Schule des Rades

Arnold Keyserling

Die neuentstehende Welt

Hypnagogik

Den entscheidenden Anstoß gewann die Bewußtseinsforschung durch die Hypnagogik, das Verständnis des Schlafes. Jede Nacht geht der Mensch durch die Stufen vom Wachen über die Reflexion bis zum Tiefschlaf. Es gibt vermutlich fünf Abschnitte des Traumschlafes REM, wovon sich der wesentlichste kurz vor dem Aufwachen ereignet. Die vier vorigen gehen bis zur Schwelle des Wachens, doch dann erfolgt der Befehl zum Einschlafen.

H y p n a g o g i k

Die meisten Forscher untersuchen die hypnagogischen Stufen nur phänomenologisch; vom New Age her sind sie dagegen existentiell als Tore zu anderen Wirklichkeiten zu begreifen. Die psychologische Anwendung der Hypnagogik war bisher auf die Therapie beschränkt. Betrachten wir aber den Zusammenhang philosophisch, so wäre die Integration der fünf Bewußtseinsschichten im Sinn der menschlichen Existenz. Es gibt eine Reihe von Phänomenen, die aus dem unglücklichen rationalistisch-beschränkten Bewußtsein der Reflexion nicht zu erklären sind. Daher heißt es in den vier indischen Versen des Yogasutra von Patanjali:

  1. Jetzt beginnen wir mit der Disziplin des Yoga.
  2. Yoga ist die Verlangsamung der Assoziationen, um sie zum Stillstand zu bringen (in die Mitte des Bewußtseinsrades zu treten)
  3. Dann ruht der Mensch in seinem Wesen in Seligkeit.
  4. Alle anderen Zustände der Identifikation sind leidvoll.

Die Befreiung, also das Erwachen, ist im Yoga und allen asiatischen Disziplinen das Durchstoßen der hypnagogischen Schwellen. Gelingt es, so heißt es in einem späteren Absatz, den Tiefschlafzustand im Wachen zu erreichen, dann hat der Mensch den Tod überwunden.

Der Traum, getragen von der rechten Gehirnhemisphäre der Raumvorstellung — in der linken steht die Zeit im Vordergrund, sie ist also Schwerpunkt des Wachens — bringt bildhaft die Mängel und Möglichkeiten der Motivation zum Ausdruck. Verstorbene tauchen auf, als ob sie noch lebten. Man erfährt im Traum ein Panorama. Die Forschung hat bewiesen, daß während des REM-Traumschlafes ein viel größerer Austausch von Informationen zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte vor sich geht als im Wachen, wo die linke Hemisphäre dominant bleibt und die rechte meistens unzugänglich ist. Der Traum entspricht der Seinsschicht der Pflanze, die zwischen Same und Gestalt alterniert. Daher kann es keine negativen Traumvision geben; sie müssen alle positiv interpretiert werden. Auch ein Alptraum meint etwas Gutes. Fragt man die Traumgestalt, wie sie einem helfen kann, verwandelt sich das Schreckgespenst in einen Freund.

Der Tiefschlaf ist eine Rückerinnerung an die embryonale Existenz, der Körper regeneriert sich; seine Kraft ist die Fähigkeit der reinen Aufmerksamkeit, aus welcher im Wollen alle Entscheidungen und Handlungen ansetzen.

Die Stufen stehen symmetrisch zueinander; das Gewahrsein, die paranormale Fähigkeit der Synchronizität, kann nur durch die Aufmerksamkeit des Tiefschlafes erweckt werden. Das Wachen umfaßt psychologisch Sinnesempfinden und Geistesvisionen, die Reflexion, das strategische Denken und die personalen Rollen der Seele; der Traum das Fühlen aus den vier Trieben und die Motivation des Körpers, und schließlich der Tiefschlaf die Fähigkeit der inneren Stille als Voraussetzung der Aufmerksamkeit, womit die Identifikation des Gewahrseins mit den anderen Schichten gelöst wird und die innere Identität alles Seienden in der Entgrenzung zu erleben ist.

Damit haben wir den Bogen zum Ausgangspunkt zurückgeschlagen. Es gibt, über die persönliche Geschichte des Menschen hinaus, die metaphysische Geschichte, die dem Weltenjahr folgt, und die jede Gemeinschaft neu für sich interpretiert hat. Die spirituellen Traditionen stellten sich bisher gegen ihre Vorgänger; in der Wassermannzeit des New Age jedoch sind alle metaphysischen Wege als Stufen der kollektiven Entwicklung zugänglich, da es gilt, die negativen Aspekte von Feindbildern zu überwinden und die Gesamtheit der Seins- und Bewußtseinsschichten zum Ansatz der Selbstaktualisierung zu erheben. Denn dies ist die Voraussetzung für jenen Wandel, der das planetarische Bewußtsein des Menschen als Weltbürger im neuen Zeitalter der Wassermann Ära, im New Age, hervorbringt — des veränderten Bewußtseins, das einer ganzheitlich erlebten und voll von jedem Menschen verantworteten Erde gerecht wird. Dies gibt uns — trotz aller Untergangs­prognosen und Katastrophenbefürchtungen — die Hoffnung, daß die bedrohliche Krisensituation unserer Erde zum Ausgang dieses Jahrtausends von einer Menschheit, die von einem neuen Verantwortungs- und Zusammengehörigkeitsempfinden geeint wird, gemeistert werden kann.

Arnold Keyserling
Die neuentstehende Welt · 1999
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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