Schule des Rades

Arnold Keyserling

Die neue Schule der Weisheit

Voraussetzung

Das menschliche Bewußtsein hat viele Möglichkeiten der Identifikation. Während bei den Tieren Selbsterhaltung und Arterhaltung vorsprachlich harmonisch im Rahmen des ökologischen Gleichgewichtes zusammenwirken, hat sich beim Menschen dieser Zusammenhang teilweise gelöst, oder sogar in ein disharmonisches Spannungsverhältnis verwandelt. Es besteht daher die Gefahr einer falschen Identität, eines falschen Ichbildes.

Die wahre Identität ist die Fähigkeit der Ichfindung und der daraus hervorgehenden Ichschaffung — des passiven und aktiven Identifizierens. Das Bewußtsein ist immer an eine Vorstellung gebunden und in diesem Sinn statisch. Doch über die Kreativität haben wir den Zugang und damit die Möglichkeit der Identitätsschaffung. Das bezeichnen wir als Gewahrsein, als Entwurf und Verwirklichung des ganzheitlichen Lebens.

Das Gewahrsein hat viele Aspekte, aber alle finden sich in der Systemik des Rades.

Wissenschaft führt zu Wissen, Gewahrsein zu Weisheit. Wissenschaft ist lehrbar — man erweitert das Werkzeug- und Inhaltsrepertoire seiner Strategien. Weisheit ist nicht lehrbar, sondern machbar. Ihre Ebene liegt über allen möglichen Ichs, und ihr Schwerpunkt im Leben selbst.

Ganzheitliches Denken ist eigentlich ein Widerspruch in sich: Wissenschaftliches und logisches Denken kommen durch Analyse und Synthese zu einem Urteil, das wahr oder falsch sein kann. Der Weg geht vom Irrtum zur Erkenntnis, von der Hypothese zur Verifizierung. Aber die so gewonnene Erklärung gibt noch keinen Aufschluß über den Sinn. Denkerisch ist der Sinn nur über die Gleichung, also mit Null als Gleichgewichtszeiger zwischen Synthese und Analyse zu finden.

Die Wahrheit des Wissens ist Unabhängig vom Menschen, man arbeitet an ihrer Ermittlung und bereichert mit neuen Erkenntnissen den bisherigen Wissensschatz. Ganzheitliches Leben, also die Bereitschaft, zum Wissen auch den Sinn zu integrieren, ist nur dem Wollen zugänglich und führt zur Weisheit — der Mensch in all seinen Aspekten ist integrierender Teil des Alls.

Im Gewahrsein lebt der Mensch aus dieser Teilhabe — griechisch Methexis, indianisch der Strom der Visionen des Ostens. Die Ganzheit kann nicht erdacht, sondern nur gewollt werden. Dieses Wollen, von der nullhaft leeren — also für alle Möglichkeiten bereiten — Kraft der Aufmerksamkeit getragen, hat neun mögliche Ansätze.

  1. Das Chaos als Ursprung aller kreativen Verwirklichung ist der Ansatz des Gewahrseins und damit die Voraussetzung aller Weisheit. Es wird erzeugt über die Zweiheit von Yang und Yin, mathematisch die Attraktoren der regelmäßigem kreisförmigen Schwingung und dem rechten Winkel mit den bestehenden Raumpunkten, aus denen zwischen Masse und Energie Informationen entstehen — bleibende Strukturen, die wir als Texte bezeichnen. Wenn der Einzelne die Stufe der Identifikation mit ihren Inhalten überwindet, kann auch er solche Texte erschaffen.
  2. Die Einheit ist die Fähigkeit der Integration als Weg zur Ganzheit, als Durchdringung des Weltfeldes, als Schritt von Null bzw. vom Unendlichen zu Eins, als superlativisches Erstes und als kleinster Teil alles Bestehenden.
  3. Die Zweiheit ist die Wahrheit von Tag und Nacht, Erfahrung und Erleben, Wirklichkeit und Möglichkeit, Aktualität und Potentialität, Wachen und Traum und schließlich Ich und Selbst: Ich als Einheit des raumzeitlichen Ablaufes des Lebenskreises zwischen Geburt und Tod, und Selbst als Wesenskern, der durch alle Inkarnationen erhalten bleibt. Die Weisheit der Zwei ist die Bildung des Wesens, das von der Eigenmächtigkeit der Planeten in die Organisationsfähigkeit der Sonne erweckt werden soll.
  4. Die Dreiheit des Wortes, semiotisch in der Begrifflichkeit von Peirce, ist semantisch, syntaktisch und pragmatisch. Semantisch als einzelne, erinnerbare und werkzeughafte Bedeutung, syntaktisch als Fähigkeit der Verbindung mit anderen kulturellen Einheiten, wobei die Texte weit über die sprachliche Kommunikation hinausreichen: ein militärischer Dienstgrad ist Teil des syntaktischen Zusammenhangs des Heeres. Schließlich Pragmatisch als persönlicher Weg zum Sinn, als existentielle Meinung; ein pragmatisches Wort oder ein Weltinhalt wird zum Teil des Wesens. Der sprachliche Sinn als Träger aller Bedeutungen hat sein Gesetz im Enneagramm als der Urgrammatik.
  5. Die Vierheit der Bedürfnisse und ihrer Befriedigung ist im Bilde des Mondes zu begreifen:
    Wunsch (Neumond), Wegsuche der Erfüllung (zunehmend), Aktion der Befriedigung (Vollmond), Vergessen und Hingabe (abnehmend), wodurch eine Kommunikation des Fühlens entsteht im Sinnbild des gemeinsamen Verzehrs — im Teilen von Brot und Wein als ursprüngliche Kommunion. Wie auch in der Sprache bildet hier die Neunfältigkeit möglicher Motive den Raster.
  6. Die Erkenntnis des hermetischen Zusammenhangs zwischen Mensch und Natur in der Fünfheit zeigt die Dimensionen, die Alchemie und Alphysik, die Kosmogonie und Bemächtigung der Bewußtseinsschichten des Wachens, der Reflexion, des Traumes und des Schlafes und ihrer Weltbereiche durch das Gewahrsein.
  7. Die Sechsheit bringt die Erkenntnis der sechsfältigen Komponenten des Buchs der Wandlungen. Alle zwischenmenschlichen Situationen können durch Verstehen und Annehmen des Orakels auf die Ebene der Entscheidbarkeit und Freiheit erhoben werden.
  8. Die Siebenheit ist die Magie der Chakras als Fähigkeit, Urkraft und Urlicht durch Verbindung der Bewußtseinsschichten und der entsprechenden physiologischen Vorgänge zu vereinen und kraftvoll aus dem Wesen im Einklang mit der großen Harmonie zu leben, wie es der Tao Te King des Lao Tse und der Yoga zeigen.
  9. Der achtfältige Grund ermöglicht das Gewahrsein der Beziehung des Menschen zu den Mächten von Natur und Transzendenz, die Überwindung des Aberglaubens und das Bestimmen des eigenen Weges in der Großen Gemeinsamkeit.
  10. Die Astrologie zeigt die Anlage als Weg das Horoskop als Raster zum Erreichen immer größerer Fülle des Lebens, bis schließlich alle neun Wesenskräfte zum Ausdruck der Sonne und des Lichts geworden sind.
Arnold Keyserling
Die neue Schule der Weisheit · 1991
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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