Schule des Rades

Arnold Keyserling

Heilung durch die Seele

Der Begriff der Geschichte als Weg zum Wissen ist abendländischer Herkunft. In Indien, im Islam, im Judentum war alles Entscheidende in der Offenbarung gesagt worden; in China, in den Frühling- und Herbstanalen von Konfuzius, wurde der Erfolg oder Mißerfolg der Fürsten mit ihren moralischen Qualitäten in Beziehung gesetzt; doch das Wissen war einmalig im Buch der Wandlungen geoffenbart, und wurde immer wieder neu kommentiert wie die Veden durch die Upanischaden. Die gleiche Beziehung zur Heiligen Schrift besteht auch im Christentum, doch hat sie in ihrer Wirkung gegenüber dem historischen Fortschrittsglauben im Abendland sowohl im profanen als auch im religiösen Bereich die zweite Rolle gespielt. Augustinus sah den Weg zum Heil als historische Entfaltung, betrachtete die Zeit als lineare Entwicklung der Heilsgeschichte im Gegensatz zur zyklischen Geschichte der weltlichen Reiche. Das Entscheidende am christlichen Bekenntnis war der Glaube an die historische Wirklichkeit des Todes und der Auferstehung des Jesus.

Heilsgeschichte ist religiös, die Geschichte der Paradigmen der Heilung hingegen bezieht sich auf die Einstellung zum Sinn des Lebens. Paradigma heißt Beispiel oder Vorbild, vor allem aber denkerischer Ansatz. Es umfaßt die Grundbegriffe und Kriterien, die die Welt in einer ganz bestimmten Weise auffassen, wie es Thomas Kuhn in seinem Buch über den Paradigmenwechsel der wissenschaftlichen Revolutionen [Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen] geschildert hat. So wollen auch wir unseren Vortrag über das ganzheitliche Denken mit dem griechischen Ursprung des Heilens beginnen und von ihm aus bis in die Problematik der Gegenwart fortschreiten.

Der erste mythische Lehrer der ärztlichen Kunst war der Zentaur Chiron, ein Wesen mit Menschenoberkörper und Pferdeleib. Der Name bedeutet auch die Hand, und die Fähigkeit des Arztes ist das Behandeln, vom Handauflegen des Priesters über die ärztliche Behandlung bis zu jeglicher Manipulierung. Wir wissen, daß Hand und Großhirn in enger Beziehung stehen, und der von den Fingern losgelöste Daumen die Grundlage für die Fähigkeit bildete, Werkzeuge zu schaffen. Ferner ist die Hand in der okkulten Wissenschaft der Chirologie der Spiegel des menschlichen Gemüts.

C h i r o n

Der Mensch hat zwei Beine im Unterschied zu den vier des Zentaur. Er ist ein Schreiter. Der Zentaur verkörpert die Kraft der Erde mit ihren vier Elementen Feuer, Erde, Luft, Wasser. Damit kann er seine Hände frei zum Behandeln gebrauchen. Doch auch den Menschen befähigen durch den aufrechten Gang die Hände zur Arbeit, zum Austausch, zur Begrüßung, zur Gestaltung, zur Bildung von Werkzeugen; sie können der Vorstellung einen materiellen Ausdruck verleihen. Hier vereinigt sich der mythische griechische Gedanke mit der jüdischen Auffassung, daß die Welt das Werk von Gottes Händen sei.

Chiron lehrte den Asklepios, den Vater der Heilkunst. Historisch war Asklepios ein König von Thesalien im zweiten vorchristlichen Jahrtausend, seine Enkel haben im trojanischen Kriegt hochbetagt als Arzt gewirkt. Asklepios erfand die Kunst, den Tod zu besiegen und alle Krankheiten zu heilen. Damit wurde der Hades arbeitslos, und Zeus tötete Asklepios, der fortan als Gott der Heilkunst verehrt wurde.

