Schule des Rades

Arnold Keyserling

Gott, Zahl und Wirklichkeit

Neun

N e u nDie geschichtlichen Keime bestimmen die naturhafte Kausalität. Doch diese Kausalität hat selbst wieder eine Ursache: im neunten Prinzip, welches das Baugesetz der Materie bestimmt, aus dem sich Leben und Bewußtsein entwickeln.
Alle menschlich zugängliche Energie, mit Ausnahme der nullhaften Urkraft die nur als Urlicht oder als bewußte Richtung erlebt werden kann, entstammen der Materie; und die Kenntnis, wie diese Energie zu erringen ist, war seit altersher im magischen Gottesprinzip verborgen, welches immer durch die Zahl Neun ausgedrückt war, und die schwerste Klippe darstellt: der Höllenhund mit seinen neun Köpfen, oder die neunfache Schlange, die der mongolische Held Kesar Ling besiegt, um die Heilkraft der Natur zu erlangen. Seinen klarsten Ausdruck hat das neunte Prinzip bei den Schamanen Sibiriens und den Medizinmännern Afrikas gefunden; es bedeutet die Kenntnis der Naturkräfte, die in sich auf die Erfüllung auf Gott hin angelegt sind; und auch das Mana der Polynesier.

Wie im zweiten Gottesprinzip offenbar wurde, ist es die Aufgabe des Menschen auf der Erde, die Natur in seinen Machtbereich zu Gott hin zu vollenden, oder die beiden Schöpfungsteile, den subjekthaften und den machtvollen, zu vereinen. Im neunten Prinzip lauscht der Mensch der Materie ihre Geheimnisse ab, er vertieft sich in die Kräfte der atomaren Welt, um aus ihr heraus seine eigene Macht, seine eigene Existenz aufzubauen.

Den Schamanen und afrikanischen Medizinmännern gelang dies auf magische Weise, indem sie ihr Wesen mit der Materie in Übereinstimmung brachten; die moderne Welt vermag dies auf dem Weg der Technik, deren furchtbare Möglichkeiten jedem heute vor Augen liegen. Doch in der technischen Revolution ist der tiefste Charakter der Neun noch nicht offenbar geworden. Das Tor zur Hölle bedeutet andrerseits den Weg zum Himmel. Im Tode wird der Mensch entweder klein wie ein Atom und versinkt erneut in die Keimhaftigkeit; oder er wird groß wie das Sternensystem, in welchem er die Wiedergeburt zur höheren Existenz erlangt, wie dies Shri Krishna dem staunenden Arjuna in der Bhagavad Gita offenbart. Für die Erde sind die neun Prinzipien in den neun Planeten verkörpert, deren Potenzen der Mensch der Sonne dem Symbol des Urlichts als seines Wesenskerns einverleiben muß.

Doch dies kann er nur, wenn er nicht nur die Prinzipien selbst kennt, sondern auch ihre Verknüpfung. Damit kommen wir zum letzten Gottesprinzip der Zehn, die alle neun in sich umfaßt, aber wiederum auf den wahren, ungeborenen Gott zielt; sie hat ihre klarste Verkörperung in der jüdischen Kabbala gefunden.

Arnold Keyserling
Gott, Zahl und Wirklichkeit · 1965
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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