Schule des Rades

Arnold Keyserling

Metapolitik

Weisheitstradition

Wenn wir die heutige politische Situation betrachten, so gibt es Katastrophen, negative Erwartungen, Szenarien des unausweichlichen Weltuntergangs, ob diese nun die Atomzerstörung wie bis zum Ende des kalten Krieges war, oder jetzt die unausweichliche ökologische Vernichtung, der Treibhauseffekt, das Ozonloch, die Zerstörung der Regenwälder, die Versteppung von früherem Kulturland und der wachsende Gegensatz zwischen Armen und Reichen. Hierzu kommt der Nationalismus mit seinen Kriegen, der Fundamentalismus, die öffentliche Korruption und die Mafia in all ihren Aspekten.

Gleichzeitig wären Mittel und Methoden vorhanden, um allen Menschen ein friedliches Auskommen zu verschaffen und jedem zu ermöglichen, seinen eigenen Weg zu finden und die Selbstaktualisierung anzugehen.

Die Technologie ist nichts Unnatürliches, sie allein könnte die Menschen aus aller Fron befreien. So ist das Problem kein wissenschaftliches oder wirtschaftliches, sondern ein politisches. Die demokratischen Ideale der Selbstbestimmung, der Menschenrechte, der Meinungsfreiheit und der multikulturellen Vielfalt sind oft nur Lippenbekenntnisse ohne Wirkung.

Der heutige Mensch, in den Worten von Jean Houston, ist the possible human. Damit er wirklich Mensch werde, bedarf es einer Wandlung seines Bewußtseins, nämlich daß die Frage nach dem Sinn in den politischen Vordergrund rückt. Um dies zu erreichen, müssen wir einen Schritt über die heute gebräuchliche Politik hinausgehen: in der globalen Gesellschaft kann nur die Metapolitik den positiven Sinn des Daseins wieder freilegen.

Politik orientiert sich am Mangel, Metapolitik am Sinn einer möglichen Intention, die die Menschen begeistern könnte. Hierzu muß man sich aller negativen Prognosen und Kritiken auf einer zu schaffenden Gesellschaftsebene enthalten und sich auf die Tatsache konzentrieren, daß jeder einmal stirbt und nur ein Leben sinnvoll sein kann, welches den Traum und das Jenseits einbezieht.

In der Evolution erzeugt die Menschheit seit der technischen Revolution die Noosphäre im Sinn von Teilhard de Chardin. Ihr Ziel ist die Menschwerdung. Der Punkt Omega ist nicht eine Frage des Glaubens und Fürwahrhaltens, sondern eine des Wollens und der Entscheidung.

Es ist richtig, daß die Tagespolitik von echten Mängeln ausgehen muß, denn utopische Vorstellungen führen in Größenwahn und Zerstörung, wie das vermeintliche Paradies der Sowjetunion gezeigt hat. Der einzelne muß seine Motive kennen, um ein sinnvolles Leben zu beginnen. Der kollektive Sinn aber verlangt eine höhere Ebene der Bewußtheit, das Gewahrsein, das jedem zugänglich werden kann. Man muß zwischen den beiden Polen des Überlebens und dem Dienst an der Menschheit alternieren und den zweiten Pol aktivieren. Das kann kein charismatischer Führer und keine erwartete neue göttliche Inkarnation, sondern nur eine freie Gesellschaft von Freunden.

LinksGroßhirnRechts
Schlaf – Aufmerksamkeit
Zahl – Kraft
Wachen
Sinne
R A D K R E U ZTraum
Triebe
Reflexion
Worte

Machen wir ernst mit der Noosphäre; die Menschheit ist das Gehirn der Erde. Im einzelnen Menschen wechselt der Schwerpunkt zwischen vier Zuständen: dem Wachen, der Reflexion, dem Traum und dem Tiefschlaf. Jeder dieser Bewußtseinszustände schließt den gegenüberliegenden aus. Bin ich wach, dann träume ich nicht, reflektiere ich und werde von den Assoziationen mitgerissen, bin ich nicht in der inhaltslosen Ruhe des Schlafes. Doch dieser Übergang ist den Traditionen Asiens zugänglich als Schwelle zum Tod, es ist die Aufmerksamkeit, die ebenso entwickelt werden kann wie die anderen Schichten des Bewußtseins. Die Schichten sind durch unterschiedliche Gehirnströme gekennzeichnet.

