Schule des Rades

Arnold Keyserling

Krankheit in verschiedenen Kulturen

Die Welt des Imaginalen

Als ich Präsident der Psychologen war, hat mich einmal die Schweizer Sektion aufgefordert, ich soll intervenieren, weil der Kanton Basel alle Techniken außer Freud und Jung verbieten wollte. Darauf habe ich gesagt, ich glaube nicht an politische Intervention, aber machen wir etwas anderes, machen wir einen Kongreß in Kos über die gemeinsamen Wurzeln geistiger und körperlicher Heilung. Was geschah denn im alten Griechenland? Man legte sich in einen Tempel und hatte die Vision, daß man die Heilung erlebt. Uns sind aus Kos, aus kleinen Tafeln, sehr sehr viele, bis ins 5. Jahrhundert bekannt, wo es wirklich funktioniert hat. Sehr sehr viele, das heißt ungefähr so viele wie in Lourdes. Eines z. B., was jetzt noch erhalten ist, berichtet von einem seit 20 Jahren gelähmten Mann, der wurde in eine Grube gelegt, und dann erschien ihm im Schlaf, im Traum der Gott und sagte: Du nimmst jetzt den größten Stein, den du sehen kannst und bringst ihn in den Tempel. Der Stein war bis zum Jahr 511, bis der Tempel geschlossen wurde, noch dort zu sehen.

Vielleicht die einfachste und gleichzeitig aufregendste Form von Heilung finden wir bei den Hunas in Hawaii. Die Hunas erklären, der Mensch, der in ein bestimmtes Alter kommt, wir sagen auf amerikanisch: Who learns the culturel concensus, also ein gelernter Österreicher zu werden, was ich nach 50 Jahren, ich bin ein Estländer, natürlich geworden bin, also das ist ein Zustand, der nur einen kleinen Teil des Körpers betrifft.

Wir haben drei Personen, wir haben einerseits in Verbindung mit dem rechten Gehirn das magische Kind im Bauch und außerdem haben wir den alten Weisen, der uns Eingebungen geben kann. Wir können aber mit dem alten Weisen nicht verkehren, weil er von dem sprechenden Selbst nichts wissen will. Er will nur von dem Kind etwas wissen. Jetzt folgende Technik, wenn man jemandem helfen will: man fragt erst, man sucht einen Namen, unter dem man nie gekränkt wurde. Das ist gar nicht so leicht, als Arnold bin ich x-mal von meinen Eltern gekränkt worden, ich habe dann einen herausgefunden, wo ich nicht gekränkt wurde. Sonst hört das Kind überhaupt nicht zu, das ist so beleidigt seit 30, 40 Jahren, daß es dem ganz wurscht ist, was ich da anstelle.

Zweiter Schritt: Jetzt sagt man, wieviel Energie habe ich im Moment, und es sagt eine bestimmte Zahl. Und dann ist die Heilung wie in Ägypten folgendermaßen: Der Schamane stellt sich das kranke Organ vor, er stellt es sich vor herausgenommen, gesundet und wieder zurückgegeben. Und der Mensch war wirklich geheilt. So haben wir wirklich erstaunliche Dinge. Wir hatten im Jahre 1981, als ich anfing, die Schamanen nach Österreich einzuladen, der Schamanenkongreß war etwas später in Alpbach, in Wien einen Schamanen, einen Cheyennen, und der sprach über diese Art der Heilung und des Umentscheidens und die Möglichkeit, die es also gibt. Und jetzt rief mich am nächsten Tag das Fernsehen an, davor eine Frau, die sagte, sie war beim Arzt mit ihrem Mann und ihr Mann hat Leukämie und man hat ihr gesagt, er hat vielleicht noch einige Monate zu leben. Er hat nichts davon geahnt und war natürlich erschrocken. Jetzt passierte folgendes: Das österreichische Fernsehen rief mich an, ich bin so eine Art Lückenbüßer, wenn es Dinge gibt, die niemand behandeln will, und da sagte mir die Leitung vom Club 2: Wir haben einen Club 2, der heißt Hilfe, die Deutschen kommen. Darauf hat das Handelsministerium protestiert, eine echte österreichische Geschichte, dann kommen sie am Ende nicht. Und wir haben nur eine einzige Sendung, die wir vorziehen können, und das ist über Schamanismus, wissen Sie da jemanden? Ja, ich habe da jemanden gerade da. Also kam der in den Club 2 und diese Frau sah ihn dort und hatte Vertrauen und fragte, ob er eine Heilungszeremonie machen könnte. Und das war nun wahnsinnig aufregend.

