Schule des Rades

Arnold Keyserling

Vernünftige Hermetik

Gedanken zum Werk von Ralf Liedtke

Es gibt selten Autoren, die im Reichtum der abendländischen geistesgeschichtlichen Überlieferung einen historisch fundierten neuen Ansatz finden, und diesen auch konsequent und lebendig durchführen. In diesem Jahrhundert war dies nur der Fall bei C. G. Jung in seiner Entdeckung der Eigengestalt des kollektiven Unbewußten, und bei Mircea Eliade in seiner monumentalen Geschichte der religiösen Glaubensformen. Nun ist Ralf Liedtke in seiner Die Hermetik. Traditionelle Philosophie der Differenz ähnliches gelungen. Er ist ein schönes Beispiel für Goethes Satz: man müsse ein Talent zu einem Talent haben, um etwas Weltbedeutendes zustande zu bringen.

In einer Zeit, in der sich nach seinen Worte die akademische Philosophie in eine elitäre Esoterik zurückgezogen hat und die wirksamen Kräfte der Sinnsuche entweder bei postmodernen Denkern wie Derrida und Popper liegen, oder in den zahllosen Bewegungen des arationalen New Age, ist es sinnvoll, eine Tradition zu entschlüsseln, die bei Achtung der rationalen Vernunft einen gemeinsamen Nenner des Weltverständnisses — in Kants Worten Philosophie im Weltbegriff statt im Schulbegriff — herausschälen kann. Dieser findet sich in der weltweiten hermetischen Tradition, dem spirituellen Materialismus, der eine Umkehr von Religion und Metaphysik bedeutet. Anstelle einer Offenbarung eines überpersönlichen Gottes, also des verbrämten Gattungsbegriffes zu folgen mit der feuerbachschen Projektion des Schöpferischen auf ein jenseitiges Wesen mit der Folge der Entfremdung der menschlichen sozialen Existenz geht es darum, Natur, Seele, Geist und Himmel in einen Zusammenhang zu schauen und den Weg vom Dunkel zum Licht zu erhellen. Im Zeichen des wiedererwachenden Fundamentalismus nach dem Scheitern der Ideologien wäre dies vordringlich.

Die Gemeinsamkeit der vitalen zeitgenössischen Strömungen der Postmoderne und des New Age findet sich in der Ablehnung jeglicher systematischer Autorität im Verkennen der Tatsache, daß der gemeinsame Grund der Forschung nicht in einer popperschen Welt Drei — Geist als kulturelle Abstraktion — liegt, sondern im Begreifen der vernünftigen Grundlage eines Weltbildes, das über Sprache und Mathematik den Innenbau der Informationswelt im deterministischen Chaos klärt, das die Vorstellung eines gottgeschaffenen auf Ordnung fußenden Kosmos seit 1972 in allen Naturwissenschaften ersetzt hat.

Wenn das Weltbild der Sinnsuche nicht auch die Materie und den Mikrokosmos umfaßt, wäre ein Leben als Weg zur Vollendung nicht möglich. Der publizistische Erfolg der Celestinischen Prophezeiungen, eines neuen ganzheitlichen Mythos, zeigt die Bereitschaft vieler einen solchen Weg zu gehen. Aber solange dieser nicht rational geklärt ist, beschränkt er sich auf die private Ebene. Unser Schicksal in der Wassermannzeit ist nicht mehr Ethik oder Läuterung wie bei den Kirchen, sondern in chinesischer Fassung folgendes Axiom: Was für mich sinnvoll ist, muß für andere nützlich werden — eine neue Form der Nächstenliebe in der globalen technologischen Informationsgesellschaft.

Geistige Wiedergeburt im hermetischen Sinn ist die Schaffung eines unsterblichen Wesens im Werk der Weltkultur. Geothes Satz: Wer keinen Namen sich erwarb, gehört den Elementen an ist heute für jedermann gültig. Der geistige Mensch ist das Sprachwesen anstelle des physischen Tiermenschen, wenn auch in diesem angelegt. Aber dieses kann sich erst entfalten, wenn die Frage nach dem Sinn auf allen Ebenen der Möglichkeit und der Wirklichkeit eine zufriedenstellende Antwort findet.

Daß dies der Hermetik gelungen war, die im Abendland den esoterischen Untergrund der offiziellen Geschichte bildete, zeigt dieses Buch nicht nur im theoretischen Teil, sondern auch in den zitierten Quellen. Ich will diesen Ansatz in Folgendem mit Parallelen in anderen Kulturen im jungschen Sinn amplifizieren, ohne damit der künstlerischen Einheit des in französischer Klarheit geschrieben Werkes zu nahe zu treten. Ich beschränke mich daher auf zehn Signifikatoren, die Ralf Liedtke im zweiten Kapitel umreißt, und versuche sie durch andere Parameter zu ergänzen.

Die Zahl zehn als Klassifikation ist pythagoräisch, entstammt aber wohl den Fingern der Hände als Ursprache, wie sie bei den Aborigines heute noch im Gebrauch ist, zusammen mit Astronomie und Numerologie. Liedtke gliedert die Kriterien der Hermetik in folgende Themen:

  1. Dynamismus
  2. Autosoteriologie,
  3. Physikotheologie,
  4. Teleologie,
  5. Psychologie,
  6. Sympathie,
  7. Synkretismus,
  8. Eklektizismus,
  9. Analogie und
  10. Sensus communis.
Arnold Keyserling
Vernünftige Hermetik · 1999
Studienkreis KRITERION
© 1998- Schule des Rades
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