Hiermit ist das mythische Vorspiel abgeschlossen, und wir kommen in den Bereich der tatsächlichen Geschichte der Medizin. Überall in Griechenland gab es die Asklepieions, aus denen später die Krankenhäuser entstanden. Wir beschränken unsere Beschreibung auf jenes in Kos, wo ein Nachkomme des Asklepios, Hippokrates, die abendländische Medizin begründete. Heilung durch Kräuter und Minerale, durch Diäten und Veränderung der Lebensumstände gibt es seit Millionen von Jahren. Selbst Tiere kennen Heilkräuter und gebrauchen sie, um zu gesunden. Aber Tiere können einander nicht behandeln, sie werden in ihrem Verhalten durch Arterhaltungsinstinkt und Selbsterhaltungsinstinkt gesteuert. Der mythische Ursprung des Heilens wurde im Mysterium des Tempels von Kos veranschaulicht und vollzog sich über fünf Stufen.

Wenn ein Mensch eine Krankheit hatte, die nicht von einer falschen Lebensweise herrührte, welche durch einen Heilkundigen in eine gesunde verwandelt werden konnte, betrachtete er das Siechtum als von den Göttern gesandt. Was die Götter geschickt haben, kann der Mensch aus eigener Kraft nicht wenden, er bedarf ihrer Hilfe. An bestimmten Orten, die eigens dafür geschaffen oder intuitiv gefunden wurden, kann er sich dem Ursprung der Heilkraft um Hilfe bittend nähern.

Für Kos waren zwei Fragen maßgebend: Entweder hatte der Mensch eine unheilbare Krankheit, oder er hatte seinen Lebenssinn verloren. Auf beide gab der Gott im Tempel Antwort.

Der Adept fuhr nach Kos mit einem Geschenk, das seinen Mitteln angemessen war. Er tötete einen Widder, von dessen Fleisch er essen mußte, und brachte das Fell zum Heiligtum.

Als erste Stufe mußte es seine Frage vorbringen. Er wurde durch die Torhüter nur dann zugelassen, wenn die Frage echt war, wenn also der Wille bestand, sein Leben fortan im Einklang mit der Heilung oder der neuen Aufgabe zu führen.

Als zweite Stufe, tatsächlich dargestellt in einer Ebene des Heiligtums, mußte er alle Vergangenheit in einem Becken von sich abwaschen und ein weißes Gewand anziehen. Die Waschung wurde intentional der Reinigung der Seele gleichgesetzt.

Auf der dritten Stufe und Ebene mußte er für eine gewisse Zeit in einer Zelle fasten — eine Spanne die er selbst auswählte — und hier war der Ort des hippokratischen Spitals, wo ihm Ärzte mit den traditionellen Mitteln beistanden. Von der dritten Stufe des Heiligtums aus begann die Geschichte der Medizin, wie wir später sehen werden.

Auf der vierten Stufe stand der Tempel der Göttin Hygieia, begleitet von Eros-Hypnos, der Liebe und dem Schlaf. Hier mußte er seine eigene Weiblichkeit in der Göttin erkennen, versinnbildlicht durch eine Priesterin des Mondes. Danach schritt er nach rechts zum Tempel des männlichen Gottes Pan, dem Gehörnten, um über ihn seine Männlichkeit zu erfahren.

Beschreiben wir diese Stufe in heutiger psychologischer Sprache, so bedeutete sie die Lösung der Übertragung von den tatsächlichen Eltern und anderen Autoritätsfiguren. Pan, als Vertreter der Sonne, wurde zum männlichen Helfer und Hygieia zum weiblichen.

Erst wenn der Sucher männlich und weiblich integriert und vertieft hatte, konnte er die Stufen zur fünften Ebene erklimmen, wo der große Tempel der Heilung stand. Hier teilte sich der Weg: der unheilbar Kranke wurde in eine Grube gelegt, ähnlich einer indianischen Kiva. Dort blieb er während der drei Nächte der Verfinsterung des Mondes und erlebte im Tiefschlaf die Erscheinung des Gottes, falls er ihm den Weg zur Heilung offenbarte. Vollzogene Wunderheilungen wurden auf Bleiplatten aufgeschrieben. Eine davon berichtet: Asklepios forderte einen Mann, der seit Jahren gelähmt gewesen war, auf, er möge sich erheben und den größten Stein, den er in der Nähe fände, in den Tempel bringen, wo dieser bis zur Schließung des Heiligtums im sechsten Jahrhundert noch zu sehen war.

