Schule des Rades

Arnold Keyserling

Bewußtsein und Evolution

Vom homo faber zum homo sapiens

Henri Laborit, der berühmte Pharmakologe, hat in seinem Buch L’homme imaginant gezeigt, wie weit die meisten von der Menschlichkeit entfernt sind, wenn sie den beiden Parametern des Tieres folgen, wie fast die gesamte Politik bis zum Ende der ideologischen Ost-West Auseinandersetzung. Die große Singularität ist Ich. Jahwe sprach am Sinai: Ich werde da sein, als der Ich da sein werde; später zu Moses: Ich bin der ich bin, und in seiner Offenbarung als Mensch im All: Der Mensch im All ist ich.

Das heißt also, jedes Ich hat letztlich in sich die Tendenz, den Weg zur Liebe zu finden, sei es in Form des Feuers, welches die dissipative Ordnung verwendet, sei es in Form des Lichtes, das durch die dauernde Vereinigung von 1 und 2, von Wasserstoff und Helium, in der Sonne entsteht, sei es durch Fission oder Fusion. Wie dies Hermes Trismegistos kündete: Wie oben, so unten. Wie erreicht aber der Mensch dieses andere Erleben, das die Psychologie als Gipfelerfahrung, der Yoga als Samadhi, und die Bewußtseinsforschung als Gewahrsein bezeichnet? Hierzu müssen wir uns funktionell in die Struktur des menschlichen Gehirns vertiefen, wobei die letzte Symmetrieachse zwischen links und rechts durch die Lateralisation aufgehoben wird. Doch betrachten wir vorher noch den Bewußtseinsunterschied zwischen Mensch und Tier, wie er durch Norbert Elias bestimmt wurde.

Der Mensch als Tier lebt auf der Erde seit Millionen von Jahren. Vor 11.000 Jahren kam es zu einer Mutation am Ende der Eiszeit: man nennt sie anthropologisch die neolithische Revolution, mit der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht, Keramik und Baukunst, vor allem aber der funktionellen Sprache. Der Tiermensch heißt in dieser Formulierung — im Unterschied von der gebräuchlichen deutschen — homo faber, der neolithische Mensch homo sapiens. Seit Beginn der Gattung war er Feuerbeherrscher und der Werkzeugmacher. Die entscheidende Etappe der Menschwerdung war die Trennung von Raum und Zeit. In der Mutation vom homo faber zum homo sapiens wurde bewußt, daß auch Laute und Zeichen Werkzeuge werden können. Fortan identifizierte er sich nicht mehr mit seiner instinkthaften Tierheit, sondern seine Erinnerung wurde sprachlich. Betrachten wir das Schema von Norbert Elias:

R i t u a l Z i v i l i s a t i o n

Der homo faber lebt wie das Tier zwischen Arterhaltung und Selbsterhaltung, zwischen der männlichen Rolle des Jagens und der weiblichen des Sammelns. Der Schwerpunkt seines Bewußtseins war die Identifikation mit einem Tierritual, früher Totemismus genannt. Bis vor kurzem lebten noch Menschen in der Mentalität der Altsteinzeit, als letztes die australischen Ureinwohner, welche durch einen Gesang mit einer bestimmten Tierart verbunden waren, von denen sie nach der Überlieferung diesen Gesang gelernt haben. Das Ritual ist unveränderlich, solange die Gattung besteht. Man kann also nicht von einer Individualität sprechen, sondern diese liegt im Totem, der Gattungsseele nach Natzmer, im überpersönlich Göttlichen, welches die Kommunion der Gruppe oder Horde schafft.

Mit der Mutation zum homo sapiens teilte sich die Funktion des Großhirns: im rechten die Raumwahrnehmung über das Sehen, im linken die Zeitwahrnehmung über das Hören, beide vereint in der Stimme als Fähigkeit der Artikulierung, die nur durch den aufrechten Gang ermöglicht wurde. In den Offenbarungen spricht man davon, daß die Kinder des Lichts sich mit den Kindern der Erde vermischten, oder anders, daß Gott den Menschen ausersehen habe, um den Aufstieg der Evolution als Individuum zu vollenden.

An die Stelle der Arterhaltung tritt die soziokulturelle Tradition, an Stelle des Reproduktionstriebes der Selbsterhaltung die Familie, wo das Wissen sprachlich von den Eltern auf die Kinder übermittelt wird.

