Schule des Rades

Arnold Keyserling

Metaphysische Grundlagen des Delphischen Orakels

Die griechische Welt

Die griechische Erziehung entfaltete sich zwischen zwei Polen: die sportliche, handwerkliche und kriegerische Ausbildung und das Erlernen der Mythen, die ähnlich wie bei den Indianern von den Großmüttern vermittelt wurden. Die Griechen ebenso wie die Germanen hatten keine transzendente Religion; diese trat erst später durch die Rezeption des Christentums hinzu. Jede griechische Stadt und Kolonie war um drei geheiligte Orte angelegt: das Stadion für den Körper, der Tempel für den Geist und das Theater für die Seele.

Im Stadion wurde der Körper zur Vollendung gebracht und der einzelne für die olympischen Spiele vorbereitet, deren vierjährige Abhaltung die Grundlage der griechischen Zeitrechnung, also der Geschichte bildete. Durch die Besinnung auf neidlose Anerkennung besserer körperlicher Leistung wurde die Aggression kanalisiert. Während der Spiele durften keine Kriege geführt werden; ein Verstoß gegen diese Sitte wurde von den griechischen Stämmen gemeinsam geahndet; während der Spiele herrschte Frieden.

Im Theater wurden seelische Konflikte bis zu ihrer Vollendung dargestellt. Die Mythen veranschaulichten das Zusammenspiel von Menschen und Göttern. Das Theater wurde Vorbild eines intensiven Lebens im Gegensatz zum banausischen Alltagsgedränge.

Wie Kerényi kündet: Der antike Grieche trat vor einer intendierten Handlung einen Schritt zurück, um ein Paradigma für sein Verhalten zu finden. Dies brachten die großen Mythen: Ödipus, Kadmos von Theben, der Trojanische Krieg, die Atriden, Herakles, Jason, Theseus und die olympischen Götter. Sie erhoben das banale Dasein auf eine geistige Ebene. Die Götter hatten nichts mit einer transzendenten Gottheit zu tun; sie sind Traumgestalten oder Zeitarchetypen, an die man sich für seine Handlungen anjochen kann. Hat ein Theaterstück nicht beim ersten Mal Erfolg, verschwand es auf immer. War es vom Publikum akzeptiert, dann wurde es Teil des Kulturerbes.

Der Tempel war keine Kirche, sondern der Ort, wo der einzelne im Traum Antwort auf existentielle Fragen erhielt: in Eleusis durch die Mysterien, in den Asklepieien für seine Heilung und in den Apolloheiligtümern in Delos und Delphi für seinen Sinn und seine Aufgabe in der Gemeinschaft. Während in Delos auch persönliche Probleme beantwortet wurden, beschränkte sich Delphi auf kollektive und geistige Anliegen wie etwa eine Befreiung vom Wahnsinn. Die Pythien, also Frauen in Trance, gaben Sprüche, deren Deutung ein Lebensziel oder einen Sinn offenbarte. Der berühmteste Spruch war jener über Sokrates: Sokrates, der weiß, daß er nichts weiß, ist der weiseste aller Griechen. In der Befolgung dieses Spruches nahm Sokrates den Tod auf sich. Er wies nach, daß keine wirkliche Inspiration aus menschlicher Anstrengung kommt, sondern immer von den Göttern. Wer glaubt, daß er Menschen durch Wissen führen könnte, geht irre, wie die platonischen Dialoge zeigen.

Arnold Keyserling
Metaphysische Grundlagen des Delphischen Orakels · 1995
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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