Wer nach seinem Sinn und seiner Aufgabe suchte, legte sich im Tempel auf sein eigenes Widderfell, das auf einer Lagerstätte ausgebreitet war, und wartete auf die Vision im Schlaf. Es erschien ihm der Gott in irgendeinem Bild, wie dem der Schlange, oder aber der Zwerg Telesphoros — jener, der das Ziel trägt — und offenbarte ihm seinen Weg in Worten oder in einem Bild. Das bekannteste Beispiel war der Rhetor Aristeides im dritten Jahrhundert, der hier seine Berufung zum Redner erfuhr und sein Erleben genau geschildert hat.

Die Berichte der gelungenen Wunderheilungen in Kos und in anderen Asklepieions wie in Epidauros ähneln denen von Lourdes. Entscheidend aber war in Kos, daß Hippokrates versuchte, beide Formen der Heilung, die persönliche von der Krankheit und die geistige der mangelnden Aufgabe für die Gesellschaft, in der Heilkunst zu vereinen, und somit den Schritt vom Mythos zum Logos zu vollziehen, der zum abendländischen Schicksal geworden ist.

Mythos bedeutete für die Griechen gestalthafte Wahrheit, Logos sprachlich nachprüfbare. Mit dem Beginn der ionischen Stadtstaaten, vor allem Milet, trat der Mythos, der bis dahin den Sinngrund des Lebens gebildet hatte, zurück und der Logos in den Vordergrund. Der Grieche nahm Abstand, bevor er eine Handlung begann: er suchte nach einem dramatischen Vorbild in der Vergangenheit, wodurch diese vereinzelte Handlung einen größeren Sinn erhielt. Je mehr nun das praktische Leben der Stadt durch rationale Entscheidungen gelenkt wurde, was bei der demokratischen unausweichlich war, desto wesentlicher wurde die Frage, ob es nicht ein anderes Kriterium für den Lebenssinn als den Mythos gäbe, etwas, was man logisch verifizieren könnte. So suchten die vorsokratischen Philosophen nach natürlichen Erklärungsprinzipien anstelle der Mythen: Thales fand die Arché im Wasser, Anaximander im Unendlichen, Anaximenes in der Luft, Pythagoras in der Zahl, Heraklit im Feuer, Xenophanes in den ruhenden Gesetzen, die dem Wandel zugrundeliegen, Parmenides im Sein und in der Logik — wenn etwas ist, dann ist das Gegenteil nicht, und im Rahmen dieser Gedanken gibt es kein Drittes. Das Sein wäre also das Kriterium der subjektiven Wahrheit, auf die man sich verlassen konnte, um von Doxa zu Episteme, von der Meinung zum verstandenen Wissen überzusetzen, und damit das vielfältige Chaos in einen Kosmos, in eine menschengemäße Ordnung zu verwandeln.

Die Vorsokratiker erfanden nicht etwa diese Gedanken, sie brachten sie in eine Form. In der babylonischen Überlieferung entsprechen die astrologischen Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft den Eigenschaften warm, feucht, trocken und kalt, sie wandeln sich dauernd ineinander. Empedokles, der erste Philosoph des Heilens, hatte behauptet, dieser Wandel unterliege den beiden Prinzipien Liebe und Streit oder Haß, und es sei die Aufgabe des Philosophen, den Menschen in die Liebe und damit zum Heil zu führen. Neben der äußeren Wirklichkeit gebe es die Welt der gestalthaften Urbilder: Augen ohne Hälse, Arme ohne Leiber, also die webende Vielfalt des Traumes — und aus ihr schöpfe der Heiler seine Intuition und Vision.

Auch Hippokrates bezeichnete sich als Philosoph: Iatros Philosophos ist eine seiner Aussprüche. Mit dem hippokratischen Eid schuf er die Ethik des Arztes; ferner erfand er die Hierarchie der Behandlungsformen und entdeckte die Entsprechungen der vier Elemente zu den Temperamenten, den humores, sie werden psychologisch den Funktionen gleichgesetzt.

Feuer
Wasser
Luft
Erde
cholerisch
phlegmatisch
sanguinisch
melancholisch
Wollen
Fühlen
Denken
Empfinden

Aller Medizin liegt die Heilkraft zugrunde, die sich in der Vision des Asklepios als menschliche Aufgabe, als kollektiver Sinn, oder als Gesundung von einer Krankheit als persönlicher Sinn äußert. Medizin bedeutet heilend zu helfen wenn das Gleichgewicht des Organismus nicht mehr von der doppelten Sinnkraft wiederhergestellt werden kann. In heutiger Terminologie bezeichnet man die Lebenskraft als Autopoiesis, Selbstorganisation.