Die Richtungen des Gehirns sind umgekehrt zu denen des Körpers. Die rechte Hemisphäre lenkt die linke Körperseite, die linke die rechte, der vordere sagittale Motorcortex den Rücken, und der Sinnescortex die Vorderseite. Diese Umkehrung betrifft nun auch die Erde als Noosphäre. Übersetzen wir die Bewußtseinsschichten in Funktionen: Wachen wird zum Empfinden der Sinne, Träumen zum Fühlen der Triebe, die Reflexion und Assoziations­ebene wird zum Denken der Sprache, und die Leere der Aufmerksamkeit, das Erfassen des Nichts im Schlaf wird zur Kraft des Wollens. Diese vier äußern sich in der heute bereits vollzogenen Gliederung der Erde:

Ö k o s p h ä r e

  • Im Westen, in Entsprechung zur linken Hemisphäre, sind die Vereinigten Staaten. Den Schwerpunkt bilden die kapitalistischen Länder mit der Weltwirtschaft im wachen Empfinden.
  • Im Osten, in Entsprechung zur rechten Hemisphäre, sind die sozialistischen Länder im Träumen und Fühlen.
  • Im Norden, in Entsprechung zur hinteren sagittalen Hemisphäre, sind die Industrieländer mit der Reflexion und dem Denken,
  • und im Süden, in Entsprechung zur vorderen Hemisphäre des Schlafes und des Wollens, sind die Entwicklungsländer, deren Schwerpunkt die Religion und die Zahl bilden.

In jeder Kulturmonade wiederholt sich die Ordnung, in den vier Parteien, die das politische Leben der demokratischen Welt prägen: im Westen die Konservativen und Kirchen, im Osten die Sozialisten und politischen Hierarchien der Nomenklatura, im Norden die Liberalen und Technokraten und im Süden die Traditionalisten und Grünen.

Da die Kapitalisten Amerikas den Pol des Wachens besetzen, erreichten sie mit der Ökonomie die Macht, gemildert durch die soziale Marktwirtschaft, in der die Sozialisten die untergeordnete Rolle spielen, weil vom Westen der Wohlstand abhängt, der die Voraussetzung eines besseren Lebens ist. Die Revolution der Kommunikation mittels der Computer, die die monolithischen Konzerne durch die Vernetzung ablösen, bildet die praktische Grundlage des Wohlstands, sobald die Demokratie Wirklichkeit wird. Doch der Einklang mit der Erde, die Ökologie, ist das Anliegen der Grünen in all ihren Schattierungen.

Die Völker der vierten Welt wurden in den letzten fünf Jahrhunderten von der abendländischen Zivilisation in beispielloser Grausamkeit und gutem Gewissen erniedrigt und ausgebeutet. Aber sie selbst haben sich auch den anderen drei Richtungen unterworfen, sie werden immer ärmer und verlieren ihre Lebensqualität, da niemand mehr ohne technische Hilfsmittel, rationale Sprache und Bildung existieren will. Wie die UNESCO sagte, hat die Revolution der Erwartung durch die Television, die den westlichen Wohlstand zeigt, die mögliche Entwicklung überholt.

Auf der Ebene des rationalen Bewußtseins kann es keine Verständigung geben, ebenso wie im Tageslauf einzelner Menschen die Schwerpunkte zwischen wacher Arbeit, gesellschaftlicher Kommunikation und Wachtraum und echtem Traum wechseln. Nur der Schlaf und die Aufmerksamkeit ermöglichen im Erreichen der inneren Leere eine Befreiung, wie sie die Weisheitstraditionen der ganzen Erde gleichsinnig gelehrt haben: der Aufstieg vom Bewußtsein zum Gewahrsein, zur Erleuchtung oder Enstase.

In der bisherigen Geschichte war das Gewahrsein nur den wenigen Menschen zugänglich, die sich einer geistigen Disziplin unterwarfen, wie den Yogis, den Sufis, den Schamanen und den Mystikern. Die anderen lebten in feudaler Abhängigkeit von Macht und Besitz, nur wenige konnten ein eigenes Werk gestalten. Heute ist diese Ordnung, die sich als menschliche Projektion der beiden Aspekte des tierischen Verhaltens erkennen läßt, des Territorialinstinkts und des hierarchischen Instinkts, nicht mehr ausschlaggebend; weder Bekenntnis noch Patriotismus erzeugen absolute Loyalität.

Selbstbestimmung, Vernetzung, Kommunikation, Menschenrechte und Meinungsfreiheit sind für die heranwachsende Generation keine utopische Ideale, sondern selbstverständliche Grundlage, auf die sich jeder demokratische Politiker einstellen muß, um gewählt zu werden. Daher müssen wir nun im Positiven wie im Negativen untersuchen, wie sich das globale Denken schon in den vier bisher oppositionellen Mächten herauskristallisiert hat.

Das Gewahrsein geht von der Ganzheit aus, das Bewußtsein von der Anpassung. In vergangenen Zeiten war für die meisten Erdbewohner das Überleben ein fernes Ideal; heute ist es virtuell erreichbar.

Die tierischen Kriterien gelten nur für geschlossene Gemeinschaften, für die die Ideologie des darwinistischen Kampfes ums Dasein stimmt. Gewahrsein war immer ganzheitlich. Aber die drei Weltanschauungen von Norden, Westen und Osten erkennen einen eigenen persönlichen Lebenssinn auf Grund ihrer Paradigmen nicht an: der Norden sucht den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, er ist agnostisch und reduktionistisch. Der Westen hat Produktionswachstum und Konsum als Weg und der Osten Solidarität auch gegenüber den nicht tüchtigen, die gleichsam mütterliche Rolle des Staates, mit dem Ideal der Vollbeschäftigung, wodurch die überall steigende Arbeitslosigkeit zum größten Problem des wirtschaftlichen Fortschritts wird.