Ich lebe im Sommer in Tirol, in einem ehemaligen Schloß, das zerbombt wurde, und jetzt war gerade wieder ein Stück von dem Schloß heruntergefallen bei einem Unwetter und wir mußten erst zelten und das gab dem ganzen einen etwas romantischen Anstrich. Und jetzt begann die Heilungszeremonie. Die Schwitzhütte, für die Indianer ist alle Krankheit nur zu heilen durch die Schwitzhütte. Die Schwitzhütte ist der Uterus der Erde, und zwar bringt man in 4 Akten 44 Steine herein. Und jetzt, was passiert, die sind also heiß. Und jetzt kommen 4 Gebete. Zuerst muß jeder das Jenseits bitten ohne Spezifizierung, was er möchte. Also nicht mehr nervös sein oder was weiß ich. Dann kommt das zweite Viertel, es wird aufgemacht die Schwitzhütte. Sie müssen bedenken, eine Sauna mit Daueraufguß. Es ist so heiß, daß jeder religiös wird, das garantiere ich Ihnen. Und vor allen Dingen, wenn sie Leute mit großer Familie haben, denn im zweiten Akt heißt es: für alle meine Verwandten, und wenn dann der Onkel Julius und die Tante Hilda und der Dackel kommt und jeder denkt, wann geht endlich wieder das auf? Und jetzt kommt der entscheidende dritte Akt: I give away my illness. Ich habe vor kurzem, weil ich schon 60 geworden war, innerlich plötzlich eine Altersdiabetes bekommen und ich habe festgestellt, daß ich das garnicht so leicht sagen kann, ich gebe sie weg. Das heißt einfach dieses Aussprechen, man gewöhnt sich doch so an die Krankheit.

Sie können sich auch in einem Haushalt vorstellen, der Onkel Julius ist krank, und das ganze Haus dreht sich darum, was machen wir, wenn der Kerl gesund ist? Dann ist ja überhaupt kein Sinn mehr im Leben. So sagte mein Lehrer Gurdjieff z. B.:

Unglückliche Ehen bleiben immer zusammen. Weil die Leute die Intensität des Streitens nicht missen wollen. Und so wollen viele Leute auch ihre Krankheiten nicht missen.

Für die Indianer ist Krankheit ganz einfach, daß ich etwas nicht getan habe. Und dann kommt das dritte Stadium, the give away, und jeder gibt seine Krankheit weg, was er immer für seine Krankheit hält, und dann kommt die Anrufung. Und in den ältesten Religionen der Erde ist das die Heiligkeit des Raumes, die Steinkreise. Jeder Ort z. B. hier in Österreich, der auf -stein endet, war wahrscheinlich einmal ein heiliger megalithischer Steinkreis.

  • Im Osten geht der Himmel auf, also kann ich nur Hoffnung haben, wenn ich mich in den Osten setze.
  • Im Westen geht der Himmel unter, aber die Erde geht auf.
  • Im Süden ist es klar, strahlt die Sonne, dort bin ich mit den Pflanzen in Beziehung.
  • Im Norden ist die Weisheit der Tiere. Tiere sind unsere älteren Brüder.

Einer unserer schamanischen Lehrer war also seinem Namen nach ein Wolf. Und als 12jähriger wurde er in den Wald geschickt und sollte die Wölfe beobachten, und zwar einen einsamen Wolf. Sie wissen, daß es immer einen Wolf gibt, der sich abtrennt von allen und so eine Art Kundschafter ist. Und einen Monat hatte er es fertiggebracht und er folgte ihm die ganze Zeit und dann verlor er ihn und schlief ein. Und er wachte auf, als der Wolf ihm sein Gesicht leckte. Er hieß fortan Wolf. Das heißt also, Tiere sind in der Naturordnung. Wir sind — sagen die Indianer — in einer fiktiven Ordnung.

Alle Indianer haben eine Handsprache, d. h. sie reden wie die Taubstummen mit den Händen. Oben sagen sie höflich: Freut mich außerordentlich, Sie zu sehen. Unten sagen sie: Du blödes Rindvieh, was kommst du mich belästigen? Und so muß man also immer diese beiden Ebenen haben. Ich habe mich ja ein bißchen unterrichten lassen in der Sprache. Also Mensch heißt das (waagrechte Handfläche über den Augen gehalten), das bedeutet Visionär. Und Weißer heißt das (Handfläche vor Augen gehalten), Brett vor dem Kopf. Das heißt, jemand der nicht imstande ist, mit der Natur zu leben und mit der Natur innerlich einverstanden zu sein.

Wenn Sie einmal Monate mit solchen Leuten zusammen sind, wo es heißt the stone people, the two legged people, the four legged people, the standing people, das sind die Bäume, für die alle muß ich leben. Und sowohl Afrikaner wie auch Indianer sind der Überzeugung, daß das notwendig ist. Wieder zurück zu Jaynes. Ist das wirklich ein halluzinogenes Zentrum?

Der Islam sagt nein. Die Welt des Imaginalen im Unterschied zur Imagination führt dorthin. So müssen wir uns folgendes sagen: Der Paradigmenwechsel hat auch die Religionsphilosophie ergriffen. Und zwar auch wie die ganzen Heilswege, die jetzt überall entstehen aus demokratischem Grunde. Ich erinnere mich, im Jahre 1948 war ich zufällig dabei, bei der Umfrage des ORF in der Straße, da fragte er: Was ist Ihre Auffassung über Gott und den Tod? Da war die Antwort: Ich bin Katholik. Und nichts weiter. Und jetzt war dieselbe Umfrage vor zwei Jahren auf der Straße, und jeder hatte seine ganz genauen Vorstellungen.

Arnold Keyserling
Krankheit in verschiedenen Kulturen · 1992
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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