Schule des Rades

Arnold Keyserling

Die neuentstehende Welt

New Age Bewegung

Bei vielen Kongressen, die sich mit neuer Spiritualität und Esoterik, mit alternativer Philosophie oder Psychologie, mit der Wiederkehr der Metaphysik oder okkulter Philosophie befassen, wird immer wieder gemahnt, daß sich Wissenschaftler gegen die neue Strömung der New Age Bewegung stemmen sollten, die drohe, das rationale abendländische Erbe der wissenschaftlich-technischen Zivilisation hinwegzuschwemmen. Gleichzeitig werden Erkenntnisse der Psychologie und Parapsychologie oder der vergleichenden Religionswissenschaft über veränderte Bewußtseinszustände untersucht und finden als Ergänzung des rationalen Weltbildes eine weitgehend positive Wertung. Dennoch wird den neuen Erkenntnissen oft gerade nur so viel Raum gelassen, wie es nicht mehr zu vermeiden ist.

Aber die New Age Bewegung verlangt nicht eine graduelle, sondern eine totale Bewußtseinsverwandlung, und es geht um eine wahrhaftige Änderung der Paradigmen. Die in der Computer-Gesellschaft aufwachsenden jungen Menschen finden es selbstverständlich, nach dem Sinn ihres Lebens selbst zu fragen; sie wollen die Antwort nicht mehr wie frühere Generationen von Autoritäten übernehmen. Viele ältere Menschen wiederum bedauern den Verlust des kulturellen Erbes und die Vorbildfunktion umfassend gebildeter Persönlichkeiten. Ein elitärer Anspruch von Akademikern findet wenig Widerhall in unserer Zeit der Selbstbestimmung, der Menschenrechte, der sozialen Gerechtigkeit und einer bedrohliche Formen annehmenden Umweltgefährdung (die nicht zuletzt gerade durch die Anwendung von Wissenschaft verursacht wird).

Der Rationalismus der wissenschaftlich-technischen Zivilisation — als fehlgeleitete rücksichtslose Intelligenzanwendung entlarvt — hat verspielt, seit Zukunftsprognosen eine globale, lebensvernichtende Umweltkatastrophe für unausweichlich halten, wobei es nur noch eine Frage der Zeit ist, was das Leben auf Erden eliminieren wird: allgemeine Verwüstung durch Zerstörung von Wäldern und Vegetation, eine Klimakatastrophe zufolge allgemeiner Erwärmung der Atmosphäre, eine Atom-, Chemie- oder Gentechnikkatastrophe oder eine Ozonkatastrophe oder allgemeine Folgen der ungebremsten Vergiftung der Ökosphäre durch die menschliche Zivilisation (oder mehrere dieser Faktoren, die in ihrem Zusammenwirken schließlich zu einem allgemeinen Kollaps unserer natürlichen Umwelt führen werden).

Menschen können aber nicht ohne Hoffnung leben! Hoffnung ist keine Frage der rationalen Überzeugung, sondern eine Einstellung. Es liegt vor allem den jungen Menschen, optimistisch in die Zukunft zu schauen, da die eigene Entwicklung sie dazu bringt, die gegebene Lage als Material zu ihrer Selbstaktualisierung zu betrachten. Weiters haben die humanistische und die transpersonale Psychologie jedem Menschen Erfahrungen ermöglicht, die man früher nur ganz herausragenden Begabungen zusprach. Und die moderne Bewußtseinsforschung zeigt uns, daß die Menschen ungefähr gleich begabt sind und ihr Scheitern sich eher auf negative kulturelle Umstände zurückführen läßt als auf die Anlage. Der Paradigmenwechsel der New Age Bewegung hat keineswegs nur Philosophie und Psychologie erfaßt, sondern die meisten Wissenszweige von der Naturwissenschaft und Ökologie über die Pädagogik bis zur Ökonomie. Doch oft sind Pioniere nur Neuem auf ihrem Gebiet gegenüber offen, halten jedoch auf anderen Gebieten an Vorurteilen fest. Daher mag es nützlich sein, sich außer den bereits, von Hermann Keyserling aufgestellten Grundzügen einige Parameter der New Age Bewegung zu vergegenwärtigen. Diese mögen den Vertretern des abendländisch-technischen Denkstil fragwürdig erscheinen; sie werden jedoch von den meisten Vertretern der Wendezeit und der Aquarian Conspiracy des jetzt angebrochenen Wassermannzeitalters als durchaus selbstverständlich hingenommen.

Der Begriff New Age stammt aus Amerika; er geht auf die Haltung von William James zurück. Dieser lebte in der Zeit der Herrschaft der Wissenschaftsgläubigkeit am Ende des vorigen Jahrhunderts, als alle Religion als Illusion gebrandmarkt wurde, Geist und Seele keinen Platz im akademischen Denken hatten und das Bewußtsein als Gehirnfunktion betrachtet wurde. Gleichzeitig gab es Menschen — etwa William James Freund, den Psychiater Maurice Bucke — der transzendente Erfahrungen und kosmisches Bewußtsein als Ansatzpunkte eines sinnvollen Lebens behauptete. Nach seinen Worten kann man über das Ziel der Religionen oder ihre Kosmogonie (etwa die christliche Weltentstehungslehre im Sechstagewerk oder die der Griechen aus dem Weltei) nichts über deren Wahrheit ausmachen — sie sind Glaubensinhalte — man kann aber kritisch feststellen, ob eine Religion den Menschen glücklicher macht oder ihn in eine Neurose oder Psychose versetzt. William James schlug in seinem Buch The Varities of Religious Experience ein Kriterium für die Unterscheidung vor, den pragmatic test: Macht ein Weltbild den Menschen glücklicher, dann ist es besser als ein anderes.