Durch die Unterscheidung von Raum und Zeit wurde der homo sapiens fähig, über seine Instinkte hinauszuwachsen und Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. So sind die ersten Zeugen der Geschichte die megalithischen Bauten, die Menire, Dolmen und Chromlechs in bretonischer Sprache. Um ein Tier zu zähmen, braucht man genau so eine Kenntnis der Zeitabläufe wie bei einer Pflanze die Kenntnis der Zeiten des Säens und Erntens.

Von Stonehenge bis Machu Picchu wurden die Kalenderbauten seit dem 4. Jahrtausend immer komplexer, bis schließlich die Baukunst in die Fähigkeit der Schrift überging, sodaß das raumzeitliche Wissen nicht mehr in Bauten wie den Pyramiden verkörpert werden mußte, sondern jedem Schreibenden zugänglich war. Sowohl der ägyptische als auch der islamische Gott hat den Menschen mit dem Schreiben geschaffen, wie es in der Verkündigungssure des Propheten lautete: Der mit dem Schreibrohr den Menschen lehrte, was er nicht wußte… Gleichzeitig erwarb das doppelte Gehirn die Fähigkeit, die Zeit des Lernens — bei den Tieren auf die kurze Periode der Jugend beschränkt — auf die ganze Existenz auszudehnen. Konrad Lorenz sagt, der Mensch könne 180 Jahre ununterbrochen aufnehmen ohne zu schlafen, bevor die Kapazität des Gehirns ausgeschöpft sei.

Die vergleichende Verhaltensforschung stellte immer mehr Parallelen an bedingten und eingeborenen Reflexen fest, so daß die Frage dringlich wurde, was nun der Mensch eigentlich im Unterschied zum Tier sei. Dies wurde in den letzten Jahrzehnten durch die Gehirn- und Bewußtseinsforschung verdeutlicht, aus denen wir philosophisch einige Schlüsse ziehen können. Hier war die Arbeit von drei Forschern entscheidend: MacLean, Pribram und Jaynes. MacLean erkannte, daß das Gehirn dreifältig übereinander geschaltet ist und jede dieser Schichten evolutionär einer Evolutionsstufe entstammt. Er bezeichnet das Stammhirn als Reptilhirn, das limbische System als Säugetierhirn, und den Neocortex als Menschenhirn.

G e h i r n z o n e nDas Stammhirn, gesteuert aus dem Hypothalamus und Träger des Zentralnervensystems, ist mit der senkrechten motorisch-sensorischen Achse des Rückenmarks im Zusammenhang. Der sensorische Strom geht von unten nach oben, der motorische von oben nach unten, ferner ist der sensorische Cortex nach hinten, der motorische nach vorn gerichtet. Im Stammhirn des Rückenmarks ist nach Forschungen von Eccles der Sitz der Aufmerksamkeit. Marcel Müller-Wieland, der ehemalige Leiter der pädagogischen Akademie der Schweiz, konnte zeigen, daß mangelnde Aufmerksamkeit nicht durch die traditionelle europäische Erziehung durch Belohnung und Strafe überwunden werden kann, sondern durch Rückbesinnung auf das körperliche Gewahrsein. Das Kind ist immer aufmerksam, entweder Sachzuwendung im Sinne des Spiels, oder Motivationszuwendung. Sowohl Spiel als auch Triebbefriedigung gehen von der Fähigkeit des Organisierens aus, oder der Kosmisierung des Chaos durch die vier Attraktoren. Wenn man aber die Motivation, also die Triebe durch Anjochung an geistige Lernziele blockiert, kann die Aufmerksamkeit nicht mehr frei fließen und der Mensch wird gleichsam, aus Vorstellungen gelebt.

Der indische Yoga hat gezeigt, wie das Entwickeln der senkrechten Achse, der Körperruhe, der Atemrhythmisierung und der unbeteiligten Schau der Assoziationen einen Menschen in die Aufmerksamkeit zurückbringen kann, welche dann nicht mehr nur als Qualität, sondern auch als Quantität zu betrachten ist. Die Fähigkeit des Minerals, die Moleküle in flüssig kristalliner Form in die beiden Richtungen des Wachstums und der Vermehrung zu lenken, liegt den beiden Richtungen der Aufmerksamkeit zugrunde. So kann man sagen, daß die Individualität als innere Einheit nur über den Körper zu erreichen ist, auch wenn das Gewahrsein, also die Subjektivität, letztlich nicht mit dem Körper identisch ist, sondern hinter der Fähigkeit des Wollens, der Wahl und der Entscheidung, also der Selbstorganisation liegt.

Arnold Keyserling
Bewußtsein und Evolution · 1998
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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