Schule des Rades

Arnold Keyserling

Die neuentstehende Welt

Hermann Keyserling

Wenn in der von uns immer intensiver erlebten Dramatik des ausgehenden Jahrtausends die Vision eines heranbrechenden neuen Zeitalters und eines neuen Menschen, vermittelt durch die New Age Bewegung, zunehmend an Bedeutung gewinnt, so ist dies keineswegs nur die Folge eines sich von den Vereinigten Staaten her ausbreitenden Modetrends. Wurzeln des neuen Welt- und Menschenbildes haben sich in Wahrheit schon vor vielen Jahrzehnten in Europa ausgebildet, und es erscheint wichtig, darauf hinzuweisen, daß die Grundlagen dieser neuen Weltsicht bereits in der Frühzeit unseres Jahrhunderts von dem deutschen Philosophen und Naturforscher Hermann Keyserling mit äußerstem Mut und unvergleichlicher Gedankenklarheit dargelegt wurden.

Das wesentliche ist an seinem Werk, daß er sich als Pionier einer neuentstehenden Welt verstand, einer Welt als Ergebnis einer künftigen geistigen Revolution — jener Revolution, in deren Mittelpunkt wir uns heute, zur Jahrtausendwende, befinden. Die neue Welt, das New Age, ist das Zeitalter des pazifistischen Menschen und Weltbürgers, der die feindseligen Gegensätze und Extreme zwischen den Völkern, Religionen und Gesellschaftsordnungen abgebaut hat, der in der Lage ist, dem Gedankengut der Menschen anderer Gesellschaftsordnungen, Nationen oder Religionen ohne Vorurteil, Haß oder Abneigung zu begegnen, der willens ist, in einen fruchtbaren Dialog mit allen Menschen zu treten und das Positive anderer Lebensauffassungen selbst in sich zu integrieren.

Es ist das Zeitalter einer neuen, erdumspannenden geistigen Einheit, das von Hermann Keyserling als Vision geschaut wurde und das jetzt endlich in unserer Zeit unaufhaltsam immer deutlichere Züge annimmt. Und in dieser Ausbildung einer planetarischen Menschheitskultur wie sie die Vision Hermann Keyserlings und des New Age vorwegnimmt, liegt für uns alle — trotz düsterster ökologischer Krisenbefürchtungen in der hochgradig gefährdeten natürlichen Umwelt — jene Hoffnung von der wir sagen müssen, daß es ohne sie kein Weiterleben für uns geben kann.

Schon in seinem 1926 erschienenen Werk Die neuentstehende Welt hat Hermann Keyserling angesichts des damaligen von ihm so empfundenen alten, historisch toten Zustandes das Vorhandensein eines radikalen Neubeginns konstatiert. Der von ihm als Vision erblickte neue Weltzustand

entsteht unaufhaltsam dadurch, daß die Bindungen, welche die früheren schufen und erhielten, sich zum Besten neuer auflösen, wie embryonale Organe zum Besten zu selbständigem Leben bestimmter Organe vergehen oder aber zu Teilrädern in einem größeren Mechanismus werden. So werden auch die folgenden Voraussagen unvermeidlich eintreffen. Der Staat im heutigen Sinn, den es nicht immer gab, wird dann ein relativ Geringes bedeuten; er wird vor allem der Wohlfahrt der Nationen dienen, für Gerechtigkeit und Billigkeit der Beziehungen zwischen Einzelnen, Gruppe und Gesamtheit Sorge zu tragen haben. Die Nation wird nicht mehr der äußerste Ausdruck der Menschengemeinschaft sein. Nationalitätenkriege werden dadurch bald ebenso unmöglich werden, wie es heute Religionskriege sind.

Beim Sinn dieser Zukunft handelt es sich, so führt Hermann Keyserling aus, um einen organischen Zustand, sodaß Weltanschauungen als solche irrelevant sind:

Worauf es ankommt, ist die Auswirkung der real vorhandenen Kräfte, die sich dann zwangsläufig auf die Dauer, auf Grund lebendiger Erfahrung, dem neuen Ganzen einordnen werden.

Es geht, so fährt Hermann Keyserling aus, um die Übertragbarkeit des bisher als unübertragbar Geglaubten, die zur

Herrschaft eines neuen universalistischen Zeitgeists führt, der auf der Verschiebung des Bewußtseins vom Unübertragbaren auf das Übertragbare beruht. Da die lebendigen Probleme neuer Sinn-Gebung des Lebens sich überall gleichsinnig stellen, verstehen sich die Vertreter noch so verschiedener Konfessionen und Weltanschauungen unmittelbar, weil auf dem Gemeinsamen der vitale Nachdruck ruht. Durch die Verschiebung in der psychologischen Struktur ist daß Leben überall im gleichen Verstande sinnlos geworden, denn überall erscheint seine metaphysische Wurzel verschüttet. Dazu tritt die gemeinsame Bedrohung aller durch den antimetaphysischen Massengeist.