Betrachten wir die Richtungen aus philosophischer Sicht nach ihren Axiomen. Die nördliche Einstellung beruht auf der wissenschaftlichen Methode, wiederholbares Experiment, geprüft an Mathematik, Logik und heuristischer Theorienbildung in Ablehnung aller Metaphysik. Der Generalnenner ist Mathematik und Semiotik für die Schulpläne und Verfassungen aller Länder, mit Ausnahme der fundamentalistischen Richtungen.

Die Basis jeglicher öffentlicher Existenz wird der Computer, der schon heute von den heranwachsenden Generationen aller Völker selbstverständlich und spielerisch erlernt wird. Das Ideal sind die vermeintlich objektiven Naturgesetze, die das Subjekt ersetzt haben. Kaum ein Naturwissenschaftler der Weltelite glaubt an eine mögliche existentielle Bestimmung von Gott und Individuum, oder an eine nachtodliche Existenz, für die meisten ist das Leben zufällig und sinnlos. Heute muß jeder Heranwachsende die wissenschaftlich-technische Welt schulisch erlernen, um überhaupt eine freie Lebensmöglichkeit zu haben. Die Diplome sind übernational, wissenschaftliche Kongresse finden auf der ganzen Erde statt, zur gemeinsamen Sprache wird immer mehr Englisch, ebenso in der Wirtschaft.

Wissenschaft ist wertfrei, doch hat sie einen strengen Ethos innerhalb ihrer Gemeinde, daß nämlich neidlos jede bessere Theorie von allen anerkannt werden muß, im Gegensatz zu den fundamentalistischen religiösen Bekenntnissen, die eine unumstößliche Wahrheit zu besitzen glauben.

Die Haltung der akademischen Welt ist aber nicht notwendig agnostisch, wie die Ansätze einer neuen Physik in Amerika zeigen, sobald die Frage nach dem Sinn für das Subjekt gestellt wird. Doch die postulierte Sinnlosigkeit des heutigen Menschen verstellt für viele die Sinnsuche.

Die Wissenschaft steht in enger Beziehung zur Wirtschaft, in der der amerikanische Kapitalismus mit den multinationalen Korporationen den Grundnenner zeigt. Positiv ist an dieser Einstellung der Mangel an Selbstmitleid, daß jeder es sich selbst zuschreibt, wenn er scheitert. An Stelle eines erkennbaren Sinnes treten nun in den westlich inspirierten Ländern die Kirchen. Sie erheben ein Weltgedicht anstelle der Mathematik zum Kriterium und postulieren damit eine Zweiheit wie bei den Christen und Moslems den Gegensatz von Gott und Teufel mit der Notwendigkeit des Kampfes gegen das Böse der Andersgläubigen.

Die Zerstörung der Welt durch Technologie, ohne Rücksicht auf die Natur, die negative Rolle der multinationalen Korporationen ist offensichtlich. Nach dem Ende des brutalen russischen Kommunismus kehrt aber die solidarische Einstellung zurück, daß jeder Mensch ein Recht darauf hat, daß ihm der Staat ein Mindesteinkommen garantiert. Aber die sozialistische Ideologie geht von der Bosheit der Reichen aus, mit der Enantiodromie, daß die Gewerkschafts- und Parteifunktionäre sich ebenso bereichern wie früher Fürsten und Aristokraten oder Großbürger.

Selbstverständlich ist der Staat auf Wohlfahrt gerichtet. Großmachtsehnsüchte sind nicht mehr aktuell. Die Erde ist ein Ganzes geworden. Diese Grundannahme der Ökologie ist die südliche Richtung. Aber viele der befreiten Länder sind national ideologisch und glauben, daß nur ihre kleine Weltsicht das Alleheilmittel ist, fallen also noch mehr in die Vergangenheit zurück wie die Wirtschaftler, Wissenschaftler, Technokraten und linken Revolutionäre.

Hier hat die grüne Bewegung einen zukunftsträchtigen Ansatz gefunden, im Kampf für die Erde und die multikulturelle Vielfalt. Aber viele Pioniere, vor allem in den Anfangsjahren, vergaßen den Ursprung aller religiösen Traditionen. Er liegt in der vorsprachlichen Initiation. Nur jener, der den Vorhang zur Todeswelt zerrissen hat, kann ein ganzheitlicher Lehrer der anderen werden. Die Stammesinitiation ist nicht ein Bekenntnis, sondern eine magische Erfahrung, ein Aufstieg in der Verantwortung für die Gesellschaft, ohne den die besten Absichten letztlich in der Wirrnis enden.

Arnold Keyserling
Metapolitik · 1995
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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