Aus seinem Ansatz entstanden verschiedene psychologische Richtungen, angefangen mit dem Behaviorismus, der noch der Richtung der Aufklärung verpflichtet war. Mit der analytischen Psychologie im Gefolge der Auswanderungswelle von Psychologen aus Europa während des II. Weltkriegs, kam als zweite Dimension die Aufarbeitung der Vergangenheit des Traumas hinzu. Mit der humanistischen Psychologie wurden ab 1962 durch Maslow die Gipfelerfahrungen einbezogen. Er zeigte die Hierarchie der Bedürfnisse auf: Sobald die niederen des bloßen Überlebens befriedigt sind, erwachen höhere, und das höchste Ziel ist der high actualizer, der Mensch, der seine gesamten Anlagen in Kommunion mit anderen zur Vollendung bringt.

Die Humanistische Psychologie gebar noch unter Maslows Leitung die Transpersonale Psychologie. Die transpersonale Richtung stellte sich die Frage, unter welchen Bedingungen die Fülle des Lebens erreichbar wäre. Aus diesem Anlaß begann sie die esoterischen Traditionen wie Astrologie, Yoga, Kabbala und Mystik zu untersuchen.

So entstand aus der amerikanischen Psychologie das Human Potential Movement als erster Aspekt des New Age. Eine seiner Vorkämpferinnen, Jean Houston, beschrieb den künftigen Menschen, für den das Wissen schon bereitet ist; allein dem possible human stünde die Zukunft offen, wobei sich das Schwergewicht von der männlichen auf die weibliche Einstellung verlegen müsse. Jean Houston entwickelte eine Reihe von Techniken und Visionsreisen, dank welcher die Menschen ihre bisher verborgenen Anlagen und Begabungen entfalten können.

Ein weiterer wichtiger Aspekt des New Age geht auf die technologische Revolution zurück. Das alte Wort: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen hat keine wirkliche Relevanz mehr für die Industrienationen, wo es zur Bestreitung der Lebensbedürfnisse für breite Bevölkerungsschichten keines erbitterten Überlebens­kampfes mehr bedarf. Gleichzeitig schwindet aber auch das Interesse an materiellen Gütern und im Streben nach materiellen Werten wird kein wirklicher Lebenssinn erblickt. Und so tritt an die Stelle der Suche nach materiellem und äußerem Erfolg die Reise nach innen, und immer mehr Menschen wenden ihr Lebensinteresse ihrem inneren Mehr-Werden zu.

Ein Verlust von Lebenssinn ist auch mit dem Abbau und der Eliminierung von Feindbildern zwischen den Nationen, Gesellschaftsordnungen und Religionen verbunden. Letzte Feindbilder des Kalten Krieges werden zu Grabe getragen, der Eiserne Vorhang ist schon über weite Strecken entfernt, und noch vor kurzem undenkbare Umwälzungen in den Oststaaten kennzeichnen den Anbruch einer neuen geschichtlichen Ära.

Unter dem nivellierenden Vordringen der technischen Zivilisation erscheinen weltanschauliche Bekenntnisse in zunehmendem Maße als irrelevant und zweitrangig, und ihre Tragweite reicht nicht mehr aus zur Stützung und längerfristigen Aufrechterhaltung von Feindbildern. Doch die zwar den Lebensstil und den zwischenmenschlichen Umgang auch zwischen den Nationen so dominierende technische Zivilisation enthält das Manko, den Menschen nur auf bestimmte Funktionen zu reduzieren. Hermann Keyserling veranschaulichte dies unter dem Sinnbild des Menschen als Chauffeur, also des Menschen, der nur Maschinen zu bedienen weiß und von der Technik vorgeschriebene Funktionen ausführt, ohne jedoch das gesamte Potential seiner menschlichen Fähigkeiten und Anlagen zum Einsatz bringen zu können, und der durch dieses ausschließliche Agieren in einer primitiv-materiellen Welt jeden Zugang zur Transzendenz seines Lebens und der Welt einbüßt.

Eine solche Verarmung und Reduktion des Menschen muß gewiß auf die Dauer unerträglich erscheinen, und so erleben wir heute mit der New Age Bewegung nicht nur die Wiederkehr von Metaphysik und Esoterik und den als Neue Spiritualität aktualisierten Wunsch in die transzendente Wirklichkeit vorzudringen, sondern auch einen Zusammenschluß aller metaphysisch Bewußten und damit den Aufbau eines neuen, ganzheitlichen Weltbildes, in dem alle metaphysischen Traditionen in ihrer Funktion als Wege zur Sinnfindung betrachtet und vermittelt werden. Meilensteine auf diesem Weg wurden von Mircea Eliade, aber auch von den vielbeachteten Eranos-Tagungen in Ascona gesetzt. Im neuen Welt- und Menschenbild gehören alle Menschen als Weltbürger einer einzigen, durch das Gemeinsame verbundenen Menschheit an, wobei sie die Erkenntnisse fremder Traditionen ohne Schwierigkeit integrieren können. So verloren die Chinesen nicht ihre Identität, als sie die pythagoräische Mathematik oder die moderne Physik integrierten, unsere Medizin verlor nicht ihre Identität, als sie die chinesische Akupunktur-Methode integrierte, und kein Abendländer geht seines Selbstverständnisses verlustig, wenn er den von Indern entwickelten Yoga betreibt oder das Orakel des I Ging befragt.

Arnold Keyserling
Die neuentstehende Welt · 1999
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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