Alle metaphysisch Bewußten, so führt Hermann Keyserling in seiner Vision der Spiritualität der heraufziehenden New Age Bewegung aus,

schließen sich mehr und mehr zusammen, wenn nicht äußerlich, dann doch im Sinn lebendigen Zusammenhanggefühls, so vergessen sie ihrerseits immer mehr das Ausschließliche gegenüber dem Gemeinsamen.

Diesen Zusammenschluß der metaphysisch Bewußten, wie er heute bereits in der New Age Bewegung zur lebendigen Realität geworden ist, gewahrte Hermann Keyserling in der Frühzeit dieses Jahrhunderts als die Vision einer

erdumspannenden Zeitgeisteinheit. Diesem Neuen, Gewaltigen gegenüber hält nichts Partikuläres aus vergangenen Zeiten stand. Überall wird die Menschheit unaufhaltsam neu — oder sie verdirbt.

Nicht besser hätte Hermann Keyserling das Weltgefühl spiritueller, erdumspannender Ganzheitlichkeit, das für die New Age Bewegung von so fundamentaler Bedeutung ist, ausdrücken können als mit seinen Worten daß die neue entstehende Welt ein unerhört einheitliches Ganzes ist.

Damit in engem Zusammenhang steht die Intention der neuen Weltsicht, das Bewußtsein auf den wahren Lebensmittelpunkt zurückzuzentrieren. Früher oder später müßten die metaphysischen Bewegungen, die dem neuen Zustand Rechnung tragen, die Oberhand gewinnen: Hat aber die Psyche auf diese Weise ihre einzig richtige Einstellung wiedererlangt, ist ein neuer Zusammenhang zwischen Tiefe und Oberfläche erschaffen, hat alles Extreme sich totgelaufen — nun, dann wird Kultur im eingangs bestimmten Sinn von Lebensform als unmittelbarer Geistesausdruck wieder möglich werden. Und zwar in einem umfassenderen Verstand als je bisher. Denn dann wird es sich um eine Menschheitskultur handeln.

Partikuläre Kulturen im überkommenen Sinn sind fortan ausgeschlossen, weil das Übertragbare gegenüber dem Ausschließlichen für immer die Oberhand gewonnen hat.

Die neue Menschheitskultur stellt, so führt Hermann Keyserling aus, ein reicheres Verwirklichungsmittel des Geistes dar

als irgendein früheres, denn in ihm organisiert sich das bisher reichste Erbe an Menschheitserfahrung. Es bildet sich eine neue kompliziertere Synthese als Voraussetzung aller besonderen Lebensbetätigung.

Die neue Bewußtseinslage entsteht dadurch, daß viele Fragen des Lebens und Überlebens keine Problematik mehr beinhalten und daher aus dem Gesichtskreis entschwinden. Wenn solche Probleme ebenso wie auch Probleme der Nationalität oder der religiösen Konfession oder ähnliches Konfliktpotential im neuen Menschheitszustand nicht mehr auftreten,

so bedeutet dies, daß dieser auf Grund der erledigten alten Problematik zur Stellung und Lösung neuer Probleme befähigt ist.

Der neu ermöglichte Zustand, die neue Weltkultur aufgrund des schlußendlich erlangten planetarische Bewußtseins des Menschen als Weltbürger bedeutet mehr

als bloß eine Veränderung des bisherigen: er bedeutet organisches Fortgeschrittensein.

Der neue Mensch wird

in der Lage sein, unmittelbar aus dem Sinn heraus zu leben. Des Buchstabierens Herr, wird er sein Hauptaugenmerk darauf richten, in der erlernten Sprache etwas zu sagen.

Zeichen der Erreichung eines höheren Bewußtseinszustandes ist

das Überhandnehmen intuitiver, okkulter und magischer Begabung sowie das neuerwachte Verständnis für psychologische, d. h. lebendige Wirklichkeit im Unterschied zu den toten Herausstellungen des Geistes.

Aus diesen Erklärungen Hermann Keyserlings wird der große Stellenwert deutlich, der der Entwicklung der psychischen und außergewöhnlichen schöpferischen und paranormalen Fähigkeiten des Menschen in der New Age Bewegung zugemessen wird.

Arnold Keyserling
Die neuentstehende Welt · 1999
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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