aus Entscheidung

Julian Jaynes, der Psychiater von Princeton, hat sich einmal überlegt, was passiert, wenn man den symmetrischen Ort zum Wernicke-Zentrum im linken Gehirn aktiviert. Zu seinem Erstaunen — er hat das in der Psychiatrie gemacht — haben alle prophetisch geschrieben. Das heißt, plötzlich fingen alle an zu schreiben und er sagte:

Isn’t it strange in the left brain the subject is called I,
but in the right brain it is called God
.

Und dann sagte er weiter, wie ist unsere Lage jetzt? Wenn der Kapitän einer Fußballmannschaft vor einem Kampf um den Sieg bittet, das ist üblich bei Fußballspielern in Amerika, dann heißt es, der Kapitän spricht zu Gott, das ist Gebet. Wenn es aber jetzt Gott einfällt zurückzuantworten, dann heißt das Schizophrenie. Das bedeutet also, wir sind nicht gewöhnt, Stimmen und Visionen, die wir Künstlern zuerkennen, als möglichen Weg der Heilung zu betrachten.

Noch ein anderes, wiederum bei den Indianern. Wenn ich eine Krankheit habe irgendwo am Körper, dann ist das ein Zeichen, daß ich etwas Bestimmtes tun sollte. Es gibt ein Körperschema im rechten Gehirn. Man hat es bezweifelt bis vor kurzem, aber inzwischen, wie Sie wissen, ist ja die Forschung so weit fortgeschritten, daß man es wirklich nachprüfen kann, daß es nicht nur diesen Homunculus gibt, sondern daß tatsächlich, Pribram hat es vor allen Dingen erwiesen, das Gedächtnis im ganzen Körper ist und daß das die Erklärung ist, wieso Massagetechniken oder Psychotherapien überhaupt wirksam sein können.

Jetzt ist natürlich eine große Frage: Wenn es sich um solche Dinge handelt, wie um Menschen, die nicht imstande sind, mit ihrer Traumwelt fertig zu werden, dann hat eigentlich die instrumentale Medizin darin keine besondere Bedeutung. Sondern man muß erkennen, wie die Phänomenologie ist, und man muß verstehen, was es bedeutet, einem Menschen helfen zu können. Denken Sie nur einmal daran in unserer Gesellschaft, die ja auch nicht ideal ist im Augenblick. Wie oft ist es, daß Menschen überhaupt keinen Ort haben, wie es früher die Kirche gewesen ist, wo sie einander treffen, ohne Absichten und Interessen zu haben. Überall gibt es, sowohl in Afrika als auch bei den Indianern the dreamlodge. Das ist ein Raum, in dem sie zusammenkommen, wo sie den anderen in seiner Ganzheit sehen. Und seltsamerweise durch die Atmosphäre dieses Raumes ist das möglich. Vielleicht haben manche von Ihnen den Film gesehen Der mit dem Wolf tanzt. Der Schamane, der dort auftrat, der Häuptling, war ein echter. Er hat extra diesen Film gemacht, um zu zeigen, was die indianische Lebensart ist.

Wir haben also einen Krankheitsbegriff bei den Chinesen, der von der Stagnation herkommt. Wir müssen es wieder ins Laufen bringen, und dann gibt es ein ganzes System. Ist dieses System wichtig? Jetzt könnte man fragen: Ist es vielleicht so, daß wir irgendein System brauchen, um mit den Menschen zu verkehren. Ist vielleicht eine Diagnose in diesem Bereich, ein Spiel, das der Arzt und der Patient bereit sind, miteinander zu spielen? Etwas können wir sagen: Solange funktioniert ein solches Glaubenssystem, wie der Glaube nicht in Frage gestellt ist. Sobald er im geringsten in Frage gestellt ist, dann natürlich funktioniert es nicht mehr.

Die Navahos haben nach 40jährigem Kampf den Ort wieder bekommen, wo ihrem Mythos nach erster Mann und erste Frau aus der Unterwelt in die Oberwelt aufgestiegen sind. Was haben sie dort gemacht. Eine Wasserskistation. Zu glauben, daß Stämme und Völker noch eine Kultur haben, wie es viele Romantiker tun, das ist eine Illusion. Wir sind hoffnungslos in der technischen Welt. Aber was heißt hoffnungslos, vielleicht hoffnungsvoll? Vielleicht ist es uns möglich, dieses Wissen hereinzunehmen.

Jean Houston, eine der Bewußtseinsforscherinnen von Amerika, wird immer eingeladen zu Siedlungen alter Leute. Sie wissen, die Pensionisten lassen sich in Miami Beach oder in Palm Springs nieder. Was macht sie mit ihnen? Sie läßt sie zunächst einmal tanzen, und zwar in einer bestimmten Weise: Hebe deinen rechten Arm, jetzt hebe deinen vorgestellten Arm. Gibt es den vorgestellten Arm? Die Schamanen sagen, wenn es ihn nicht gibt, wirst du krank. Eine der schamanischen Lehren ist: Wo du in deinem Körper nicht bist, ist jemand anders. Und wenn man dann sagt, das ist eine Krankheit, werden sie vielleicht antworten: Was heißt hier Krankheit? Ob ich jetzt sage Geist oder Krankheit, das ist gar nicht so unterschiedlich. Das ist nur dasselbe von einer anderen Seite betrachtet.

Nun, wenn wir jetzt diese ganze Vorstellung des Heilens betrachten, Heilung aus Entscheidung heraus, daß ich mich verändern will, daß ich etwas für die Zukunft machen will, dann können wir in der Psychotherapie sehr viel davon lernen. Zweitens: Heilung der Vorfahren. Ein deutscher Psychotherapeut arbeitet mit jenem Berufszweig, der vielleicht die höchste Belastung hat überhaupt, die es im Augenblick gibt, nämlich mit den Schwestern der Intensivstationen. Und der fährt mit ihnen nach Kos, Sie wissen ja, daß in Kos Hippokrates die europäische Medizin im Rahmen der Asklepios-Medizin begonnen hat. Und er macht mit ihnen die Reise des Odysseus in die Unterwelt.

Arnold Keyserling
Krankheit in verschiedenen Kulturen · 1992
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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