Die Individualität des Kranken ist irrational. Wie kann man die Heilkraft anregen, ein gestörtes labiles Gleichgewicht wiederherzustellen? Im Asklepiosmysterium war es das Anliegen der dritten Stufe, durch das Fasten für eine bestimmte Zeit wird das Krankheitsbild für den Arzt überhaupt verständlich. Aber nun muß er sich entscheiden, wie er den Gesundungsprozeß anregen will.

Der dreifältige Organismus — körperlich, seelisch und geistig — sehnt sich nach Gesundheit, nach Ganzheit. Da ihm aber vielleicht Leid von außen her zugefügt wurde, von anderen Menschen oder gesellschaftlichen Umständen, kann auch ein anderer hilfreich eingreifen, um den Schaden wieder gutzumachen. Hier bieten sich zwei Weisen an, die man in heutiger Terminologie homöopathisch oder allopathisch nennt. Das eine ist die Behandlung durch Verstärkung der Symptome, das kochen. Die Heilung geschieht über die Ähnlichkeit der Medizin mit der Krankheit, um den Prozeß der Gesundung zu beschleunigen und zum Abschluß zu bringen. Die Krankheit ist immer die bestmögliche Antwort des Organismus auf eine Situation. So wird man ein Fieber vermehren oder einen Durchfall stärker werden lassen, um die Heilkraft anzuregen.

Die andere Weise ist die Wirkung durch das Gegenteil, durch Bekämpfung, die Allopathie. Um die störenden Symptome zum verschwinden zu bringen, wird man das Fieber senken oder den Durchfall stoppen.

Mittel haben eine individuelle und eine allgemeine Wirkung. Der Heiler als Charismatiker zielt auf die individuelle Heilung: der Arzt als Techniker und Lehrer, als Rationalist auf die allgemeine. Mit Galen im zweiten nachchristlichen Jahrhundert gewann der Rationalismus die Überhand, weil er sich besser beschreiben und erlernen läßt und ist bis heute im Abendland die Grundlage der Schulmedizin geblieben. In über zweihundert Werken schuf Galen ein Kompendium der Heilkunde, zum Teil beschreibend, doch in der Hauptsache auf kausalen Eingriff zielend.

Mit Paracelsus kam der erste Einbruch, eine Rückkehr zum individuellen Heilen. In seiner Lehre von den Signaturen und Entsprechungen, von der Eingliederung des Menschen in die Heilkraft, den Archeus zwischen sideralen, elementalen und dealen Kräften versuchte er individuelle und wissenschaftliche Bestimmung zu vereinen. Die Lehre von den Signaturen besagt: wenn eine Pflanze einem Organ ähnlich ist — etwa in der Form oder im Geruch — dann könnte sie auch heilend eingesetzt werden, denn für jede Krankheit habe Gott ein Kraut geschaffen. Die Natur sei hierarchisch auf Heilung hin geschaffen: jedes Korn meint den Weizen, jede Blume die Rose, jedes Metall das Gold. Die alchemistische Läuterung ist also sowohl ein körperlich-chemischer als auch ein seelisch-geistiger Prozeß, den der Arzt verstehen muß.

Die Krankheiten haben ihren Ursprung in den vier Elementen, die man aber erst dann versteht, wenn man ihre Wesenhaftigkeit als Geister begreift — die Trolle, Zwerge, Feen, Undinen, Sylphiden sind wirklich in der Traumwelt. Somit müßte die Gesundheit auch ein Verständnis dieser Wesen mit sich bringen; eine andere Auffassung der Geisteskrankheiten, die Paracelsus mit der schamanischen Tradition verbindet.

