Schule des Rades

Arnold Keyserling

Metapolitik

Bhava Chakra

Betrachten wir nun das Wissen über die nachtodliche Existenz im Raster des Bhava Chakra und der astronomischen Entsprechung. Der Geist ist zeitlich, die Erde räumlich zu verstehen und ihre Vereinigung menschlich, die Grundlage der Weisheit des Gewahrseins.

B h a v a c h a k r a

Luzifer wurde 1973 von Brady errechnet, ist ein schwarzes Loch, nur als Schwerkraftzentrum zu bestimmen. Im indianischen Mythos ist er die ehemalige Zwillingssonne, die in ihrem Tod das Planetensystem gebar.

Vom Leben her gesehen sind die Planeten die Stufen, die zeitliche Himmelsleiter, sie reichen von der Erdmitte bis zum Polarstern, die Zeitrhythmen vom Mond bis zum Luzifer. Vom Raum her geht der Weg zurück. Wir betrachten nun die buddhistische Ordnung in Zusammenschau mit anderen Initiationen, vor allem der von Malidoma Somé gebrachten Schilderung der Dagara-Einweihung und der australischen Traumzeit.

Nach der Auffassung der Afrikaner, Indianer, Australier und der Tibeter ist alles Leiden auf der Erde eine Wirkung des Bhava Chakra. Es ist nicht therapeutisch zu integrieren, sondern nur rituell in der Metapolitik.

Der Beginn jeder Initiation ist das Erleben der Todesschwelle. Im Sterben verliert der Mensch seine Zeitlichkeit, plötzlich ist er nur Energie, sein Körper wird für einen Augenblick sonnenhaft; die Begegnung mit dem weißen Licht. Aber das Wesen ist noch nicht imstande, aus dem Licht zu wirken, bis es alle Fähigkeiten und Möglichkeiten seiner Geschichte integriert hat. Scheinbar werden alle Inhalte des Bewußtseins in Form einer Rekapitulation einbezogen, die am Gewahrsein vorbeizieht. Physikalisch gesprochen taucht die Zeitmonade in das schwarze Loch ein, alle Bewußtseinsinhalte bleiben aussen im Ereignishorizont. Das Licht wird zum Feuer; nur der Kraftaspekt des Selbstes, also die Wärme, kann das schwarze Loch wieder verlassen. Bei der von Malidoma beschriebenen Initiation springt der Adept durch ein Loch in einem Büffelfell, und kommt brennend wieder heraus, oder versinkt darin.

Er muß, wie auch Don Juan bei Carlos Castaneda es schilderte, Lichtfäden ergreifen, um nicht in den Abgrund heruntergezogen zu werden. Denn nun wird er im Geist geboren, der im Augenblick des Todes im Gegensatz zum Körper ganz jung ist.

Nun hat jede Kulturmonade eine bestimmte Tradition als Traum, die den Stamm ausmacht. Die große Illusion der abendländischen und islamisch-orthodoxen Welt war zu glauben, daß irgend ein Bekenntnis die absolute Wahrheit enthalte. Aber Menschen leben in ihrem möglichen endgültigen Aufstieg zum Licht, zum Paradies in einer bestimmten Tradition, die zwar ihren Ursprung in einer himmlischen Konstellation hat, aber nur soweit wirkt, wie sie von Menschen getragen wird, die an den Ahnen anknüpfen. Solange die Welt räumlich organisiert war, in Reichen, Völkern, Städten, Stämmen und Klans, war dieser Traum verpflichtend, und lieber starb einer, als daß er seinen Glauben und seine kollektive Identität aufgab.

In der Wassermannzeit des globalen Denkens wird jede Tradition relativiert, und der einzelne, der immer in gleicher Entfernung zur Erdmitte ist, hat als Partner die Menschheit, ja das ganze Leben, den Menschen im All, dessen Urbild der Tierkreis ist.

Die Sprache des befreiten Menschen ist die Zahl, die nur Sinn und keine Bedeutung hat, und damit das Rad. Dadurch wird der Schleier vom Jenseits durchlässig und wir können alle Stufen der Initiation bis zurück zur Erdmitte sowohl geistig als auch körperlich bestimmen, wenn wir unsere Seele als Brücke und Gefäß der Liebe annehmen.

