Schule des Rades

Arnold Keyserling

Musik und Sinn

Das Weltenjahr

Was ist nun das Weltenjahr? Es bedeutet die Erweiterung des kollektiven Horizonts, nach Maßgabe der Präzession des Frühlingspunktes. Am Ende jedes Zeitalters kommt es zu einer kollektiven Katastrophe, dann beginnt eine neue Umdrehung von Hamlets Mühle oder dem finnischen Sampo.

P o l · d e r · E k l i p t i k

Die Präzession entsteht durch rückläufige Bewegung des Frühlingspunktes. Die Erdachse beschreibt einen Kreis im Sternbild des Drachens. In 72 Jahren verschiebt sie sich um 1°, in 2.160 Jahren um eine Konstellation, und in 25.920 Jahren um den ganzen Tierkreis, der das immanente Bild der kosmischen Menschheit, Gott als Menschen im All, veranschaulicht.

W e l t e n j a h r

Betrachten wir nun schematisch die bisherigen Abschnitte, die analog zum Lebenskreis von 84 Jahren verliefen:

Krebszeit
Zwillingszeit
Stierzeit
Widderzeit
Fischezeit
Wassermannzeit
Klan
Stamm
Stadt
Volk
Reich
Menschheit
Mond
Uranus
Venus
Rahu
Jupiter
Pluto
Vater/Mutter
Großer Geist
Götter/Ahnen
Gesetzgeber
Merkur/Götterbote
Mensch im All

Das Weltenjahr begann mit dem Übergang des Frühlingspunktes vom Löwen in den Krebs 8940 v. Chr. mit der neolithischen Revolution, der Mutation vom Menschentier zum Sprachmenschen, mit dem Beginn der soziokulturellen Tradition, also der Vision der Zukunft als Erwartung, deren letztes Ziel die neue Löwezeit ist, also die Wiedergewinnung der Harmonie des Paradieses, sobald alle Menschen den Schritt vom Tiermenschen zum Lichtmenschen vollzogen haben werden.

Die Krebszeit entspricht im persönlichen Leben, dem Abschnitt von 0 bis 7 Jahren, es ist die magische Periode der Personwerdung. Die Zwillingszeit mit dem Epos des Gilgamesch hatte als Ziel die Vereinigung von Tiermensch und Gottmensch — die aber nicht erreicht wurde — und als Weg die Visionsreise. Die Stierzeit der Stadtkultur beginnt mit der Entdeckung der Schrift und den Totenbüchern. Die Widderzeit erlebt Gott als Gesetzgeber, und die verflossene Fischezeit hatte als Ziel die Befreiung des Einzelnen aus dem übermächtigen Gattungsinstinkt, im Sinne der Weltreligionen. Nicht mehr die Rückkehr zum Paradies war das Ziel, sondern die geistige Wiedergeburt als Lichtwesen, als Sonnenbruder und -schwester. Mit der Wassermannzeit ist das mentale Alter der Menschheit 35 Jahre geworden, die Lehrzeit ist zuende, und es beginnt das gemeinsame Werk im Zeichen der Arbeit.

Hamlets Mühle betrifft die letzten sechzig Jahre des Holzhundzyklus am Beginn eines neuen Zeitalters; in unserer Epoche von 1934 bis 1994, die Periode der furchtbarsten Grausamkeit der Geschichte. Wassermannzeit ist Menschenzeit; das Ziel ist die Schaffung der Gemeinschaft der Freude Gottes in der globalen Zivilisation, die sich allen Inspirationen der Weltkultur öffnet.

Christlich ist es die Erwartung des Reiches des Heiligen Geistes im dritten Millennium nach dem Reich des Vaters und des Sohnes, vor tausend Jahren verkündet von Joachim von Fiore; ideologisch die Zeit der klassenlosen Gesellschaft und der spirituellen Demokratie, da die Zivilisation sich in die Weltkultur verwandelt und alle Offenbarungen in ihrem Sinn verstanden werden, wie ich dies in meinem Buch Strahlen der Wahrheit skizziert habe.

Die Grundlage ist der Weg der Weisheit, auf dem jedes Ich seine Aufgabe am Menschheitsganzen im Werk der Erde verwirklicht. Die musikalische Vision verkörpert sich, daß fortan jeder bei Anerkennung der Urstimmung das Pleroma der Möglichkeiten auf Grund von Musik und Mathematik, erkennt und seinen eigenen Weg der Fülle in Freundschaft mit anderen verwirklicht.

Zu diesen Parametern treten noch Visionen vieler anderer Traditionen: die indianische Regenbogengesellschaft, das keltische Verständnis der Pflanzen und die Wiedergeburt der Hermetik, daß nämlich bereits die mineralische Welt auf die menschliche Vollendung ausgerichtet ist, indem sich das schwere saturnische Blei durch menschliche Mitarbeit zum Sonnenstoff Gold über das mondhafte Silber, die Klärung der Vision läutert.

Die Künder der neuen Zeit — the aquarian conspiracy — erwachen und erkennen einander überall ohne Organisation. Sie bilden die Netzwerke der Weltkultur, in der jeder sein Mandat und seine Aufgabe findet. (Wassermann ist VI. Abschnitt des Weltenjahres, Weg der Arbeit im Körper-denken, das heißt durch begreifen des Wissens als Tor zur Transzendenz.)

Musik zeigt den Baugrund des Denkens. Zusätzlich zu Obertönen und Untertönen und der zwölffältigen Stimmung als gemeinsamer Nenner aller Wesenslieder, wie es die native american tradition bestimmt, gliedern die Summations- und Differenztöne die Luftwelt der denkerischen Inspiration zur Noosphäre, sodaß jeder sowohl seine persönliche Aufgabe und Inspiration findet als auch seine historische Rolle in der Menschwerdung Gottes, die der Sinn des großen Dramas des Weltenjahres ist. Die Wassermannzeit ist angebrochen; Menschen, die ihr bereits zugehören, finden sich in Netzwerken ohne Ideologie in allen Kulturkreisen. Älteste Überlieferung ergänzen das moderne Wissen zum metaphysischen, zum Wissen hinter dem Wissen, zum Weg der Weisheit im hermetisch-taoistischen Sinn. Dieser tritt an die Stelle der Glaubenssysteme und Bekenntnisse.

Die Kriterien der musikalischen Komponenten — Obertonreihe, Untertonreihe, Quintenzirkel, Quartenzirkel, Temperatur, Rhythmus als Zahl, Melos als freie Wahl der Tonfolge — sind in der Synthese des Rades der Schlüssel zum raumzeitlichen Raster der Wassermannzeit und damit der Weltkultur. Hierbei sind die Töne und Intervalle in ihrer Zahlenwurzel die Sinnträger oder Schöpfungsprinzipien. Was ist nun der Sinn der zwölf Tonwerte — auf der Erde, im Kosmos und in der Selbstaktualisation?

Der Grundton der Temperierung ist das mittlere c, 256 Hertz. Es ist der Ausgangspunkt vom Quinten- und Quartenzirkel.

Arnold Keyserling
Musik und Sinn · 1997
Metaphysik der Weltkultur
© 1998- Schule des Rades
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