Paracelsus blieb ein Einzelgänger. Die rationale Einstellung hat seit Platon und Aristoteles, die das göttliche Sein der Ruhe und dem Gesetz gleichsetzen und es dem Werden überordneten, die Oberhand behalten. Sie ist das eigentliche Kennzeichen Europas und aller aus ihm entstandenen Kulturen bis zur heutigen weltweiten technologischen Zivilisation geblieben. Im 19. Jahrhundert wurde nun die wissenschaftliche Methode selbst — Erfahrung, wiederholbares Experiment, logische und mathematische Bestimmung über Messen und Zählen, Erklärung der Qualität durch die Quantität — auch für die Medizin übernommen, die sich nicht mehr der Heilkunde und Kunst, sondern als reine Naturwissenschaft begreifen wollte. Seither ist ein Kranker ein Fall und kein Individuum; Tod und Traum sind ausgeklammert. Mit der Erkenntnis der Zellstruktur, der Bakterien und Viren als Verursacher von Krankheiten, mit dem Überschreiten der Schwelle zwischen Physik und Biologie durch die Biochemie schien der rationale Anspruch endgültig gerechtfertigt. Er beschränkte sich nicht nur auf die Medizin, sondern ist seit Ende des letzten Jahrhundert zur herrschenden akademischen Weltanschauung geworden.

The Map is not the territory: Diese Wahrheit geriet im Bereich der wissenschaftlichen Medizin immer mehr in den Untergrund. Krankheiten werden diagnostisch definiert, führen ein Eigendasein. Sie sind nicht mehr integrierender Teil eines Menschen auf dem Weg zu einem höheren Dasein über den Tod hinaus, sondern Störungen, die gleichsam ingenieurhaft beseitigt werden sollen. Die Mehrheit der Patienten betrachtet den Körper wie ein Auto, das von Zeit zu Zeit repariert werden muß und wo schlechte Teile ausgetauscht werden. Man sieht Gesundung als Rehabilitation, als Wiederherstellung eines früheren Zustandes, beseitigt Schmerzen und viele Leiden, aber zum Sinn kann die rationale Schau nicht vordringen. Sie bleibt in den Mitteln stecken.

Angesichts dieser Tatsache entstand in den letzten Jahrzehnten überall eine Rückbesinnung auf alternative oder traditionelle Methoden. Den eigentlichen Schlüssel der Rückkehr zu Hippokrates finden wir aber in der klassischen Homöopathie, die vom Prinzip der Ähnlichkeit ausgeht: simila similibus curentur. Ursache jeglicher Krankheit ist ein Stoff, der bestimmte Symptome erzeugt. Die Symptome sind nicht kausal zu ergründen.

Weniger als ein Prozent der Heilmittel ist aus der Forschung entstanden, alle anderen wurden durch Zufall oder Intuition entdeckt. Was einen Menschen krank macht, daß muß er gleichsam werden. Daher muß das Medikament soweit verdünnt werden, daß nur die reine Information übrig bleibt, also unterhalb der Avogadroschen Zahl. Gleichzeitig wird die Energie durch Schütteln der Lösung potenziert, bis sie durch Resonanz imstande ist auf die genetische Struktur einzuwirken. Ähnlich wie ein Impfung und Immunisierung ist nun der Körper zu einem neuen Verhalten gegenüber der Umwelt fähig.

Im Ursprung gibt es laut Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie nur drei Miasmen: die Krankheiten Psora, Sykose und Syphilis. Die erste erscheint in schwerster Form als Aussatz, die zweite bringt Auswüchse, die dritte zerstört. Die erste ist primär, die zweite und dritte sind Abwandlungen der ersten.

Übersetzen wir diese eigenwillige Terminologie in philosophische Sprache, so ist für die Homöopathen die Ursache aller Krankheiten die Tatsache, daß der Mensch sich aus dem großen Zusammenhang, mit dem er über die Haut in Beziehung steht willkürlich vereinzelt: so die Psora. Diese Vereinzelung kann hektisch werden wie bei der Sykose, dann unterliegt er den Gefühlswallungen, und weiß garnicht mehr wann er lügt oder wahrhaftig ist; oder sie kann zerstörend werden wie in der Trägheit, so daß ein Mensch trotz besseren Wissens aus seiner Lage nicht mehr herauskommt. Er geht sehenden Auges in sein Unglück, sein Organismus zerstört sich wie bei der Syphilis.

Alle Medizin ist für den Homöopathen individuell und irrational. Infolgedessen ist die empirische Grundlage der Heilung die genaue Beschreibung aller Symptome, die in Zusammenhang mit einem Stoff in der Arzeneimittelprüfung auftauchen, körperliche Ausschläge ebenso wie seelische Verhaltensweisen oder düstere Erwartungen. Wo immer ein Mensch durch ein Medikament geheilt wurde, wurden in der Mater Medica die Symptome registriert. Es gibt keine Krankheiten, sondern nur kranke Menschen, und die gleiche schulmedizinische Krankheit wird homöopathisch bei zwei Menschen mit verschiedenen Mitteln geheilt werden. Man spricht in der Praxis von einem Phosphor oder einem Schwefel, der in die Sprechstunde kommt.