Stößt der Adept nicht im Tod als Heiliger durch das schwarze Loch zum weißen Licht, dann erscheint wieder die Selbstsucht, die der Buddhismus durch die drei Tiere in der Nabe des Bhava Chakra beschreibt: Schlange, Hahn und Schwein, Haß, Wahn und Gier. Diese drei sind dem Wesen leidvoll bewußt, aber die Erdgöttin verlangt die totale Lösung von all jenen Erfahrungen und Eigenschaften, die nicht mit dem Wesen energetisch verschmolzen sind.

Nicht die menschliche Familie, sondern die geistige erwartet nun den Initiierten im Jenseits, begrüßt ihn nach seinem Auftauchen aus dem schwarzen Loch als neu geboren. Der Geist ist im Tode einfach und jung, und das Selbst muß seine Heimat auf der Erde wiederfinden, indem es die Himmelsleiter im Chi heruntergeht, und in jeder Schicht alles Unwesentliche ablegt, was für den persönlichen Stolz dem Fegefeuer gleicht.

Seelisch und physisch ist das All eine Ganzheit. Die Kommunion muß alle Wesen über Pflanze, Feuer, Stein und Tier umfassen, erst dann wird die Liebe zu allen Wesen, die Karuna des Buddha, zum Kennzeichen des befreienden Bodhisattva, dessen einziges Ziel das Erwecken jedes Wesens ist, also nicht mehr an die geprägte kulturelle Tradition gekettet bleibt.

Dem aus Luzifer heraustretenden Selbst sind sechs Welten zur Reinkarnation offen: die göttliche, die heldische, die tierische, die der hungrigen Geister, die höllische voll von eingebildeten Qualen und die menschliche der irdischen Wiedergeburt. Keine dieser Welten ist das Paradies im Sinne der prophetischen Religionen, sondern diese Geister dienen in uns unbekannter Weise dem All, müssen aber sterben, um wiedergeboren zu werden. Buddha beschreibt in seiner letzten Predigt ein Dasein in zwei Stufen, hat einer die Selbstsucht in einer Inkarnation, also Haß, Wahn und Gier überwunden, dann kann er in der zweiten oder nächsten aufsteigen und durch Einbeziehung der Himmelsleiter das Nirvana, die Alleinheit erreichen, wenn er wie Buddha kündet, die Illusion aufgibt, sich auf dem Weg zum Heil zu befinden. Solch ein artikulierter Heilsweg würde andere Wesen ausschließen.

Die Erkenntnis des deterministischen Chaos zeigte, daß der Urgrund des zero-point field durch den seltsamen Attraktor die Wirklichkeit erschafft und lenkt. Den Zusammenhang aller Attraktoren bildet das Rad. Es ist aber nicht dem tonalen Nachdenken zugänglich, sondern nur der Intuition des nagualischen Traumes. So kehrt sich in der Wassermannzeit der Bezug um. Sinn des Daseins ist die Einstimmung in die imaginale Welt des Nagual, und der Tonal, die Leistung des Lebens, ist der Weg der Selbstaktualisierung. Die Pioniere des New Age haben viele Traditionen entschlüsselt, die die nachtodliche Welt im Sinne des Bhava Chakra bestimmen, aber unter dem Begriff der Therapie und Selbstheilung mißverstanden, ohne Bezug auf die öffentlichen Krisen zu nehmen. Tatsächlich ist aber die Befreiung des Menschen öffentlich, das Selbst, der Funke aus der Schöpfung muß über das Ich, die zeitlich-öffentliche Funktion während des Lebens, langsam die Teilnahme an der Menschheit erreichen.

Hierzu müssen wir die afrikanischen Voraussetzungen der Klan- und Stammestradition, wie sie Malidoma beschreibt, als Ansatz des Bhava Chakra nehmen.

Die Esoterik, die heute bereits 30% der deutschsprachigen Neuveröffentlichungen umfaßt, muß vom privaten in den öffentlichen Sektor überführt werden. Das Ziel einer Metapolitik: Sinn des Lebens ist Menschwerdung, Wandlung der Gemeinschaft in ihrer Rückkehr in das globale Dorf im Anschluß an die jungsteinzeitliche Revolution, aber auf sprachlicher Ebene. Die Auferstehung betrifft nicht das Naturwesen, sondern das Kulturwesen.

Arnold Keyserling
Metapolitik · 1995
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
HOMEDas RAD