Schule des Rades

Arnold Keyserling

Gott, Zahl und Wirklichkeit

Voraussetzung

Der Mensch lebt in der Wirklichkeit. Doch braucht er sich dessen nicht bewußt zu sein: an Stelle der Wirklichkeit kann er in einer eingebildeten Welt leben, einer Welt, in welcher die Daten seiner Erfahrung aus seiner Vorstellung heraus zu einem phantastischen Bild ergänzt werden. Der Mensch kann sich also irren. Während das Tier ein Korrektiv seines Handelns aus seinem unbewußten Drang, aus seinem Instinkt erfährt, schafft die Vorstellung des Menschen eine eigene menschliche Umwelt; er muß sich ein Korrektiv, welches die Rolle der Instinktsicherheit übernehmen könnte, durch bewußte kritische Arbeit bilden.
Nicht nur er selbst, sondern auch sein Weltbild und die Lebensform, die er sich aus diesem Weltbild geschaffen hat, muß zum Gegenstand seiner kritischen Untersuchung werden, bis daß er zur ursprünglichen Wirklichkeit durchgestoßen ist.

Dies Durchstoßen zu der ursprünglichen Wirklichkeit ist die Aufgabe der Philosophie: ihr obliegt es, als höhere Oktave der tierischen Instinktsicherheit eine kritisch-bewußte Gewißheit zu erlangen. Der Ansatz hierzu zeigt drei verschiedene Richtungen:

  • Erstens, die Richtung auf die qualitative Mannigfaltigkeit des Alls, welche wirklichkeitsgerecht zu spiegeln wäre;
  • zweitens, die Richtung auf einen möglichen Ursprung des Alls, aus welchem die ganze Mannigfaltigkeit entspringt, und in der der Mensch auch seinen eigenen Ursprung erführe, und
  • drittens, die Richtung auf die Erkenntnis der Gesetze und Prinzipien, deren Zusammenwirken die Mannigfaltigkeit in Erscheinung bringt.

Die erste Frage wird in der Beschreibung gelöst, die zweite bildet den Gegenstand der Religion, und die dritte ist das Anliegen der Wissenschaft. Ihre Synthese ist das Anliegen der Philosophie: gelingt es, die Wirklichkeit eindeutig zu bestimmen, das Verhältnis zu ihrem Ursprung zu klären, die Prinzipien zu ergründen, dank derer sie in Erscheinung tritt, und schließlich das System dieser Prinzipien zu entdecken, dann könnte die Philosophie dem Menschen ein Orientierungsorgan erwecken, welches ihn auf höherer Ebene als der Instinktsicherheit des Tieres sein Leben sinngemäß zu führen erlaubt.

Mit diesem letzten Satz sind wir nun zum Kernbegriff der Philosophie vorgestoßen, dem Sinn. Dieser Sinn umfaßt die drei philosophischen Bereiche:

  • in der Wirklichkeit werden die Daten der sinnlichen Erfahrung über die Sinne wahrgenommen und in Worten gefaßt;
  • der Zusammenhang aller dieser Daten weist auf den Sinn der Welt, auf ihren Ursprung zurück und läßt sich nur aus ihm ergründen;
  • und die Prinzipien und Gesetze zeigen an, wie es zu Sinneszusammenhängen kommt; das heißt, wie sich die einzelnen Kräfte und Erscheinungen zu neuen qualitativen Ganzheiten zusammenschließen können, welche selbst wieder Gegenstand eines Wortes, also eines eigenen Sinnes werden.

So bedeutet Philosophie die Beantwortung aller Fragen nach dem Sinn; und das System aller dieser Worte und Sinne, wenn es vollendet ist, bedeutet das ursprüngliche System der Philosophie, dessen Ansatz wir im folgenden zu bestimmen versuchen wollen.

Arnold Keyserling
Gott, Zahl und Wirklichkeit · 1965
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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