Schule des Rades

Arnold Keyserling

Die neuentstehende Welt

Wassermannzeitalter

Ein ganz wesentlicher Aspekt des New Age geht auf die Himmelskunde zurück: Der Beginn des Wassermannzeitalters im Jahr 1962 kennzeichnet gleichzeitig den Beginn eines neuen Zeitalters, des New Age. Die Erdachse beschreibt in etwa 25.920 Jahren einen Kreis im Sternbild des Drachen; der Polarstern ist erst in unserer Zeit zur tatsächlichen Himmelsmitte geworden. Hierdurch verschiebt sich der Frühlingspunkt rückläufig um den Tierkreis. Blickt man von der Erdachse an diesem Tag vom Äquator auf den Tierkreis der Konstellationen, so erkennt man die Verschiebung: in 72 Jahren um 1°, in 2.160 Jahren um ein Zeichen und in 25.920 Jahren um den ganzen Tierkreis. Dieser größte Zeitraster der Erde hat seit Beginn der Menschheitsgeschichte vor 11.000 Jahren den Rahmen und die Symbolik der religiösen und gesellschaftsbildendene Paradigmenwechsel geliefert.

W e l t e n j a h r

Die jungsteinzeitliche Revolution geschah als Mutation des Menschentiers an vielen Orten der Erde vor 11.000 Jahren am Beginn der Krebszeit, so in Ägypten, im Zweistromland und in China. Sie bedeutete, daß an die Stelle des Arterhaltungsinstinkts sprachlich die soziokulturelle Tradition trat, meistens begründet durch einen Kulturheroen oder Religionsstifter. Der soziale Horizont und die entsprechende Gottesvorstellung erweiterten sich:

Krebszeit
Zwillingszeit
Stierzeit
Widderzeit
Fischezeit
Wassermannzeit
8940 v. Chr.
6680 v. Chr.
4520 v. Chr.
2360 v. Chr.
200 v. Chr.
1962 n. Chr.
Klan
Stamm
Stadt
Volk
Reich
Menschheit

Dieses Schema ist ein Erwartungsraster d. h.: Gemeinschaften, die diesen Erwartungen entsprechen, hatten gegenüber anderen Erfolg. Im Klan lebten Kleingruppen in Höhlen und kannten die funktionelle Arbeitsteilung; die Jäger der Altsteinzeit wurden zu Viehzüchtern, die Sammler zu Ackerbauern. Im Stamm schlossen sich Klans unter einem Leitbild zusammen — die Kalenderkulturen begannen. In der Stadt wurde Leben als Lernen der nachtodlichen Existenz betrachtet wie im alte Ägypten. Die Juden und Brahmanen erfaßten das gesamte Leben rituell. Das Reich der Fischezeit fügt im Rahmen einer Religion Völker zu übernationalen Einheiten zusammen. Heute ist die Menschheit im Begriff, vermittelt durch die vereinheitlichende Funktion des technisch geprägten Lebensstils zu einer Einheit und Ganzheit zusammenzuwachsen, womit eine Eigenmächtigkeit von Klans, Stämmen, Städten, Völkern und Reichen zunehmend als überholt wirkt und bereits einer Welt von gestern zuzugehören scheint.

Die New Age Bewegung ging im wesentlichen von Amerika aus, und sein Nährboden war sicher die amerikanische Hoffnung, The American Dream, wonach jeder Mensch ohne Rücksicht auf seine Herkunft und die Geschichte seinen eigenen Lebenstraum verwirklichen soll. Die Philosophie des New Age erlangte in wenigen Jahren die Kraft, die amerikanische Erneuerungsbewegung zu einer weltweiten Bewegung der Wandlung anwachsen zu lassen, deren Endziel in einer Einigung des Menschen­geschlechts und in seiner Symbiose und Versöhnung mit der Natur in einem neuen Zeitalter feststeht. Doch was sind die Voraussetzungen einer solchen Symbiose, nachdem sich der Mensch doch schon vor so langer Zeit vom Tierreich emanzipierte und sich seither von seinen natürlichen Wurzeln immer weiter entfernte?

Das Tier lebt zwischen den Instinkten der Arterhaltung und der Selbsterhaltung im Ritual der männlichen und weiblichen Rollen. Ein Vogel etwa singt keineswegs nur aus Freude oder Lebenslust, sondern auch zur Verteidigung und Kennzeichnung seines Territoriums oder als Balzverhalten. Auch die Paarungsweisen sind ritualisiert. Gattungen gehen zugrunde, wenn ihr Ritual nicht mehr einem veränderten Lebensraum angepaßt ist. Das Tier lebt nicht wie die Pflanze in einer Umwelt, sondern in einer Merkwelt und Wirkwelt. Werden diese gestört, dann zeigt das Tier in menschlicher Analogie Anzeichen von Neurosen und später von Psychosen.

Die Sinnesorgansation jedes Tiers gleicht einem technischen Wunder, und man sollte die menschliche Technik auf die Erkenntnis und Nachahmung instinktiver Strategien der Selbst- und Arterhaltung der Tiere zurückführen, wie dies Vitus B. Dröscher in seinem Werk Magie der Sinne im Tierreich beschreibt.