Alle Krankheitskeime sind dauernd vorhanden. Welcher die Oberhand gewinnt, hängt von der Individualität ab. Wird aufgrund der Symptome das richtige Mittel gegeben, so tritt die Erstverschlimmerung ein. Durch die allopathische Behandlung sind die Krankheiten immer tiefer in den Organismus eingedrungen und müssen in umgekehrter Richtung wieder erscheinen, bis die Gesundheit erreicht ist.

Um die Krankheit zu erkennen, verwendet der klassische Homöopath sieben Stufen der Anamnese, die für jegliche Sinnfindung wichtig sind und die ich daher genau schildere.

  1. Wie kommt der Patient in die Sprechstunde: Was sind seine Gebärden, wie setzt er sich, welche Ausdrücke gebraucht er, was ist seine Phänomenologie (blaß, fahrig, energisch, begeistert)?
  2. Die Spontanerzählung: Wie sieht er seine Leiden, warum kommt er zum Arzt? Berichtet er exakt, übertreibt oder untertreibt er?
  3. Die Stimmung: Will er nur von seinen Symptomen geheilt, also aktuell behandelt werden, oder tatsächlich gesunden, kausal bis zum Ursprung des Leidens zurückgehen, zu einer falschen Entscheidung, einem Trauma oder schwerwiegenden äußeren Umständen?
  4. Was sind die existentiellen Symptome? Wie lebt der Mensch, was sind seine Ängste, Träume und Emotionen? Wie sieht er die Gesellschaft, seine Ehe, seinen Beruf, seine Kompetenz? Wo glaubt er willentlich eingegriffen zu haben, selbständig zu entscheiden oder in Abhängigkeit oder Trägheit zu verharren?
  5. Organotropie: In welchen Organen schlägt sich die Krankheit nieder, was sind deren Entsprechungen in der Gesellschaft? (Magen – Ernährung; Leber – Energie…)
  6. Wie ist das Verhältnis zur eigenen Herkunft, zu den Eltern, vielleicht zu früheren Inkarnationen? Wie steht es mit der Geburt und der embryonalen Entwicklung? Wie war die Geburt? An welchen Vorfahren knüpft er an, zu welchen steht er in Gegensatz?
  7. Wie hierarchisiert er sein Leben, was ist sein Sinn? Wie können wir die Symptome nach ihrer Wichtigkeit ordnen? Welcher Wert ist für ihn im Augenblick der höchste?

Offensichtlich überschreitet die Anamnese bei weitem das, was ein gewöhnlicher Patient vom Arzt erwartet. Während die allopathische, auf Gegensatz gegründete Medizin den Menschen immer allgemeiner als Fall sieht, will der Homöopath die Individualität verstehen. Es ist daher kein Wunder, daß ihm andere Wege der Heilung als Ergänzung verständlicher sind als dem Schulmediziner: Die chinesische Akupunktur, für die Krankheit Stagnation im Wechselfluß der fünf Zustände ist und die alles Geschehen auf Yin und Yang und ihren Gegensatz zurückführt; die Feldenkrais-Methode, die damit heilt, daß sie die Bewegungsabläufe auf ihren Ursprung zurückführt; die Chiropraktik und Osteopathie, und natürlich die traditionelle Kräutermedizin.

All diese Disziplinen gehen von der Ganzheit und der Gesundung aus. Sie bilden daher die echte Ergänzung der wissenschaftlichen Forschung in der Schulmedizin. Man kann letztere mit den Überlebens­strategien vergleichen, die traditionellen Methoden hingegen als Suche nach der verlorenen Ganzheit bestimmen. Aber sowohl Allopathie als auch Homöopathie gehen vom Organismus selbst aus und nicht von seiner möglichen Eingewobenheit ins Jenseits. Diese Frage beschäftigt eine ganz andere Weise der Ganzheitsfindung, welche uns vor allem die geistige und religiösen Heilswege vermitteln können.

Arnold Keyserling
Heilung durch die Seele · 1999
© 1998- Schule des Rades
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