Schule des Rades

Arnold Keyserling

Bewußtsein und Evolution

Bewußtsein und Gewahrsein

Karl Pribram hat nun gezeigt, daß die beiden Richtungen auf Beobachtung und Erinnerung der Aufmerksamkeit physiologisch das Gedächtnis und damit die Bewußtseinsinhalte holographisch erzeugen. Bekanntlich wird ein Bild, das von zwei Strahlen auf eine Platte gebannt wird, in jedem Teil dieser Platte wieder aufscheinen.

Betrachten wir nun das Auge: einerseits beobachtet es im Fokus, also die Erfahrung der Aufmerksamkeit geht von außen nach innen. Anderseits interpretiert es die mögliche Bedeutung des Bildes, z. B. bei Vexierbildern, die einerseits eine junge Frau, anderseits eine alte Hexe darstellen können.

A l t e · F r a u J u n g e · F r a u

Diese Zweiheit von Bewußtsein und Gewahrsein, Beobachtung und Erinnerung vollzieht sich im Sekundenrhythmus, dauernd wechselt die Aufmerksamkeit zwischen beiden Richtungen, und dieser Wechsel — nicht das kantische erkennende Subjekt — ist die Voraussetzung der Kontinuität und des Sinnes. Der Zusammenhang wurde von Norbert Wiener entdeckt, als dieser die ersten Computer als Nachahmung der Gehirntätigkeit baute. Wieder war es ein Ingenieur wie bei der Kosmogonie Arthur M. Young, der den entscheidenden Erkenntnisschritt tat, und nicht ein Philosoph oder Wissenschafter. Alle Computer sind auf dem binärischen Code begründet. Das limbische System darf also nicht im Sinne der kapitalistischen oder kommunistischen Weltanschauung die Herrschaft erreichen, sondern muß sich auf die Beziehung zu der Motivation im Stammhirn und die Intentionen des Großhirns beschränken. Es hat aber als Eigencharakter die Fähigkeit des kommunikativen Handelns, im Sinne von Jürgen Habermas, welches ja immer Individualität und Gemeinschaft vereinen oder versöhnen sollte.

Das Gedächtnis und die Erinnerung eines Menschen ist demnach nicht auf das Gehirn beschränkt, sondern im ganzen Körper holographisch verteilt. Dies gäbe eine Erklärung dafür, wieso bei den Körpertechniken wie Reich, Bioenergie oder Polarity die Massage bestimmter Gliedmaßen seelische Traumas aus dem Unterbewußtsein ins Bewußtsein holen und damit entgiften kann. Das Stammhirn hat einen Parameter, die senkrechte Achse. Das limbische System zwei, Lust und Schmerz, Individuum und Gesellschaft. Das Großhirn müßte demnach vier haben. Doch diese sind einerseits entdeckt worden durch die indische Advaita-Philosophie, anderseits durch den amerikanischen Psychiater Julian Jaynes.

Hiermit kommen wir zu der Unterscheidung von rechts und links, die im Sinne der von der Selbstorganisation getragenen Evolution die eigentliche Bewußtseinsstufe des Menschen bedeutet. Seit langem war bekannt, daß sich bei den meisten Menschen in der linken Großhirnhemisphäre zwei Sprachzentren lokalisieren lassen, das Brocazentrum der Kommunikation und das Wernickezentrum der Konzeption. Jaynes, Psychiater in Princeton, versuchte nun bei seinen Patienten den symmetrischen Ort der rechten Hemisphäre zu aktivieren. Zu seinem Erstaunen fingen die meisten Patienten an, prophetisch zu schreiben oder Visionen und Auditionen zu haben. Er sagte, das Subjekt der linken Hemisphäre heiße Ich, doch jenes der rechten heiße Gott, und bemerkte launig: Wenn der Kapitän einer Fußballmannschaft vor dem Spiel Gott um den Sieg bittet, dann wäre das im heutigen Verständnis ein Gebet, Kapitän spricht zu Gott. Wenn aber Gott antwortet — wie dies die Grundauffassung der schamanischen Religion ist — dann bedeute das Schizophrenie. So bezeichnete er den symmetrischen Ort der rechten Hemisphäre als halluzinogenes Zentrum, und betrachtete dessen Verlust durch die Erziehung als einen Gewinn; erst dadurch werde der Mensch zum Bürger, zum rationalen Wesen. Historisch setzte er diese Wandlung in die Antike: Während noch Sokrates dem Orakel von Delphi — also den Botschaften vom in Trance verfallenen Bauernmädchen — die gleiche Bedeutung zusprach wie der dialektischen Überlegung, wurde mit Beginn des Christentums und dem Islam, die alle Offenbarung auf ein Buch zurückführten, dieser Kontakt vernichtet und das Bewußtsein in ein einheitliches, funktionell, beschreibbares Feld verwandelt.

Hierzu traten nun zwei Entdeckungen: existentiell mit dem New Age und dem Human Potential Movement die Beschäftigung mit anderen Überlieferungen, die experimentelle Religion. Und andererseits die vergleichende Gehirnforschung, vor allem die Entdeckung der zwei Personen im Menschen, die zeithafte Ich-Person in der linken Hemisphäre und die raumhafte Selbst-Person in der rechten Hemisphäre.

Bei Operationen, die eine Hemisphäre stillegen, in Quebec hatte man erkannt, daß die Stillegung (z. B. wegen Epilepsie) zwei Persontypen erzeugt. Wird die linke stillgelegt, dann ist der Mensch traurig und handlungsunfähig, wird die rechte dagegen ausgeschaltet, dann wird er sottement gai, blödsinnig lustig und verantwortungslos. Nach einer bestimmten Periode übernimmt diese intakte Hemisphäre die ehemalige Rolle des ausgeschalteten, und der Mensch erlebt und handelt wie früher. Dies ist dadurch möglich, daß zwar drei Fünftel der Gehirnnerven zur gegensätzlichen Körperhälfte verlaufen, doch zwei Fünftel zur gleichen.

Arnold Keyserling
Bewußtsein und Evolution · 1998
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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