Seit wann nun erscheint der Mensch nicht mehr als ein Tier unter anderen? Vermutlich seit vier Millionen Jahren ist der Mensch das werkzeugmachende und feuerbeherrschende Lebewesen, der homo faber. Mit der jungsteinzeitlichen Revolution, der artikulierten Sprache und der soziokulturellen Tradition, die die Arterhaltung ersetzte, machte sich der Mensch langsam aus der Instinktgebundenheit frei.

Der Schritt der Menschwerdung ist aber auch heute noch, wie die neue Psychologie zeigt, aus der Tierwelt anzusetzen. Die Indianer sagen, die Tiere seien die älteren Geschwister des Menschen; wir sollten daher von ihnen lernen, anstatt zu glauben, daß sie für uns geschaffen wurden. Diese wahrhaft richtige Sichtweise ist, was keiner weiteren Ausführung bedarf, dem weitgehend brutalen Umgang des Menschen mit dem Tier in der technischen Zivilisation diametral entgegengesetzt.

Das eigentlich Menschliche als Emanzipation des Menschen vom Tierreich verlangt die Trennung von Wirklichkeit und Traum, von Empfinden und Vorstellung, und die bewußte Gestaltung der menschlichen Umwelt als dynamische Zivilisation. Mit der jungsteinzeitlichen Revolution trat an die Stelle des tierischen Rituals die Zivilisation, die eine innere Stufe der Menschwerdung bedeutet. Doch die soziokulturelle Tradition, im Schema des Weltenjahrs als wachsende Gesellschaft verstanden — Klan, Stamm, Stadt, Volk, Reich bis zur heutigen Menschheit — ist immer noch eine kollektive Subjekthaftigkeit. Der Augenblick des Gewahrseins ist nur in der höchsten Stufe möglich, der Teilhabe an der Schöpfung und damit an Gott. Beim Menschen ist diese Teilhabe, griechisch Methexis als ursprünglicher Begriff der Religion, nur durch Entschluß zu erreichen.

Der Mensch muß gewissermaßen als befreites Tier den Zugang zur Quelle des Selbst, der Fähigkeit der Selbstorganisation erreicht haben. Daher wurden in der Esoterik Himmel und Erde, Licht und Kraft als Gott und Göttin verstanden; die Vereinigung von Sonne und Mond, von Tag und Nacht, Raum und Zeit dagegen als Schaffung des Lebens zwischen den beiden Polen.

In Tibet wurde von Mircea Eliade eine Tradition entdeckt, die älter ist als Bön und Buddhismus; Gcug, die Religion des Menschen, die seit jeher existiert und die Evolution vom Tiermenschen zum Ahnen zum Inhalt hat. Für ihre Vertreter gelten die Hochreligionen als Geschenke der Götter, als Offenbarungen transzendenter Wesenheiten, die dem Menschen hilfreich auf seinem Weg zur Vollendung beistehen.

Der größte Gegensatz zwischen dem Weltbild des New Age und dem Weltbild des Rationalismus der wissenschaftlich-technischen Zivilisation liegt darin, daß letztere bereit ist, sich mit ihrer eigenen — rationalistischen — Ideologie zu identifiziere. Wer sich jedoch — so besagt es das Weltbild des New Age — im Sinne der vergangenen Zivilisationen mit einer Ideologie, einem Weltgedicht identifiziert, der verliert sein Selbst und damit den Zugang zu seiner Anlage und Kraft.

Immer gab es Menschen, die zur Freiheit durchgestoßen sind. Doch was war einst die Befreiung des Menschen aus dem Tierritual der Altsteinzeit? Für den Philosophen bedeutet sie etwas Banales: die Trennung von Auge, Ohr und Körpersinn, die Erkenntnis der Zahlen durch die Fingerbewegung, die mit den gegenüberliegenden Gehirnhemisphären in Beziehung steht, die Entfaltung des Sprechwerkzeuges und schließlich die Stimme als Vertreter des Gewahrseins. Sprache ist nicht kulturell zu verstehen, sondern kosmogonisch als die Fähigkeit, alle Schichten der Welt vom Mineral aufwärts zu umfassen und damit erlebbar zu machen.

Seit der Mutation der jungsteinzeitlichen Revolution ist unser Gedächtnis und Erinnerungsvermögen ebenso wie die Kommunikation an das Wort gebunden. Dies bedeutet philosophisch eine Rückkehr zur hermetischen Tradition vor der Neuzeit: Zu Beginn des 17. Jahrhunderts verpflichteten sich über Anregung von Newton die Mitglieder der Royal Society, sich für die nächsten Jahre aller naturphilosophischen Spekulationen zu enthalten. Aus diesen Jahren wurden, von wenigen Ausnahmen abgesehen, drei Jahrhunderte. Doch heute kehrt endlich die Naturphilosophie im New Age zurück. Und der Ansatz dieser Rückkehr ist die Bewußtseinsforschung und die Gehirnforschung, auf die wir nun eingehen wollen.

Arnold Keyserling
Die neuentstehende Welt · 1999
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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